Das Geschäft boomt; die Kosten auch

infosantésuisse-Artikel


01.06.2017

Fokus Physiotherapie

Das Geschäft boomt; die Kosten auch

Ob der medialen Aufregung rund um den bundesrätlichen Eingriff in die ambulante ärztliche Tarifstruktur TARMED ist sie etwas untergegangen, die Meldung, wonach der Bundesrat auch bei den Physiotherapie-Tarifen ein Machtwort gesprochen hat, wenn auch nicht so drastisch wie beim Arzttarif. Was hat diesen Tarifeingriff nötig gemacht? Und wie kommt es, dass die Physiotherapie-Kosten jedes Jahr zweistellig wachsen?

Das Geschäft mit der Physiotherapie boomt: 2016 sind die über die Grundversicherung abgerechneten Kosten auf ein Allzeithoch von 940 Millionen Franken angestiegen, im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von knapp 11 Prozent. Zugegeben, verglichen mit den rund 30 Milliarden Gesamtkosten, die jährlich über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abgerechnet werden, erscheint die knappe Milliarde für Behandlungen am Bewegungsapparat beinahe schon bescheiden. Aber eben nur beinahe. Denn für die Krankenversicherersind die zweistelligen jährlichen Wachstumsraten bei den Physiotherapie-Kosten durchaus Grund zur Sorge. Genauso wie die seit Jahren blockierten Verhandlungen hin zu einem neuen Tarifstrukturvertrag.

Mehr Verschreibungen, höhere

Taxpunktwerte Auf die Gründe des Physio-KostenBooms angesprochen, meint Markus Baumgartner, Leiter ambulante Tarifstrukturen bei tarifsuisse: «Der offensichtlichste ist die Erhöhung des Taxpunktwertes um acht Rappen, auf die sich die Vertragspartner im April 2014 geeinigt haben. Das waren sozusagen Mehrkosten mit Ansage. Als alleinige ErklärungfürdasandauerndemassiveKostenwachstum taugt die Taxpunktwerterhöhung allerdings nicht. Denn Kopfzerbrechen bereitet uns auch die stetige Mengenausweitung bei den Physio- Behandlungen, über deren Gründe wir grösstenteils nur spekulieren können. Einerseits gehen wir davon aus, dass Ärztinnen und Ärzte wesentlich mehr Behandlungen am Bewegungsapparat verschreiben, als noch vor einigen Jahren. Andererseits beobachten wir, dass auch die Anzahl der Physio-Konsultationen pro erkrankte Person stetig steigt (Grafik 1). Und schliesslich vermuten die Experten einen gewissen «DRG-Effekt»: Mit der Einführung der Fallpauschalen für stationäre Behandlungen werden vermehrt Physiotherapie-Sitzungen in den ambulanten Bereich verlagert. All dies mit dem Resultat, dass es immer mehr selbstständige Physiotherapeuten gibt, die wiederum genügend Patienten brauchen, um den Umsatz ihrer Praxis zu sichern. Allein zwischen 2011 und 2015 ist die Zahl der Physiotherapeuten mit eigenen Praxen um 17,5 Prozent von rund 6000 auf knapp 7000 angestiegen (Grafik 2). Man kann also ruhig sagen, dass hier Nachfrage und Angebot eine unheilige Allianz bilden».

Physiotherapie - Anzahl Konsultationen pro Erkrankte Person

 

Entwicklung Anzahl Physiotherapeuten

Das Feilschen um die Kostenneutralität

Diese Entwicklung zu werten oder zu beeinflussen, liegt nicht in der Kompetenz der Krankenversicherer. Die Versicherer müssen davon ausgehen, dass die Leistungserbringer in jedem Fall das medizinisch Richtige und Notwendige tun. Und nach wie vor gilt: ohne ärztliche Verordnung keine Physiotherapie. In der Mitverantwortung stehen die Krankenversicherer hingegen als Tarifpartner, wenn es darum geht, für Physiotherapiebehandlungen eine sachgerechte und transparente Tarifstruktur festzulegen. Ein Unterfangen allerdings, das in den vergangenen Jahren immer wieder gescheitert ist. Zuletzt Mitte 2016, als die beiden Verbände der Physiotherapeuten – «Physioswiss» und «aspi» – die Verhandlungen mit den Krankenversicherungsverbänden santésuisse und curafutura sowie dem Spitalverband H+ einmal mehr abgebrochen haben. Der Streitpunkt: Man war sich zwar nach zähen Verhandlungen einig über die neue Tarifstruktur, nicht jedoch über eine Normierung derselben. Will heissen, die vom Bundesrat vorgeschriebene Kostenneutralität – die Anzahl der anrechenbaren Taxpunkte wäre nach der Revision gleich geblieben – wurde von den Physiotherapeuten zwar akzeptiert, allerdings nur unter der Bedingung, dass mit der Normierung gleichzeitig eine substanzielle Taxpunktwerterhöhung einhergehen müsse. Dies mit der Begründung, ein kostendeckendes Arbeiten seisonst unmöglich. Eine Forderung, der die übrigen Tarifpartner nicht zustimmen konnten. Übriggeblieben nach den Verhandlungen istschliesslich ein Scherbenhaufen, den der Bundesrat jetzt sozusagen per Dekret notdürftig kitten muss.

«Amtstarif» als das kleinere

Übel Dass in der Physiotherapie ab Januar 2018 ein Amtstarif gelten wird, ist für Markus Baumgartner bedauerlich, aber nachvollziehbar: «Natürlich hätten wir eine einvernehmliche Verhandlungslösung unter den Vertragspartnern bevorzugt. Zumal wir überzeugtsind, dass die erarbeiteten Grundlagen und Eckwerte der ursprünglich gemeinsam festgelegten Tarif- und Kostenstruktur fair waren und den modernen Praxisalltag abbildeten. Solange die Berufsverbände der Physiotherapeuten jedoch der Meinung sind, dassjede Revision einer Tarifstruktur auch automatisch höhere Einnahmen zur Folge haben muss, bevorzugen wir das kostenneutrale Verdikt aus Bundesbern, das zumindest eine verbesserte Transparenz bei der Leistungsabrechnung mitsich bringt und gewisse Fehlanreize reduziert».

Mindestens 25 Minuten für den Patienten

Insbesondere begrüsst santésuisse die neu geltende Mindestdauer einer Behandlung. So hat der Bundesrat festgelegt, dass sich die Physiotherapeutin, der Physiotherapeut im Rahmen einer Einzelsitzungspauschale mit zugewiesenem Zeitaufwand von 30 Minuten mindestens 25 Minuten der Behandlung des Patienten widmen muss, bei aufwändigen Therapien mindestens 40 Minuten. Für Behandlungsvorbereitung und Dossier-Führung sind jeweils fünf Minuten aufzuwenden. Der Patient kann also künftig nachvollziehen, ob er die ärztlich verschriebene Behandlung tatsächlich im vollen Umfang erhalten hat. Zudem sind besondere Aufwände separat auszuweisen und zu verrechnen, was Patienten wie Krankenversicherern die Rechnungskontrolle erleichtert.

Tarifpartner nach wie vor in der Pflicht

In jedem Fall ist punkto Physio-Tarifstruktur das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn nach wie vor stehen die Tarifpartner in der Pflicht, dem Bundesrat in nützlicher Frist eine gemeinsam erarbeitete Lösung zu unterbreiten. Für den Tarifspezialisten Baumgartner ist denn auch klar, dass die Verhandlungen zwischen den Vertragspartnern so rasch wie möglich wieder aufgenommen werden müssen: «Ziel künftiger Gespräche muss es sein, sich auf eine zeitgemässe, sachgerechte Tarifstruktur zu einigen, welche die physiotherapeutischen Leistungen transparent abbildet, auf klaren Abrechnungsregeln basiert und messbare Qualitätskriterien beinhaltet. Dies bedingt aber, dass die Therapeuten bereit sind, Strukturdiskussionen und Taxpunktverhandlungen strikte voneinander zu trennen und zu messbaren Qualitätskriterien Hand zu bieten». (SST)

Susanne Steffen

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