Die Reserven, das Rückgrat der schuldenlosen Krankenversicherung

infosantésuisse-Artikel


01.02.2017

Dauerthema Reserven: Einige Fakten

Die Reserven, das Rückgrat der schuldenlosen Krankenversicherung

Seit Monaten geisseln Westschweizer Konsumentenorganisationen die Reserven-Politik der Krankenversicherer. Diese würden Jahr für Jahr exorbitant hohe Summen horten, ohne dass die Versicherten in Form von Prämienreduktionen vom guten Geschäftsgang profitieren könnten. Höchste Zeit also für einen Blick auf die Fakten zum Thema Reserven.

«Mit diesem Schreiben bitte ich Sie, mir meinen Prämienanteil, mit dem ich unnötig hohe Reserven mitfinanziert habe, zum schnellstmöglichen Termin zurückzuzahlen». Diese und ähnliche Musterbriefe landen derzeit in den Briefkästen einiger Krankenversicherer. Initiiert wurde die Aktion vom Westschweizer Konsumentenmagazin «Bon à Savoir», mitunterstützt von der Konsumentenorganisation «Fédération Romande des Consommateurs» (frc). Der Vorwurf an die Krankenversicherer: Diese hätten in den vergangenen Jahren zulasten der Prämienzahlenden Reserven in astronomischer Höhe gehortet. Eine Behauptung, die nicht nur am Ziel vorbeischiesst, sondern auch die Versicherten in die Irre führt.

Die Verantwortung der Krankenversicherer

Im Unterschied zur Pensionskasse basiert die Krankenversicherung auf einer solidarischen Finanzierung. Die Reserven eines Krankenversicherers kommen deshalb seinem gesamten Versichertenkollektiv zugute und dienen zur Sicherstellung der längerfristigen Zahlungsfähigkeit. Es gibt somit weder individuelle noch kantonale Reserven. Entsprechen die Rücklagen nicht dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimum, interveniert die Aufsichtsbehörde. Die Reserven der Krankenversicherer dienen Versicherten und Leistungserbringern gleichermassen. Ersteren garantieren sie, dass bei Leistungskosten, welche die Prognosen übersteigen, keine Nachzahlungen verlangt werden – wie das beispielsweise bei der individuellen Heizkostenabrechnung nach einem strengen Winter der Fall ist. Den Leistungserbringern bieten sie die Gewähr, dass die von ihnen erbrachten medizinischen Leistungen jederzeit und in jedem Fall finanziell abgesichert sind. Die Reserven – die Rede ist auch von Rücklagen – decken aber auch das Unternehmerrisiko eines Versicherers, zum Beispiel bei stark schwankenden Bestandsänderungen, einem Rückgang der Börsenwerte oder branchenspezifischen Risiken wie eine Epidemie oder Pandemie.

Neue gesetzliche Grundlagen

Bis 2011 wurden die Reserven der Krankenversicherer in Prozenten der Prämien festgelegt, abgestuft nach dem jeweiligen Versichertenbestand. Insgesamt beliefen sich die Reserven aller Krankenversicherer Ende 2011 auf rund 3,7 Milliarden Franken. 2012 führte der Bundesrat eine neue Berechnungsmethode ein. Das neue Modell, dersogenannte KVG-Solvenztest («Swiss Solvency Test»), orientiert sich nicht mehr nach der Grösse des Versicherers, sondern an dessen konkreten Risiken. Dabei wird unterschieden zwischen dem Zufallsrisiko (isolierte Fälle mit aussergewöhnlich hohen Leistungen), dem durch externe Parameter beeinflussten Risiko (unerwartete Teuerung), dem Risiko einer Fehleinschätzung von Risikoabgaben und Ausgleichsbeiträgen sowie dem Risiko ausserordentlicher Ereignisse (beispielsweise einer Pandemie). Demgegenüberstehen marktspezifische Risiken (Risiko einer abrupten Aktienkurs- oder Zinsveränderung), Kreditrisiken (Zahlungsunfähigkeit der anderen Partei) und schwer quantifizierbare operationelle Risiken. Zudem trägt die neue Reserven-Kalkulation Besonderheiten wie dem Kostendeckungsprinzip, der Freizügigkeit der Versicherten im Zusammenhang mit der Aufnahmepflicht, der Gleichartigkeit des Leistungsangebots sowie dem Risikoausgleich Rechnung.

Reserven entsprechen zwei Monatsprämien

Inzwischen sind die über die Jahre hinweg geäufneten buchhalterischen Reserven der Versicherer 2015 auf rund 6,5 Milliarden Franken angestiegen. Dies entspricht rund 20 Prozent der Leistungen aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Konkret belaufen sich die Reserven pro versicherte Person somit auf rund 800 Franken, was ungefähr zwei Monatsprämien entspricht. Im Vergleich dazu muss der AHV-Fonds zwölf Monatsausgaben zurückstellen, obwohl die Renten sehr viel einfacher zu prognostizieren sind, verglichen mit den rund 120 Millionen Rechnungsrückerstattungen für Leistungen der Krankenversicherung.

Kantonale Reserven sind teurer

Ein Dauerthema im Zusammenhang mit den Reserven der Krankenversicherer ist die – systemfremde – Forderung aus dem vorwiegend linken Parteispektrum nach der Schaffung «kantonaler Reserven». Würden die Reserven nach Kantonen berechnet, müssten die Versicherer aufgrund der unterschiedlichen Risikobeurteilung ihrer Versichertenbestände pro Kanton unterschiedlich hohe Reserven äufnen. Je kleiner ein Kanton, desto höher würden die Reserven ausfallen, um alle Risiken gemäss dem Solvenztest abzudecken.

Fragwürdige Stimmungsmache

Die «Fédération Romande des Consommateurs» ist kürzlich mit ihrer neuen Initiative Richtung Einheitskasse selbst bei den Anhängern dieses Anliegens auf taube Ohren gestossen. Auch deshalb, weil das Volk diese Frage im September 2014 letztmals negativ beantwortet hat. Das hindert die Organisation aber offenbar nicht daran, die Stimmung gegen das bewährte System weiterhin aufzuheizen. santésuisse würde es in jeden Fall begrüssen, wenn «Bon à Savoir» und «frc» die Versicherten künftig korrekt und sachlich informieren würden.

Susanne Steffen

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