Studie


15.04.2014

Auswirkungen einer Trennung von KVG und VVG gemäss Geschäft des Bundesrats 13.080

Executive Summary

Das Geschäft des Bundesrats (BRG) 13.080 schlägt eine strikte Trennung von KVG und VVG vor, wobei der Bundesrat ca. CHF 10 Mio. für die Umsetzung wie auch ca. CHF 10 Mio. pro Jahr für den getrennten Betrieb veranschlagt hat. The Boston Consulting Group (BCG) wurde von der "Stiftung zur Förderung besonderer gemeinschaftlicher Aufgaben der sozialen Krankenversicherung" beauftragt, hierzu eine Studie zu erstellen und wiederkehrende Auswirkungen auf Krankenversicherungen, Leistungserbringer und Versicherte zu untersuchen, welche durch eine strikte Trennung der Prozesse zwischen KVG und VVG ausgelöst werden. Ausserdem sollten die jährlichen Mehrkosten im getrennten Betrieb von Krankenversicherungen quantitativ betrachtet werden. Reine Umstellungskosten der Trennung sowie auch Effekte auf Leistungskosten wurden hierbei nicht untersucht, der Bericht fokussiert sich auf anfallende Mehrkosten in der Verwaltung und zeichnet ein gemässigtes Szenario, in welchem noch Synergieeffekte in einzelnen Bereichen zwischen KVG und VVG genutzt werden.

 

Die vorliegende Studie kommt zum Schluss, dass die zusätzlich auftretenden Verwaltungskosten für Krankenversicherungen im KVG und VVG ca. CHF 400 Mio. pro Jahr im Vergleich zum heutigen Stand betragen. Damit steigern sich die Gesamtverwaltungskosten (KVG und VVG) um ca. 15% aufgrund des auftretenden Mehraufwands einer Trennung (zusätzliche Arbeit und Kosten, z.B. durch höhere Portokosten, Scangebühren, etc.) sowie aufgrund von Synergieverlusten vor allem durch die Teilung von Organisationseinheiten. Die grössten Auswirkungen zeigen sich in den folgenden fünf Bereichen:

     

  • Im Bereich Leistungen resultieren zusätzliche Aufwände von ca. CHF 70 Mio. pro Jahr. In der Leistungsabrechnung fällt eine höhere Gesamtmenge an Belegen an (z.B. durch Belege, welche sowohl KVG als auch VVG Leistungen abdecken oder durch Einreichung beim falschen Ansprechpartner). Ausserdem muss eine höhere Zahl von Kundenanliegen bearbeitet werden (z.B. bei Unklarheiten, wer der richtige Ansprechpartner ist).
  • Im Bereich Beratung und Vertrieb ergeben sich zusätzliche Aufwände von ca. CHF 130 Mio. pro Jahr. Diese resultieren hauptsächlich aus der separaten Information, Akquise, Offertenerstellung sowie getrennten Beratungsgesprächen für Neukunden.
  • Ca. CHF 80 Mio. Mehraufwand pro Jahr resultieren für die Kundenbetreuung. Die Gründe für diesen Anstieg liegen hauptsächlich in der Verwendung zweier Versichertenkarten pro Versicherten, getrennten Beratungen sowie doppelten Änderungen der Kundenstammdaten.
  • Im Bereich IT wird der zusätzliche Aufwand auf ca. CHF 50 Mio. pro Jahr geschätzt. Der Mehraufwand entsteht hier durch die Wartung und Softwareentwicklung von zwei getrennten IT Systemen sowie IT Support für eine höhere Gesamtanzahl an Mitarbeitern.
  • Um ca. CHF 70 Mio. erhöht sich der jährliche Aufwand im Finanzbereich. Getrennte Prämienrechnungen sowie eine höhere Menge an Zahlungsein- und -ausgängen sowie Zahlungserinnerungen sind die Hauptgründe hierfür.
     
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Es ergeben sich keine fundamentalen Veränderungen im Betrieb für Leistungserbringer (mit Fokus auf Spitäler und Ärzte). Die Tarifverhandlungen, die Fakturierung sowie die Kommunikation bzw. Zusammenarbeit mit Versicherungen werden nicht grundlegend beeinflusst. Die Anzahl der Ansprechpartner auf Versicherungsseite würde sich für Spitäler mit Angebot von Zusatzversicherungsleistungen steigern. 

Versicherte stehen bei einer Trennung zeitlichem und finanziellem Mehraufwand gegenüber. Dieser ergibt sich vor allem aufgrund der folgenden Veränderungen:

     

  • Sie müssen zwischen KVG und VVG Stellen koordinieren, da diese nicht eigenständig kommunizieren und Daten austauschen dürfen.
  • Bei Versicherungsabschluss, Datenänderungen, Leistungsabrechnung und Zahlungsverkehr müssen sowohl der KVG als auch der VVG Versicherer kontaktiert und involviert werden.
  • Es kann nicht mehr, wie bisher häufig der Fall, eine gemeinsame Versichertenkarte für KVG und VVG genutzt werden. Stattdessen bedarf es separater Versichertenkarten.
  • Heute unterscheiden Versicherte häufig kaum zwischen Grund- und Zusatzversicherung. Daher sind Unklarheiten betreffend der Zuständigkeiten der einzelnen Bereiche zu erwarten.
     
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Für Versicherte, welche Zweifel über die Verwendung ihrer Daten hegen, gibt es bereits heute die Möglichkeit, ihre Grund- und Zusatzversicherung bei zwei verschiedenen Anbietern abzuschliessen. Die Trennung von KVG und VVG hat höchstwahrscheinlich auch Einfluss auf die Leistungskosten. Ein eventuelles Risiko besteht darin, dass Krankenversicherer durch die organisatorischen Veränderungen vom Kerngeschäft (und damit auch der strikten Kontrolle der Leistungskosten) abgelenkt werden. Leistungseinkauf und -abrechnung werden mit marginalen Änderungen analog heute bestehen und somit wohl wenig Einfluss auf die Veränderung haben.

Durch die strikte Trennung der einzelnen Prozesse und zugeordneten Mitarbeiter, sofern nötig, zeigt sich ein Mehraufwand von ca. CHF 400 Mio. pro Jahr. Dieser könnte ungefähr das derzeitige Jahresbudget des Stadtspitals Triemli mit rund 480 Betten, mehr als das Jahresgesundheitsbudget des Kantons Graubünden, ca. 3'500 jährliche Alterspflegeheimplätze oder alternativ ca. 5'700 Vollzeitstellen für medizinisches, pflegerisches oder sozialtätiges Fachpersonal finanzieren.

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