«Rotieren» ist nicht mehr zwingend»

infosantésuisse-Artikel


01.10.2017

Dezentrale Lehrlingsausbildung

«Rotieren» ist nicht mehr zwingend»

lle paar Monate ein anderes Fachgebiet kennenlernen, das zeichnet die kaufmännische Ausbildung seit Jahren aus. Einige Krankenversicherer gehen jetzt neue Wege und schaffen Lehrstellen beispielsweise in einem Service-Center, wo es die Möglichkeit der Rotation nur noch bedingt gibt. Die Herausforderung: Den Lernenden trotz der «Monothematik» den Rucksack mit dem nötigen Fachwissen zu füllen. Dass das funktioniert und was es dafür braucht, beleuchten wir am Beispiel der CSS Versicherung.

Die Krankenversicherungsbranche weiss um die Bedeutung einer soliden Grundausbildung für ihre Nachwuchskräfte – und tut entsprechend viel dafür. Die Ausbildung zur Kauffrau, zum Kaufmann santésuisse ist umfassend und geniesst einen hervorragenden Ruf. 2017 durften denn auch wiederum 85 Lernende nach drei Jahren intensiver Ausbildung ihr eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) in Empfang nehmen. Die Prüfungserfolgsquote der betrieblichen Prüfung betrug sagenhafte 100 Prozent!

Zusätzliche Lehrstellen dank dezentraler Ausbildung

Gefordert sind bei der kaufmännischen Grundausbildung jedoch nicht allein die Lernenden, deren Familie und Umfeld, sondern auch die Lehrbetriebe, sprich die Krankenversicherer. Um der grossen Lehrstellen-Nachfrage – und dem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachleuten – nachzukommen, haben einige unter ihnen die Chancen einer dezentralen Ausbildung erkannt und damit zusätzliche Lehrstellen geschaffen. Dezentral heisst in diesem Fall, dass die Lernenden ihre Ausbildung nicht zwingend am Hauptsitz einer Krankenversicherung absolvieren und dort von Abteilung zu Abteilung «rotieren», um die Kern- und Supportprozesse von der Pike auf zu lernen. Dezentral heisst, dass angehende EFZ-Kaufleute santésuisse ihre volle Lehrzeit beispielsweise ausschliesslich in einem Service-, Support- oder Inkasso-Center eines Krankenversicherers durchlaufen können.

CSS Versicherung mit Vorreiterrolle

Eigentlicher Pionier der dezentralen kaufmännischen Ausbildung in der Krankenversicherungsbranche ist die CSS Versicherung. Am Luzerner Hauptsitz hat man schon früh erkannt, dass sich auch Aussenstellen als Lehrbetriebe eignen – und sich dadurch wesentlich mehr Ausbildungsplätze anbieten lassen. Allerdings immer unter der Bedingung, dass den Lernenden auch in einem «monothematischen» Betrieb der vollständige Ausbildungsstoff vermittelt werden kann. Denn am Schluss ihrer Lehrzeit müssen alle Lernenden eine identische Prüfung ablegen. Steve Marra, Leiter Berufsbildung bei der CSS, erläutert infosantésuisse, wie sich das Unternehmen dieser Herausforderung stellt: «Neben der Wissensvermittlung im Lehrbetrieb haben wir unsere dezentrale Ausbildung auf zusätzlichen Pfeilern aufgebaut. Zu den bereits existierenden internen Kursen haben wir Computergestützte Lernmethoden und -programme entwickelt, unter anderem eine «Berufsbildungs-App». Zudem setzen wir bei der Lehrlingsausbildung voll und ganz auf das umfassende Bildungsangebot von santésuisse; unsere Lernenden absolvieren insgesamt 18 überbetriebliche Kurs- und Branchenkundentage direkt beim Verband. Aber, und jetzt kommt das Wichtigste, all diese Anstrengungen und Angebote fruchten nur unter der Voraussetzung, dass unsere Lernenden erkennen, wie wichtig Eigeninitiative und Selbstmotivation sind. Sie müssen akzeptieren, dass ihnen der Prüfungsstoff nicht ausschliesslich auf dem Tablett serviert wird, dass sie für ihren Erfolg auch selber verantwortlich sind. Das heisst, sie müssen aktiv Wissen abholen und sich sozusagen selber führen, um ihre Lernziele zu erreichen. Das ist zwar anspruchsvoll, hat sich aber in der Praxis bestens bewährt. Die hervorragenden Resultate der Lehrabschlussprüfungen 2017 sprechen hier eine deutliche Sprache.»

Es braucht Überzeugungsarbeit

Von Potenzial der dezentralen kaufmännischen Ausbildung hat sich jetzt auch die Concordia überzeugen lassen. Der Luzerner Krankenversicherer bietet ab 2018 in seinen Service-Centern in Schönenwerd und Zürich neu je zwei Lernenden die Möglichkeit zur Ausbildung Kauffrau/Kaufmann santésuisse an. Matthias Hurni, Projektleiter Kaufmännische Grundbildung bei santésuisse, freut diese Entwicklung: «Natürlich gibt es bei den Versicherern noch Überzeugungsarbeit für diese Ausbildungsform zu leisten. Aber das gehört zu meiner Aufgabe und zahlt sich aus. Gerade im Hinblick auf die Tatsache, dass mehr als 90 Prozent unserer Lernenden nach der Ausbildung entweder direkt eine Anschlussbeschäftigung im Lehrbetrieb erhalten, oder aber innerhalb der Branche eine Stelle finden. Man kann also ruhig sagen, die Branche bildet nicht einfach Lernende aus, sondern sorgt konstant und mit viel Erfolg für ihren eigenen Nachwuchs an Fachund Führungskräften. Was sich übrigens auch feststellen lässt am ungebremsten Interesse für die nächsthöheren Ausund Weiterbildungslehrgänge. Auch das dürfte unsere Lehrbetriebe motivieren, Hand zu bieten für neue Ausbildungsmodelle». (SST)

Susanne Steffen

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