Schweres Geschütz statt günstigere Medikamente

infosantésuisse-Artikel


01.10.2017

Festbetragssystem für Generika

Schweres Geschütz statt günstigere Medikamente

Die Botschaft von Krankenversicherern und Preisüberwacher ist angekommen: Derzeit wird im Bundesamt für Gesundheit intensiv über die Einführung eines Festbetragssystems für Generika diskutiert. Dieser längst fällige Systemwechsel stösst jedoch auf erbitterten Widerstand, angeführt von der Pharmaindustrie, den Apotheken sowie dem Ärzteverband.

Der Newsletter des Preisüberwachers von Anfang November 2017 spricht erneut eine deutliche Sprache: «Im Vergleich zu fünfzehn Vergleichsländern sind die Preise der jeweils günstigsten Generika in der Schweiz durchschnittlich deutlich mehr als doppelt so teuer». Ein Fakt, den auch die Krankenversicherer seit Jahren monieren. Bis dato mit wenig Erfolg, obwohl der gesetzliche Auftrag unmissverständlich ist: Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) verlangt von den Vertragspartnern und den zuständigen Behörden, dass «eine qualitativ hochstehende und zweckmässige gesundheitliche Versorgung zu möglichst günstigen Kosten erreicht wird». Ein Auftrag, der im Medikamentenbereich derzeit nicht erfüllt wird. Und dies, obwohl mit der Einführung eines Festbetragssystems – auch Referenzpreissystem genannt – ein jährliches Kosteneinsparpotenzial zwischen 400 und 800 Millionen Franken zu realisieren wäre.

Positive Signale aus Bundesbern

Die Einführung eines Festbetragssystems für Generika wird vom Bundesrat befürwortet und derzeit im Bundesamt für Gesundheit (BAG) intensiv geprüft – und das nicht erst, seit auch der Bericht der Expertengruppe zur Dämpfung des Kostenwachstums vom Oktober dieses Jahres einen Systemwechsel empfiehlt. Allgemein wird erwartet, dass der Bundesrat die dafür notwendige Gesetzesanpassung im 1. Quartal 2018 in die Vernehmlassung geben wird. So weit, so gut?

Risiken und Nebenwirkungen herbeireden

Nicht ganz. Denn mit der Kampagne «Nein zu Referenzpreisen bei Medikamenten» wehren sich Pharmalobby, Ärzteverbände und zugewandte Orte medienwirksam und mit aller Macht gegen einen Systemwechsel. Angeführt ausgerechnet von «Intergenerika», dem Fachverband zur Förderung und Akzeptanz von Generika, werden eine ganze Reihe Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Sie reichen von Gesundheitsgefährdung durch Billigmedizin, Versorgungsengpässe, Beeinträchtigung der Arzneimittelsicherheit, Verlust der Therapiefreiheit für Ärzte bis hin zum Ende der Wahlfreiheit für Patientinnen und Patienten. Fakt ist, die Einführung eines Festbetragssystems gefährdet weder die Gesundheit der Patienten noch beschneidet der Systemwechsel die ärztliche Behandlungskompetenz. Dafür sorgen einerseits, dass jedes Nachahmerprodukt die hohen Anforderungen der Zulassungsbehörde «Swissmedic» erfüllen muss, und andererseits der Arzt auch in einem Festbetragssystem das Originalpräparat verschreiben kann, wenn dies aus medizinischen Gründen gerechtfertigt ist. Auch das Argument der nicht mehr gegebenen Arzneisicherheit, zurückzuführen auf verunsicherte und überforderte – vor allem ältere Patienten –, steht auf tönernen Füssen. Denn die Therapietreue wird er wiesenermassen weder beeinflusst von der Frage des Alters noch von der Tatsache, ob es sich bei einem Medikament um ein Generika oder ein Originalpräparat handelt.

Generika-Preise, Index 2016

«Honi soit qui mal y pense?»

Ein Schelm also, der Böses denkt, wenn er davon ausgeht, dass hinter dem geballten Widerstand der Pharmaund Ärztelobby gegen das Festbetragssystem vor allem finanzielle Eigeninteressen stehen? Wohl kaum. Denn Tatsache ist, dass das mit einem Systemwechsel einhergehende prognostizierte Einsparpotenzial von mehreren Hundert Millionen Franken zulasten der Medikamentenhersteller und Leistungserbringer ginge. Und das wiederum will die Branche nicht hinnehmen.

Vom Ausland lernen

Übrigens: Dass das Festbetragssystem funktioniert und sich dämpfend auf die Gesundheitskosten auswirkt, zeigt der Blick ins Ausland. In mehr als zwanzig europäischen Ländern werden die Generikapreise nach Wirkstoffgruppen festgelegt. Mit dem Effekt, dass der Anteil der Nachahmerprodukte an der Gesamtmenge der verkauften Arzneimittel vielerorts sprunghaft angestiegen ist. Während in der Schweiz der Generika-Anteil an der Gesamtmenge der verkauften Arzneimittel bei rund 25 Prozent liegt, sind es in den Niederlanden etwa 70 Prozent und bei unserem Nachbarn Deutschland gar 80 Prozent – mit jeweils substanziellen Auswirkungen auf das Preis- und Kostengefüge. (SST)

Susanne Steffen

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Weiterführende Informationen

Das Festbetragssystem auf einen Blick

Alle patentabgelaufenen Medikamente und Generika mit demselben Wirkstoff respektive derselben Wirkstoffkombination werden in eine Gruppe eingeteilt. Pro Gruppe legen die zuständigen Behörden einen Preis fest – den Festbetrag – der durch die Krankenversicherer zu vergüten ist. Dieser orientiert sich in der Regel an den günstigsten Generika und wird regelmässig den Marktgegebenheiten angepasst. Die Spezialitätenliste (SL) wird mit den Festbeträgen ergänzt. In medizinisch begründeten Ausnahmefällen übernimmt die Grundversicherung weiterhin die Kosten für das teurere Originalpräparat. Auch kann der Patient jederzeit auf den Bezug des Originalpräparates bestehen. In diesem Fall vergüten die Krankenversicherer den Festbetrag für den Wirkstoff, die Preisdifferenz geht zulasten des Patienten. Mit der Einführung des Festbetragssystems für Generika fiele auch die unbefriedigende und unwirksame «Abstandsregelung» dahin. Diese bestimmt, dass die Generika-Preise in der Schweiz nicht über einen Auslandpreisvergleich bestimmt werden, sondern abhängig vom Umsatz des wirkstoffgleichen Originals mindestens 20 bis 70 Prozent günstiger sein müssen. Eine Regelung, die den Preiswettbewerb negativ beeinflusst, da viele Hersteller diesen Mindestabstand als implizite Preisempfehlung wahrnehmen.