Hepatitis-C-Medikamente: Die Alternative aus «Down Under»

infosantésuisse-Artikel


01.04.2017

Lockerung des Territorialitätsprinzips

Hepatitis-C-Medikamente: Die Alternative aus «Down Under»

Sie wird die stille Volksseuche genannt, die Virusinfektion Hepatitis-C, die eine chronische Entzündung der Leber verursacht und über die Jahre zur Zerstörung des Organs führen kann. Dank einer neuen Generation von Medikamenten kann Hepatitis-C in über 90 Prozent aller Fälle geheilt werden. Allerdings sind diese Medikamente exorbitant teuer. Und das wiederum stellt unser Gesundheitssystem vor etliche Herausforderungen.

Sie heissen Solvaldi, Harvoni, Viekirax, Exviera, Daklinza, Zepatier oder Epclusa und kosten pro Behandlung und Patient gut und gerne 50000 Franken oder mehr. Aber sie sind extrem wirksam, diese neuen Medikamente zur Behandlung von Hepatitis-C: Die Heilungschancen sind in den vergangenen zwei Jahren auf über 90 Prozent gestiegen. Das Problem liegt in den enormen Kosten, welche die Präparate zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) verursachen.

De facto Rationierung eines Heilmittels

Wie die Gesundheitsministerien der meisten EU-Staaten, hat sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) deshalb für eine limitierte Zulassung dieser Medikamente entschieden und deren Abgabe eingeschränkt. Auf Kosten der OKP werden in der Schweiz derzeit nur Patientinnen und Patienten behandelt, die Krankheitssymptome aufweisen. Das heisst,sie haben mindestens einen mittelschweren Leberschaden oder weisen eine symptomatische Manifestation der Krankheit ausserhalb der Leber auf. Diese de facto Rationierung eines Heilmittels aufgrund seiner exorbitanten Kosten führt zu kontroversen Diskussionen – und Schuldzuweisungen: Die Medikamentenhersteller rechtfertigen ihre Preispolitik, die Krankenversicherer ihren Wirtschaftlichkeitsauftrag und die Verantwortung gegenüber den Prämienzahlenden; Ärzte wiederum debattieren mit Vertrauensärzten über Indikationen, und die Patienten schliesslich fragen medial wirksam, wie krank sie noch werden müssen, um von den neuen Medikamenten profitieren zu können. Alles in allem eine für alle Beteiligten unbefriedigende Situation.

Vision: Hepatitis-C-freie Schweiz bis 2030

Fachleute gehen davon aus, dass in der Schweiz rund 80 000 Menschen Trägerin oder Träger des Hepatitis-C-Virus sind, zum Teil, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Krankheit schreitet in der Regel langsam voran, und es kann zwanzig bis dreissig Jahre dauern, bis erste Folgeschäden auftreten – deshalb ist auch von der «stillen Volksseuche» die Rede. Heute werden in der Schweiz pro Jahr rund 2000 Patientinnen und Patienten mit den neuen Medikamenten behandelt – und geheilt. Basierend auf diesen Behandlungserfolgen haben Spezialärzte, Patientenvereinigungen, Medikamentenhersteller und weitere Akteure – allerdings nicht das BAG – eine Hepatitis-C-Strategie erarbeitet. Diese sieht vor, allen mit dem Virus infizierten Patienten den Zugang zu den neuen Medikamenten zu ermöglichen; egal, ob oder wie vehement sich die Krankheit manifestiert. Die Vision: Hepatitis-C in der Schweiz bis ins Jahr 2030 zu eliminieren. Ein Ziel übrigens, das sich auch die «World Health Organization» (WHO) auf die Fahne geschrieben hat.

Stolperstein Kosten

Die Strategie ist einleuchtend, wären da nicht die hohen Kosten. Allein für die jährlich rund 2000 «regulär» behandelten Patientinnen und Patienten belaufen sich die Kosten zulasten der OKP heute schon auf gut 140 Millionen Franken. Das heisst, so lange die Hersteller nicht willens sind, sich von ihrer Gewinnmaximierungsstrategie zu verabschieden und die Preise für ihre Heilmittel massiv zu senken, bleibt eine flächendeckende Abgabe an alle betroffenen Patienten wohl eher utopisch.

Die Alternative aus «Down Under»

Eine Alternative gibt es allerdings, auch wenn sie buchstäblich weit hergeholt ist. Konkret: In Australien gibt es den «FixHepC Buyers Club», der Patienten, denen die Behandlung in ihrem jeweiligen Land aus Kostengründen verwehrt wird, die Bestellung von Hepatitis-C-Lizenzprodukten ermöglicht. Diese in Indien hergestellten Medikamente sind mit den Originalpräparaten identisch, kosten aber nur einen Bruchteil dessen, was in den westlichen Ländern verlangt wird. Die Kosten für eine Behandlung von drei Monaten belaufen sich, je nach Medikamentenkombination, auf rund 1500 Franken; verglichen mit mehr als 50000 Franken in der Schweiz. Der «Buyers Club» übernimmt die Beschaffung sowie den Versand der Medikamente und prüft diese auf deren Echtheit.

Legal aber auf eigene Kosten

Die gesetzlichen Bestimmungen in der Schweiz erlauben den Arzneimittelimport aus anderen Ländern für den Eigenbedarf, allerdings beschränkt auf einen Monatsbedarf. Das schweizerische Heilmittelinstitut «swissmedic» hat nun diese Bestimmung für Hepatitis-C-Medikamente auf einen Dreimonatsbedarf erhöht, macht aber zur Bedingung, dass der Sendung aus Indien eine Rezeptkopie des Schweizer Arztes beigelegt wird. Eine Vorgabe, die der «FixHepC Buyers Club» erfüllt. Einen Haken hat die australische Alternative aber: Den Krankenversicherern ist es untersagt, die Kosten dieser importierten Medikamente im Rahmen der Grundversicherung zu übernehmen, obwohl dadurch enorme Kosten eingespart werden könnten. Tun sie es dennoch, kommt es zu Interventionen durch das BAG. Das heisst, die Kosten gehen voll und ganz zulasten der Versicherten, es sei denn, eine Zusatzversicherung springe ein,sofern der Versicherte über eine solche verfügt.

Lockerung des Territorialitätsprinzips tut not

Für Patienten, Ärzte und Krankenversicherer ist die aktuelle Vergütungspraxis der Hepatitis-C-Medikamente unbefriedigend. Eine Entspannung der Situation könnte herbeigeführt werden, indem die Versicherer die Kosten der ärztlich verschriebenen, aus dem Ausland via «Buyers Club» importierten Medikamente übernehmen könnten. Allerdings verhindern die im Gesetz vorgesehenen Bestimmungen (KVG Art. 34) eine unbürokratische Lösung zugunsten der betroffenen Patientinnen und Patienten. Hier ortet santésuisse bei Bundesrat und Parlament dringenden Handlungsbedarf. Der Bundesrat könnte gemäss Artikel 34 KVG die Vergütung der importierten Hepatitis-C-Medikamente in der entsprechenden Verordnung über den Umfang der zu übernehmenden Leistungen als Ausnahme regeln (KVV Art. 36).

Susanne Steffen

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