Einsparpotenzial auf dem Prüfstand

infosantésuisse-Artikel


09.04.2018

Neue Tarifstruktur in Kraft

Einsparpotenzial auf dem Prüfstand

Beinahe eine halbe Milliarde an Gesundheitskosten will der Bundesrat mit der revidierten TARMED-Tarifstruktur pro Jahr einsparen.
Ein ehrgeiziges Ziel, das von den Tarifpartnern Transparenz und Fairplay voraussetzt und Patienten wie Versicherer punkto Rechnungskontrolle verstärkt in die Pflicht nimmt.

Er hat viel Staub aufgewirbelt, der Eingriff des Bundesrats in den ambulanten Arzttarif TARMED, mit dem pro Jahr – so zumindest die Prognose – rund 470 Millionen Franken an Gesundheitskosten eingespart werden sollen. Nötig wurde die Intervention auf höchster Ebene, weil sich die Tarifpartner trotz jahrelanger Verhandlungen nicht auf eine neue Tarifstruktur einigen konnten.

Befürchtungen hüben wie drüben

Bei den Leistungserbringern sind die verordneten und teilweise durchaus einschneidenden Tarifanpassungen auf heftigen Widerstand gestossen. Der Grund: Diverse Leistungen werden ab Januar 2018 aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts tiefer bewertet oder deren Verrechenbarkeit wird zeitlich limitiert. Zudem gelten in der hausärztlichen Grundversorgung künftig neue Abrechnungsregeln, indem die häufigsten Leistungen in Form eines Zeittarifs zu verrechnen sind. Seither warnt ein Teil der Ärzteschaft vor nicht mehr kostendeckend durchführbaren Behandlungen und in der Folge vor der drohenden Rationierung medizinischer Leistungen.
Und die Krankenversicherer? Diese befürworten zwar das tarifarische bundesrätliche Machtwort zur Kosteneindämmung, befürchten jedoch gleichzeitig, dass das angestrebte Einsparpotenzial durch eine Mengenausweitung in Form von Umgehungsmassnahmen durch Spitäler und Ärzteschaft nicht realisiert werden kann.

Das Rezept: Fairplay und Monitoring

Markus Baumgartner, Leiter ambulante Tarifstrukturen bei tarifsuisse ag, blickt entsprechend gespannt auf die Kostenentwicklung im ambulanten Bereich: «Der Bundesrat verlangt von den Tarifpartnern, die Auswirkungen der jüngsten TARMED-Revision eng zu Überwachen. Dieses Monitoring ist zentral, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit dem subsidiären Tarifeingriff im Jahre 2014, der die Hausärzte kostenneutral – sprich, zulasten der Spezialärzte – finanziell besserstellen sollte. Mit dem Ergebnis, dass die Hausärzte heute zwar besser verdienen, die ambulanten ärztlichen Leistungen in den Spitälern aufgrund von Kompensationsmassnahmen gleichzeitig erneut gestiegen sind».
Wie aber lässt sich trotz sachgerechterer Tarifierung ein erneuter Kostenschub vermeiden? In der Pflicht sind gemäss Baumgartner zuallererst die Leistungserbringer, indem sich diese an die Vorgaben der neuen Tarifstruktur halten und die angedachten Einsparungen nicht durch «kreative Tarifinterpretationen» oder andere Umgehungsmassnahmen zunichtemachen. Gefordert sind aber auch die Krankenversicherer. Diese haben den Auftrag, die Leistungs- und Rechnungskontrolle zu intensivieren. Im ambulanten Bereich sind diese Kontrollen dank laufend ausgebauter und automatisierter Prüfungs- und Plausibilitätsmechanismen ohne allzu viel Mehraufwand zu bewerkstelligen. Aufwändiger zu kontrollieren sind hingegen Spitalrechnungen. Markus Baumgartner: «Um Ungereimtheiten oder Auf­fälligkeiten im ambulanten Bereich feststellen zu können, braucht es erst einmal Basis- und Vergleichsgrössen. Die Teams der santésuisse Wirtschaftlichkeitsprüfung und des Tarifcontrollings arbeiten deshalb an einer Reihe von Auswertungen, um das Abrechnungsverhalten der einzelnen Spitäler in einem Kennzahlensystem darzustellen. Es ist diese Datengrundlage, die den Versicherern künftig ermöglicht, Kliniken mit einem auffälligen Abrechnungsverhalten zu benennen und wo nötig zusätzliche Abklärungen einzuleiten».

Patienten: Einfachere Kontrolle dank Zeittarif

Neben Ärzten und Krankenversicherern stehen auch die Patientinnen und Patienten vermehrt in der Pflicht, indem sie ihre – im Vergleich zu früher – nun wesentlich transparenteren Arzt- und Spitalrechnungen auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Dabei hilft es, dass in der ärztlichen Grundversorgung neu die am häufigsten verrechneten Leistungen in einem sogenannten Zeittarif abgerechnet werden: Konsultationen, Untersuchungen und Beratungen in Einheiten zu fünf Minuten, Arbeiten in Abwesenheit des Patienten sogar im Minutentakt. Für die Versicherten wird die Rechnungskontrolle dadurch wesentlich einfacher, weil die abgerechnete Zeit mehr oder weniger deckungsgleich sein sollte mit der Dauer des Arztbesuches.

Limitierung ist nicht gleich Rationierung

Bleibt noch die Frage nach allfälligen Konsequenzen für Patientinnen und Patienten im Hinblick auf die neu eingeführten zeitlichen Limitierungen von Arztleistungen, die vor allem von den Leistungserbringern als eigentliches Schreckgespenst an die Wand gemalt werden. Deren Befürchtung: Ältere Menschen, Kinder oder Patienten mit erhöhtem Behandlungsbedarf würden mit dem revidierten Tarif und den damit einhergehenden zeitlichen Behandlungslimiten künftig Opfer medizinischer Leistungsrationierung. Für Tarifexperte Markus Baumgartner ist dies unseriöse Angstmacherei. «Diese Angst ist unbegründet. Für Kinder unter 6 Jahren und Menschen, die über 75 Jahre alt sind oder ebenfalls einen hohen Behandlungsbedarf haben, sind neue Leistungspositionen geschaffen worden, bei welchen die Limitationen der abrechenbaren Zeit für Pflichtleistungen der Grundversicherung verdoppelt wurden, um dem erhöhten Zeitaufwand des behandelnden Arztes Rechnung zu tragen. Wobei ein medizinisch notwendiger ‹erhöhter Behandlungsbedarf› in der Krankenakte zwingend vermerkt sein muss».

Noch nicht der Weisheit letzter Schluss

Mit dem revidierten TARMED ist zweifellos ein erster Schritt hin zu einem sachgerechteren ambulanten Arzttarif gemacht worden. Weitere müssen jedoch folgen. Zum einen, weil die Tarifpartner gegenüber dem Bundesrat nach wie vor in der Pflicht stehen, eine Tarifstruktur einzureichen, auf die sie sich gemeinsam und einvernehmlich geeinigt haben. Zum anderen, weil ein ambulanter Einzelleistungstarif mit Tausenden von Positionen nicht mehr den Anforderungen der Zeit entspricht und wo immer möglich einer pauschalen Leistungsverrechnung Platz machen muss. Bis es soweit ist, wird sich zeigen, wie realistisch das vom Bundesrat avisierte Kosteneinsparpotenzial dank revidiertem TARMED tatsächlich ist. (SST)

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