Die unbegründete Angst vor «Billigstmedizin»

infosantésuisse-Artikel


01.06.2017

Festbetragssystem für Generika

Die unbegründete Angst vor «Billigstmedizin»

Es ist ein Fakt, den Preisüberwacher, Konsumentenorganisationen und Krankenversicherer seit Jahren bemängeln: Generika sind in der Schweiz rund doppelt so teuer wie im übrigen Europa. Kommt hinzu, dass der mengenmässige Generika-Anteil in der Schweiz mit rund 25 Prozent so tief ist wie nirgendwo sonst im europäischen Ausland. Was also ist zu tun, damit sich die Generikapreise in der Schweiz einem marktgerechten Niveau annähern und die Nachahmerpräparate häufiger verschrieben werden?

Der Auftrag ist unmissverständlich: Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) verlangt von den Vertragspartnern und den zuständigen Behörden, dass «eine qualitativ hochstehende und zweckmässige gesundheitliche Versorgung zu möglichst günstigen Kosten erreicht wird». Klar ist auch, dass dieser gesetzliche Auftrag im Medikamentenbereich derzeit nicht erfüllt wird. Der im Oktober 2016 durch den Preisüberwacher publizierte Auslandpreisvergleich ortet bei den Generika und patentabgelaufenen Originalmedikamenten ein jährliches Kosteneinsparpotenzial zwischen 345 und 808 Millionen Franken, je nach Ausgestaltung des Systems. Mit Blick auf den stetig steigenden Kostendruck im Gesundheitswesen – und damit einhergehend auf die überproportionale Prämienentwicklung – kann es sich auch die Schweiz nicht leisten, diese enormen Einsparmöglichkeiten nicht auszuschöpfen. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Systemwechsel zur Festlegung von Generikapreisen: weg vom heutigen Vergütungssystem mit differenziertem Selbstbehalt hin zu einem Festbetragssystem; begleitet von einer Verschreibungspflicht. Ärzte würden verpflichtet, Arzneimittel auf Wirkstoffbasis zu verschreiben, damit ein möglichst kostengünstiges Medikament (Generikum) abgegeben wird. Ausnahmen wären jederzeit möglich, wenn medizinische Gründe vorliegen.

Festbetrag: eine Wirkstoffgruppe, ein Preis

Und so funktioniert das Festbetragssystem: Alle patentabgelaufenen Medikamente und Generika mit demselben Wirkstoff respektive derselben Wirkstoffkombination werden in eine Gruppe eingeteilt. Pro Gruppe legen die zuständigen Behörden einen Preis fest – den Festbetrag – der durch die Krankenversicherer zu vergüten ist. Dieser orientiert sich in der Regel an den günstigsten Generika und wird mindestens zweimal pro Jahr den Marktgegebenheiten angepasst. Die Spezialitätenliste (SL) wird mit den Festbeträgen ergänzt. Mit der Einführung des Festbetragssystems für Generika fiele auch die unbefriedigende und unwirksame «Abstandsregelung» dahin. Diese bestimmt, dass die Generika-Preise in der Schweiz nicht über einen Auslandpreisvergleich bestimmt werden, sondern abhängig vom Umsatz des wirkstoffgleichen Originals mindestens 20 bis 70 Prozent günstiger sein müssen. Eine Regelung, die den Preiswettbewerb negativ beeinflusst, da viele Hersteller diesen Mindestabstand als implizite Preisempfehlung wahrnehmen.

Das Ausland machts vor

Dass das Festbetragssystem – auch Referenzpreissystem genannt – funktioniert und sich kostendämpfend auf die Gesundheitskosten auswirkt, beweist das Ausland. In über 20 europäischen Ländern werden die GenerikaPreise nach Wirkstoffgruppen festgelegt; die ersten begannen mit dem Systemwechsel bereits in den Achtzigerjahren. Dazu Andreas Schiesser, Projektleiter Medikamente bei santésuisse: «Wie so oft, lohnt sich auch hier der Blick über die Grenze. In der Schweiz liegt der Generika-Anteil an der Gesamtmenge der verkauften Arzneimittel bei rund 25 Prozent; in den Niederlanden sind es 70 Prozent, bei unserem Nachbarn Deutschland sogar 80 Prozent – mit jeweils substanziellen Auswirkungen auf das Preis- und Kostengefüge. Die Forderung nach einem Systemwechsel für die Schweiz hat demnach wenig mit Innovation zu tun als vielmehr mit gesundem Menschenverstand und der Einführung von ‹best practice›».

Widerstand der Pharmaindustrie

Auf erheblichen Widerstand stösst die Einführung des Festbetragssystemsfür Generika erwartungsgemäss bei der Pharmaindustrie. Für deren Exponenten ist ein Systemwechsel auf wirkstoffbasierte Festbeträge, kombiniert mit einer Verschreibungspflicht, eine unzulässige Vereinfachung, unter der die Behandlungsqualität der Patientinnen und Patienten leiden würde. Die Rede ist vom Vormarsch der «Billigstmedizin». Dabei wird ausser Acht gelassen, dass Generika punkto Qualität dem Original entsprechen und spezifische Zulassungshürden nehmen müssen. Proklamiert werden ausserdem eine Beeinträchtigung der Therapietreue und Arzneimittelsicherheit sowie ein Innovationsstopp punkto Darreichungsform und Verpackung. Dass bei einem Einsparpotenzial von mehreren Hundert Millionen Franken pro Jahr auch spürbare Umsatzeinbussen zu verzeichnen wären, wird nicht thematisiert, dürfte aber der Hauptgrund für die rigorose Ablehnung eines Systemwechsels sein.

Endlich den gesetzlichen

Auftrag erfüllen Es ist höchste Zeit, das brachliegende Kosteneinsparpotenzial im GenerikaMarkt zu aktivieren und den gesetzlichen Auftrag des«Kostengünstigkeitsprinzips» zu erfüllen. Dazu noch einmal Andreas Schiesser: «Mit der Einführung der Wirkstoffverschreibung und damit einhergehend dem Wechsel auf das Festbetragssystem, wäre der Grundstein dafür gelegt. Was es dann noch braucht sind vereinfachte Zulassungsbedingungen dieser Medikamente für den Schweizer Markt sowie die Möglichkeit, Arzneimittel aus dem unmittelbaren Ausland einfacher zu importieren und zu vermarkten. Mit diesen Massnahmen würde der Generika-Anteil in der Schweiz sprunghaft ansteigen – und die Kosten um jährlich mehrere Hundert Millionen sinken». (SST)

Susanne Steffen

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