Die App ersetzt nicht den Arzt

infosantésuisse-Artikel


01.06.2017

«EPatient Survey 2017»

Die App ersetzt nicht den Arzt

Der «EPatient Survey»** ist die grösste Online-Befragung zum Thema digitale Gesundheit in der Schweiz und im Frühjahr 2017 bereits zum 6. Mal durchgeführt worden. Die Resultate sind aufschlussreich: Zwar nutzen immer mehr Menschen Gesundheits-Apps, brechen ihre «Therapie» jedoch bereits nach wenigen Wochen wieder ab. Und sie wünschen sich von ihrer Krankenversicherung Orientierung und Unterstützung bei der Vielzahl von Apps, zögern aber, ihre Gesundheitsdaten mit ihrer Krankenversicherung zu teilen.

Der Trend ist eindeutig: Gesunde und Patienten in der Schweiz benutzen verstärkt Apps zu Themen der Prävention, Diagnose und Therapie. In der Vielfalt der digitalen Gesundheitsanwendungen verbreiten sich dabei CoachingApps und Online-Zweitmeinungen am stärksten. Um die Tendenz vergleichen zu können, werden im «EPatient Survey» jährlich wiederkehrende Fragen gestellt. Darüber hinaus lag der diesjährige Fokus auf der Handhabe und den Erfahrungen, die mit Apps gemacht wurden sowie auf besonders hilfreich empfundenen Funktionen. Die Weitergabe persönlicher Daten, die erstmalige Abfrage der verwendeten AppProduktnamen sowie deren Auswirkungen auf Therapieentscheidungen waren weitere Schwerpunkte der Befragung.

Apps: Nach wenigen Wochen ist Schluss

Von den über 8400 vorliegenden App-Bewertungen durch die Teilnehmenden erweisen sich bei den allgemeinen Gesundheits-Anwendungen die Funktionen Tracking und Motivationselemente als sehr beliebt. Gefolgt von Coachingund Diagnostikprogrammen, Zweitmeinungsanwendungen sowie Adhärenz- und Videosprechstunde-Software. Aber, und hier kommt die Ernüchterung: Nach ein paar Wochen ist bereits wieder Schluss. Das Verhalten der Zielgruppen für digitale Gesundheitsanwendungen zeigt nämlich, dass die Therapietreue eine Herausforderung darstellt. Zwar steigt die Zahlungsbereitschaft für neue digitale Anwendungen, aber am Durchhaltewillen fehlt es. Weniger als einer von drei Anwendern nutztseine Gesundheits-Applikationen über längere Zeit. Ein Ergebnis, das übrigens auch von anderen internationalen Studien bestätigt wird.

Lieber Mainstream als klinisch getestet

Die 2017 von den Teilnehmern erstmals abgefragten AppProduktenamen zeigen zudem, dass gute Therapie-Apps ihre Zielgruppe im Markt gegenüber den Mainstream-Angeboten noch nicht ausreichend gefunden haben. So sind klinisch evaluierte digitale Anwendungen beispielsweise bei den Indikationen Asthma, Depression oder Herz-Kreislauferkrankungen in der jeweiligen digitalen Patientenzielgruppe zwar vorhanden, jedoch noch sehr gering verbreitet. Das liegt unter anderem primär daran, dass klinische Studien für Apps und digitale Interventionen, genauso wie für Medikamente, hohe Investitionssummen bedingen. Geld, das die Entwickler – in der Regel Start-up-Unternehmen – nicht haben.

Therapieentscheidung: der Arzt geht vor

Deutlich wird in der Befragung auch, dass die App den Arzt nicht ersetzt: Rund 75 Prozent der Nutzer besprechen die Therapieempfehlung einer App mit ihrem Arzt, um zu erfahren, was dieser davon hält. Interessant ist dabei die Tatsache, dass immerhin jede zehnte Person die Therapieempfehlungen der App nicht mit ihrem behandelnden, sondern einem anderen Arzt bespricht. Knapp 15 Prozent der Nutzer ignorieren die digitalen Therapieempfehlungen und setzen vollständig auf die Anweisungen des Arztes. Und nur gerade vier Prozent der Befragten befolgen die Online-Ratschläge, welche die App vorgibt (siehe Grafik 1). Das bedeutet, dass die App im Zusammenspiel Arzt/Patient – wenn auch niedrigschwellig – für Irritationen sorgt. Eine ganzheitliche Lösung wäre, wenn der Arzt dem Patienten, in Ergänzung zu seiner Therapie, zusätzlich eine stimmige digitale Anwendung empfehlen würde.

 

Die App empfiehlt, der Arzt entscheidet

Datennutzung: Misstrauen gegenüber den Versicherern

An die 70 Prozent der App-Nutzer sind bereit, ihre persönlichen Vital- und Krankheitsdaten zu Forschungszwecken mit Arzt und Spital zu teilen. Hingegen wären nur gerade 23 Prozent der Befragten damit einverstanden, den Datenzugang auch ihrem Krankenversicherer zu gewähren (siehe Grafik 2).

Bereitschaft zum Teilen von digitalen Gesundheitsdaten

«App-affine» Schweizerinnen und Schweizer

Im Ländervergleich nutzen die Schweizerinnen und Schweizer im Vergleich zu den Bürgern in Deutschland leicht häufiger Gesundheits-Apps. Insbesondere Apps zu allgemeinen Gesundheitsthemen, auf dem Mobiltelefon vorinstallierte Gesundheits-Apps aber auch Diagnostik-Apps sind in unserem Land stark verbreitet. Ein Mitgrund dafür mag die in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland leicht höhere Verbreitung von Smartphones sein.

Herausforderungen an die Krankenversicherer

Die Umfrage dokumentiert: Mit webbasierten Interventionen personalisierte Prävention anzubieten, hat zunehmend Potenzial. Insbesondere wenn es darum geht, chronisch Kranke bei ihrer Therapie zu unterstützen. Derzeit haben die Krankenversicherer jedoch insgesamt noch zu wenig Wissen, um die Vielfalt der sich bietenden Möglichkeiten für Versicherte und Patienten effektiv zu nutzen. Oft fehlt es an einer sauberen digitalen Zielgruppenanalyse, um ein Zielgruppenvolumen zu berechnen – beispielsweise Smartphone-Benutzer mit der Diagnose Diabetes oder Asthma. Dieses Vorgehen verlangt Methoden aus der Mediennutzungsforschung und ist vergleichbar mit den Ansätzen aus der Versorgungsforschung. Erste wissenschaftliche und praktische Erfahrungen zeigen denn auch, dass ein digitaler Gesundheitsdienst umso mehr Verbreitung findet – und umso besser wirkt – je intelligenter, automatisierter und interaktiver er sich an seine individuellen Nutzer anpassen kann. Dazu gehört unter anderem «Wissen» zu den jeweiligen Lebensumständen und dem individuellen Alltag, aber auch zum aktuellen Behandlungspfad sowie zur individuellen Gesundheits- und Digitalkompetenz. Der Austausch mit Startup-Unternehmen, die sich auf den digitalen Gesundheitsmarkt fokussieren, kann dabei weiterhelfen, weil diese bei der Entwicklung ihrer Anwendungen die konsequente Nutzer- und Nutzenperspektive sowie eine konkrete Alltags- und Versorgungssituation berücksichtigen.

Alexander Schachinger

* Dr. Alexander Schachinger ist Gründer und Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH in Berlin. Er entwickelte den «EPatient Survey» kurz nach seiner Promotion zum Thema «Digitaler Patient» im Jahr 2010.

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Weiterführende Informationen

Die Studie

Der EPatient Survey ist die grösste Online-Befragung zum Themenkreis «Digitale Gesundheit» und «Patient im Netz» und wird jährlich in Deutschland, Österreich sowie der Schweiz durchgeführt. Seit 2010 haben mehr als 40000 GesundheitsSurfer an der Umfrage teilgenommen. Die anonyme Befragung läuft auf den reichweitenstärksten Webseiten und Newslettern von Krankenversicherern, Gesundheitsportalen, Patientenorganisationen, Startups und weiteren Organisationen. In der Schweiz haben zwischen März und April 2017 rund 2000 Personen an der Befragung teilgenommen. Siehe auch: www.epatient-survey.de Neben Angaben zur Person, der eigenen Krankheitsbetroffenheit, der erhaltenen Therapie sowie dem aktuellen Behandlungspfad werden im Detail Fragen zu Nutzungsmustern und Nutzungsverbreitung, Auswirkungen, Zahlungsbereitschaft und weiteren Aspekten der digitalen Gesundheitsanwendungen abgefragt.