Preisverhandlungen: hart, aber fair

infosantésuisse-Artikel


01.02.2017

Das Jahr 2016 aus Sicht des Leistungseinkaufs

Preisverhandlungen: hart, aber fair

Mit welchem Taxpunktwert darf eine Tarifposition in der ambulanten Versorgung multipliziert werden? Wie hoch ist die Fallpauschale in einem Akutspital? Diese Eckwerte der medizinischen Leistungsabrechnung – sie entscheiden über das Einkommen von Ärztinnen und Ärzten respektive über den wirtschaftlichen Erfolg eines Spitals – werden zwischen den Leistungserbringern und den Krankenversicherern regelmässig neu verhandelt.

Den Preisabschlüssen für Arzt- und Spitalleistungen gehen in der Regel intensive, hart geführte Verhandlungen voraus. Leistungserbringer, Krankenversicherer und Einkaufsgemeinschaften sitzen am runden Tisch mit dem Ziel, sich über Taxpunktwerte im ambulanten Bereich und Fallpauschalen für stationäre Leistungen zu einigen. Eine Aufgabe mit Konfliktpotenzial: Während die Krankenversicherer im Interesse ihrer Versicherten auf vorteilhafte Konditionen bei gleichbleibend hoher Qualität pochen, steht bei den Ärzten und Spitalleitungen die Rentabilität und Wirtschaftlichkeit ihrer Praxen und Kliniken im Vordergrund. Können sich die Verhandlungspartner nicht einigen – was in den vergangenen Jahren immer wieder vorgekommen ist – legen die jeweiligen Kantonsregierungen die Tarife fest. Und die wiederum können von den Tarifpartnern vor Bundesverwaltungsgericht angefochten werden. Diese sogenannten Festsetzungstarife gelten, bis sich die Tarifpartner über einen neuen Tarif einigen können.

Fallpauschalen: kantonale Erfolgsgeschichten

Das gelingt zwar nicht immer, aber immer öfter. So beispielsweise im Kanton Aargau, wo 2016 mit den beiden Kantonsspitälern Aarau und Baden nach langen Verhandlungen degressive Basispreise rückwirkend für die Jahre 2012 bis 2017 abgeschlossen werden konnten. Die neu verhandelten «Baserates» führen für die Versicherten zu einer Kostensenkung im stationären Bereich. Auch mit dem Kantonsspital St. Gallen sowie den Universitätsspitälern in Genf, Lausanne und Basel konnte der provisorische Festsetzungstarif durch einen gemeinsam, mit den Vertragspartnern ausgehandelten Vertrag ersetzt werden; die entsprechenden Verfahren sind eingestellt worden. Noch nicht zielführend waren die Verhandlungen mit den Universitätsspitälern Bern und Zürich sowie mit dem Kantonsspital Freiburg. Verhandlungserfolge gab es ausserdem im Bereich Psychiatrie: So konnte mit den psychiatrischen Kliniken im Kanton Zürich im Interesse der Versicherten eine Tarifsenkung ausgehandelt werden.

Verhandlungen im ambulanten Bereich

Im ambulanten Bereich, konkret mit den freipraktizierenden Ärztinnen und Ärzten, wurden 2016 in verschiedenen Kantonen intensive Tarifverhandlungen geführt. Wobeisich die Mehrzahl der kantonalen Ärztegesellschaften durch die Konferenz der kantonalen Ärztegesellschaften (KKA) vertreten liess. In mehreren konstruktiven Verhandlungsrunden wurde versucht, ein Nachfolgemodell für die Leistungs- und Kostenvereinbarung zu erarbeiten. Diese hält fest, nach welchen Eckwerten und Bedingungen die Leistungsabgeltung erfolgen soll. In einigen Punkten konnte zwar ein Konsens erzielt werden; eine umfassende Einigkeit mit der KKA war jedoch nicht möglich. Die dadurch notwendig gewordenen Verhandlungen mit den kantonalen Ärztegesellschaften erwiesen sich als schwierig und werden im 2017 weitergeführt. Ein neuer Tarifvertrag konnte einzig mit der Neuenburger Ärztegesellschaft abgeschlossen werden.

Vollständige und korrekte Daten: das A und O jeder Verhandlung

Auf welchen Fakten und Berechnungen aber basieren diese Verhandlungen? «Über den Ausgang von Preisfestsetzungsverhandlungen entscheidet in der Regel die Qualität des vorhandenen Datenmaterials», so Renato Laffranchi, Leiter Leistungseinkauf bei tarifsuisse ag. «Je aussagekräftiger das Zahlenmaterial ist, das uns Spitäler und Ärzte zur Verfügung stellen, desto fundierter – und objektiver – können wir verhandeln. Liegen von Seiten einer Klinik beispielsweise «Baserate»-Forderungen auf dem Tisch, die signifikant über denjenigen vergleichbarer Institutionen liegen, so brauchen wir umfassendes und korrektes Zahlenmaterial, um diese zu beurteilen. Eine Botschaft, die bei den Spitalverantwortlichen zum Teil angekommen ist. Heute sind die Datengrundlagen, die uns als Verhandlungsbasis zur Verfügung gestellt werden, in der Regel vollständig und von guter Qualität. Allerdings gilt auch hier: Die Ausnahme bestätigt die Regel.» Auch im ambulanten Bereich ist eine solide Datenbasis das A und O für faire Tarifverhandlungen. Allerdings lässt die Qualität der Daten und deren fristgerechte Lieferung – wie es das Gesetz vorsieht – in diesem Bereich noch zu wünschen übrig.

Dr. Renato Laffranchi

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