Die Diagnostik geht ins Geld

infosantésuisse-Artikel


31.07.2017

Kontinuierlich steigende Laborkosten

Die Diagnostik geht ins Geld

Es sind jährlich rund 1,4 Milliarden Franken, die derzeit für Laboruntersuchungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung verrechnet werden. Tendenz steigend. Das Dilemma: Einerseits trägt die immer präzisere Labordiagnostik zur Behandlungseffizienz bei. Andererseits verführen die technischen Fortschritte dazu, das System mit übertriebenen oder unnötigen Analysen auszureizen.

Zwischen 2012 und 2016 sind die über die Grundversicherung (OKP) abgerechneten Laborkosten um 38 Prozent gestiegen. Konkret verursachten medizinische Analysen, durchgeführt in Privat- und Arztlaboratorien, pro Jahr Kosten von rund 1,4 Milliarden Franken. Über die Gründe dieser rasanten Entwicklung lässt sich aufgrund fehlender Individualdaten grösstenteils nur spekulieren. Zumal Kostensteigerungen aufgrund von Tariferhöhungen wegfallen, weil die labormedizinischen Analysen nach einem «Amtstarif» abgerechnet werden. Das heisst, die Preise für die in der Analysenliste (AL) als Pflichtleistung aufgeführten und somit verrechenbaren Leistungen sind behördlich festgelegt und 2009 letztmals einer Revision unterzogen worden.

Mehr Patienten und höhere Analysekosten pro Konsultation

Experten führen den überdurchschnittlich hohen Kostenanstieg im Bereich der Labordiagnostik denn auch primär auf eine Mengenausweitung zurück – in zweierlei Hinsicht: Einerseits werden vor allem aus soziodemografischen Gründen immer mehr Laboranalysen nötig, andererseits kommen dank technischem und medizinischem Fortschritt ständig neue Leistungen auf die Analysenliste und werden – innerhalb der Limitation – folglich auch verordnet. Dies zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Laborkosten, die von Ärzten mit eigener Praxis pro Konsultation verordnet werden, in den vergangenen vier Jahren um satte 24 Prozent gestiegen sind, auf heute Fr. 26.90.

KOSTENENTWICKLUNG LABORDIAGNOSTIK 2013 BIS 2016

Nicht nötig, aber Teil des Pakets

Der Trend zu mehr medizinischer Labordiagnostik – mit entsprechenden Kostenfolgen – zeigt sich auch bei den OKP-Leistungen, die durch private Auftragslaboratorien abgerechnet werden. So gehen die Fachleute davon aus, dass unter anderem der Trend zu sogenannten «Blockanalysen» einiges an Mehrkosten verursacht: Die moderne Labordiagnostik ermöglicht mit wenig Mehraufwand umfassende zusätzliche Analyseergebnisse. Statt Einzelanalysen, zum Beispiel die Bestimmung des Hämoglobin-Wertes, entscheidet sich der Arzt oft für eine Blutstatus-Blockanalyse. Das heisst, das Auftragslabor liefert im selben Aufwasch auch noch die Werte für Leukozyten, Erythrozyten oder Hämatokrit. Aber auch genetische Analysen – dank ihnen sollen Nebenwirkungen bei bestimmten Therapien vermieden oder zumindest reduziert werden – belasten die OKP. Genauso wie die Zunahme nicht-invasiver pränataler genetischer Tests.

Der vermutete «DRG-Effekt»

Weiter vermuten die Fachleute, dass die stark steigenden Laborkosten in einem gewissen Grad auch auf einen «DRGEffekt» zurückzuführen sind: Obschon die notwendigen Laboranalysen in den akutstationären Spitalpauschalen eintarifiert sind, werden diese teilweise ambulant abgerechnet. Oder, die LaborDiagnostikleistungen werden im voroder nachgelagerten Bereich erbracht und somit ebenfallsseparat verrechnet. Allerdingsfehlen den Krankenversicherern auch hier konkrete datengestützte Fakten, um korrigierend eingreifen zu können. (SST)

Susanne Steffen

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