Studie


24.05.2013

Studie «Gesundheitsreform - für tragbare Prämien»

Zusammenfassung

Ausgangslage und Ziele der Studie

Steigende Gesundheitskosten, sich verändernde Finanzströme im Gesundheitswesen und die demografische Entwicklung beeinflussen die Höhe der Krankenversicherungsprämien und damit die finanzielle Belastung der Haushalte. Um die Thematik vertiefter untersuchen zu lassen, hat santésuisse, der Verband der Schweizer Krankenversicherer, eine Studie in Auftrag gegeben.

Die Studie soll die aktuelle Belastung verschiedener Haushalte (Einpersonenhaushalte, Familien mit Kindern etc.) durch die Krankenkassenprämien ermitteln, alle bedeutenden Finanzströme identifizieren und die Solidarität im System aufzeigen. Andererseits soll analysiert werden, wie sich die Belastung der verschiedenen Haushalte ändert, wenn Änderungen an einzelnen Steuerungsmechanismen (Prämienrabatte, Individuelle Prämienverbilligung (IPV), Risikoausgleich etc.) vorgenommen werden. Zudem soll gezeigt werden, welche Veränderungen zur Lösung von Problemen übermässiger Belastung beitragen könnten und welche nicht.

Methodologie

Die zentrale Frage der Studie betrifft die finanzielle Belastung der verschiedenen Haushalte bzw. Haushaltstypen. Die «Belastung» bemisst sich in unserem Zusammenhang als Prozentanteil, den die bezahlten Krankenkassenprämien unter Berücksichtigung des Systems der IPV am verfügbaren Einkommen der Haushalte ausmachen. Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde auf der Basis verschiedener Datenquellen der Krankenversicherer (SASIS Datenpool), des Bundesamts für Gesundheit (Risikoausgleichsstatistik) ,des Bundesamts für Statistik (u.a. Volkszählung bzw. Strukturerhebung, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung, Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen etc.) und kantonaler Grundlagen ein Simulator konstruiert, mit dessen Hilfe diverse Modellrechnungen durchgeführt werden konnten. Im Simulator wurden basierend auf dem Alter der Personen u.a. Angaben zu den Prämien und zum verfügbaren Einkommen der Haushalte verknüpft und die Bevölkerung der Schweiz in Form von Haushaltszusammensetzungen und verschiedenen weiteren Merkmalen abgebildet.

Ergebnisse

Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen.

Stark belastete Haushaltsgruppen

Im Durchschnitt über alle Haushalte machen die Krankenkassenprämien (immer unter Berücksichtigung der IPV) einen Anteil von 6.9% des verfügbaren Einkommens der Haushalte aus. Die Belastung beträgt für ungefähr 30% aller Haushaltemehr als 8%. Für die am stärksten belasteten Haushalte beläuft sich die Belastung auf gut 10% des verfügbaren Einkommens. Es zeigt sich, dass vor allem Familien mit Jugendlichen in Ausbildung sowie Familien mit Kindern stark belastet sind (8.0% des verfügbaren Einkommens);bei Familien mit Kindern ohne Jugendlichesind es 7.4%. Der Ausgabenanteil für Krankenkassenprämien steigt mit der Anzahl Kinder an. Auch Haushalte mit Personen im AHV-Alter sind relativ stark belastet (im Durchschnitt8.0% des verfügbaren Einkommens). Dies kommt vor allem daher, dass Personen im AHV-Alter ein höheres Gesundheitsrisiko aufweisen(«kränker sind»), deshalb eine tiefere Franchise wählen und in der Folge höhere Prämienzahlen. Am wenigsten stark belastet sind Single-Haushalte sowie Paare ohne Kinder (im Durchschnitt 6.0% bzw. 6.9%). Die Verteilung der Belastung nach Gesundheitsrisikogruppe nzeigt, dass kranke Personen amstärksten belastet sind (7.7%), da sie eher einVersicherungsmodell mit einer tiefen Franchisewählen und dadurch höhere Prämien zahlen. ImVergleich beträgt die Belastung der sehr gesunden Personen im Schnitt 6.5%. Nach Einkommensklassen ist die Belastung fürdie Haushalte im «unteren Mittelstand» am stärksten (8.5%). Der Grund dafür ist, dass bei diesen der Umfang bzw. der Betrag der IPV Leistungen relativ klein ist. Bei einkommensschwachen Haushalten hingegen ist ein grosser Anteil der Prämien durch die IPV gedeckt. Die 5% der Haushalte, die am stärksten durch Krankenkassenprämien belastet sind, weisen bestimmte Merkmalszusammensetzungen auf. Oft ist die Kombination eines hohen Gesundheitsrisikos,einer hohen Anzahl Kinder oder Jugendlicher und einem Einkommen, das knapp über der Grenze liegt, um Anspruch auf IPV zuhaben, der Grund für eine sehr hohe Belastung. Ohne Berücksichtigung der IPV und somit auch ohne erhobene Steuern zur Finanzierung der IPV steigt für die einkommensschwachen Haushalte die durchschnittliche Belastung markant an – von 6.8% auf 14.7%. Die Belastung steigt auch bei Haushalten im unteren Mittelstand. Für Haushalte im mittleren Mittelstand und in den oberen Einkommensklassen reduziert sich hingegendie Belastung, denn ihre Steuerbelastung (zur Finanzierung des IPV-Budgets) ist geringer. Werden die gesamten Gesundheitskosten, d.h. zusätzlich zu den Prämien (unter Berücksichtigung der IPV) auch noch Out-Of-Pocket-Zahlungen und Steuern für Spitalkosten betrachtet, steigt die Belastung bei den verschiedenen Haushalten um rund 4 bis 5 Prozentpunkte an. Die Verteilung der Belastung zwischen den Gruppen ändert sich hingegen kaum.

Lösungsansätze für Massnahmen und Auswirkungen auf das Gesamtsystem

Bei folgenden Haushalten machen die Ausgaben für Krankenkassenprämien (unter Berücksichtigung der IPV) einen vergleichsweise hohen Anteil am verfügbaren Einkommen aus:

     

  • Haushalte mit Personen im AHV-Alter
  • Haushalte mit hohem Gesundheitsrisiko
  • Familien mit (vielen) Kindern
  • Familien mit Jugendlichen in Ausbildung
  • Haushalte des unteren Mittelstands
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Zur Identifikation von Lösungsansätzen, um diese Haushalte zu entlasten, wurden verschiedene Szenarien gerechnet. Die Berechnungen zeigen, dass die Einführung eines Risikoausgleichs nach Gesundheitsrisikodazu beiträgt, Personen mit hohem Gesundheitsrisiko («kranke» Personen) zu entlasten undzu mehr Solidarität zwischen «gesunden» und«kranken» Versicherten führt. Diese Massnahmewürde auch Haushalte mit Personen im AHV Alter entlasten, weil diese zu den Haushalten mithohem Gesundheitsrisiko gehören.Eine effektive Massnahme zur Entlastung vonFamilien mit Kindern besteht in der Finanzierung der Kinderprämien über die IPV, also über Steuern. Der Nachteil dieser Massnahme liegt darin,dass die Belastung für andere Haushalte ansteigt,die bereits einen hohen Anteil ihres verfügbarenEinkommens für Prämien ausgeben.Weitere geprüfte Massnahmen zur Entlastung von Familien – eine Prämienerhöhung von 10% für Personen ab 65 Jahren oder eine Prämienreduktionvon 10% für Personen bis 44 Jahre –haben zu keiner wesentlichen Entlastung vonaktuell stark belasteten Haushalten geführt undsind deshalb wenig zielführend. Familien mit Jugendlichen können entlastetwerden, indem Jugendlichen ein höherer Rabattauf Prämien gewährt wird als in der aktuellenSituation, und indem die Versicherer auch beimRisikoausgleich einen Rabatt für Jugendlicheerhalten. Diese Massnahmen sind wirksam, umFamilien mit Jugendlichen zu entlasten. Zur Entlastung des unteren Mittelstands wurde eine Lockerung der Bedingungen zur IPVBewilligunggeprüft, eine Erhöhung des IPVBudgets.Dadurch erhalten mehr Haushalte Leistungender IPV und diejenigen, die eine IPV haben,eine höheren IPV-Betrag, und werden somitentlastet. Gleichzeitig steigt die Steuerlast, weilein grösserer Betrag für IPV-Leistungen gedecktwerden muss. Mit dieser Massnahme würdendie einkommensschwachen Haushalte und diedes unteren und des mittleren Mittelstands entlastet.Haushalte im oberen Mittelstand undeinkommensstarke Haushalte müssten hingegenmehr Steuern bezahlen. Ein Nachteil der Massnahmeist, dass mit ihr nicht die Entlastung einereng eingegrenzten Gruppe (z.B. allein der untere Mittelstand) anvisiert werden kann.Die Berechnungen haben insgesamt gezeigt,dass eine Kombination von zwei Massnahmendazu führt, dass sowohl der untere Mittelstandals auch Familien mit Kindern und/oder Jugendlichenentlastet werden können: Erstens die Finanzierung der Kinderprämien über die IPV und zweitens ein Prämienrabatt für Jugendliche kombiniert mit einem Rabatt beim Risikoausgleich für Jugendliche von jeweils 50%. Bei der Umsetzung beider Massnahmen werden vorallem solche Haushalte stärker belastet, bei denenaktuell die Belastung vergleichsweise tief ist(z.B. Single-Haushalte).

Demografische Entwicklung und Kostenentwicklung

Die auf der Basis der Bevölkerungsprognosen bis2020 des Bundesamts für Statistik durchgeführten Berechnungen zeigen, dass durch die Alterungder Bevölkerung die Prämien um rund 6%ansteigen, dass dieser Anstieg aber für alle Altersklassengleich gross ausfällt. Die Verteilungder Belastung unter den Haushalten ist kaumbeeinflusst.Auch eine Erhöhung der gesamten Gesundheitskosten(Kosten zulasten der Krankenkassen,Out-of-Pocket und Spitalkosten) im Simulatorum 10% ergab, dass dadurch zwar die Belastungdurch Prämien ansteigt, dass von diesemAnstieg aber keine Gesundheitsrisikogruppeoder keine Haushaltszusammensetzung überproportionalstark betroffen ist. Der Anstieg fälltfür alle ungefähr gleich hoch aus und beträgtknapp 1 Prozentpunkt.Um gewisse Schlüsse für die Zukunft ziehen zukönnen, wurde im Simulator die Entwicklungzwischen 2007 und 2010 betrachtet. Er ergabensich vier relevante Aspekte: (1) Eine leichte Alterungder Gesellschaft, (2) ein Anstieg der Gesundheitskostenum rund 4%, (3) eine Verschiebungbzgl. der Franchisenwahl der Versicherten,indem im Jahr 2010 mehr Versicherte eine höheZusammenfassungVre Franchise gewählt haben, und (4) ein Anstieg der Einkommen der Haushalte um rund 5%. Insgesamt fällt die Belastung in den Jahren 2007und 2010 ungefähr gleich hoch aus, was vorallem darauf zurückzuführen ist, dass die Einkommen in den betrachteten Jahren angestiegen sind. Die Berechnungen zeigen, dass die demografische Entwicklung und der Kostenanstieg die Verteilung der Belastung kaum verändern. Somit sind in Zukunft die gleichen Lösungsansätze relevant wie heute.

Solidarsystem

In der Studie wurden vier Solidaritätsflüsse thematisiert:

     

  • Bezüglich Gesundheitsrisikogruppen: Personen mit hohem Gesundheitsrisiko verursachen mehr Kosten, als sie Prämien bezahlen. Personen mit niedrigerem Gesundheitsrisiko zahlen hingegen mehr Prämien, als sie Kosten verursachen. Der Betrag, den die «gesunden» Personen ins Solidarsystemeinzahlen liegt bei rund 11 Mia. CHF.
  • Bezüglich Altersklassen: Bis zum 60. Altersjahrzahlen die Versicherten mehr Prämien, als dass sie Gesundheitskosten verursachen. Danach dreht sich das Verhältnis um. Der Betrag, den die jüngeren Personen zugunsten der älteren Personen ins Solidarsystem einzahlen, liegt bei rund 5 Mia. CHF. Weil das Gesundheitsrisiko mit dem Alter zusammenhängt, sind es dieselben Elemente, die zu einer Solidarität zwischen Altersklassen und Gesundheitsrisikogruppen führen. Die Solidarität ist hier durch die Einheitsprämien und durch den Risikoausgleich garantiert.
  • Bezüglich Haushaltszusammensetzungen: Haushalte mit Personen im AHV-Alter verursachen mehr Gesundheitskosten, als sie Prämienbezahlen. Alle anderen Haushaltszusammensetzungen zahlen insgesamt mehr Prämien ein, als sie Kosten verursachen. Der Betrag, der zugunsten der Haushalte im AHV-Alter von den anderen Haushalten ins Solidarsystem einbezahlt wird, beträgt rund 5 Mia. CHF.
  • Bezüglich Einkommensklassen: Ein Teil der Prämienlast der einkommensschwachen Haushalte und des unteren Mittelstands ist über IPV gedeckt. Dadurch zahlen diese Haushalte weniger Prämien, als sie Kosten verursachen. Haushalte des mittleren Mittelstands, des oberen Mittelstands und einkommensstarke Haushaltezahlen hingegen insgesamt mehr Prämien, als sie Kosten verursachen. Der Betrag, den diese Haushalte ins Solidarsystem einzahlen, liegt bei rund 1.6 Mia. CHF. Die Solidarität zwischen den Einkommensklassen wird insbesondere durch das IPV-System garantiert. Die Solidaritätsflüsse nach Gesundheitsrisikogruppen sind deutlich höher als die Flüsse zwischen den Einkommensklassen und zwischen den Haushaltszusammensetzungen. Dem Haupt Aspekt einer Krankenversicherung – der Solidarität zwischen den Gesundheitsrisikogruppen –wird das System somit gerecht, und die Einheitsprämien und der Risikoausgleich sind wichtige Bestandteile, um diese Solidarität zu gewährleisten.
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Schlussfolgerungen und Ausblick

Anhand des Simulators konnte aufgezeigt werden, wie die Belastung durch Krankenkassenprämien auf die Haushalte verteilt ist, und welchen Einfluss mögliche Massnahmen zur Entlastungbestimmter Gruppen auf das Gesamtsystem haben. Insgesamt hat sich gezeigt, dass die Grössenordnung der durchschnittlichen Belastung zwischenverschiedenen Haushaltsgruppen und -merkmalen nicht sehr breit variiert (in den Durchschnittswerten nach Gruppe um rund 3Prozentpunkte, zw. 5.5% u. 8.5%). Dies spricht dafür, dass die Elemente des heutigen Systemseinen gewissen Ausgleich garantieren. Für einzelne Haushalte mit bestimmten Merkmalskombinationen kann die Belastung jedoch auch wesentlich höher oder tiefer sein. Es wurde aber auch deutlich, dass der untere Mittelstand stärker belastet ist als andere Einkommensklassen und auch Familien mit Kindern und/oder Jugendlichen einen relativ hohen Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Krankenkassenprämienaufwenden müssen. Hier deuten die Analysen darauf hin, dass die Kombination zweier Massnahmen – die Finanzierung der Kinderprämien über Steuern (IPV) und ein teilweiser Ausschluss von Jugendlichen aus dem Risikoausgleich verknüpft mit einem Prämienrabatt für Jugendliche – zur Entlastung dieser Haushaltedazu beiträgt, ohne gleichzeitig die Prämienlast für andere bereits stark belastete Haushalte zu erhöhen. In Bezug auf die verschiedenen Analysen, die mit Hilfe des Simulators durchgeführt wurden, ist anzumerken, dass es sich um Modellierungen handelt, die die Wirklichkeit vereinfachend darstellen. So konnten etwa kantonale Unterschiede nicht berücksichtigt werden, es sind jeweils Durchschnitte für die Gesamtschweiz ausgewiesen. Ebenfalls konnten das Vermögen der Haushalte nicht mit einbezogen werden oder Effekte verschiedener Versicherungsmodelle (Hausarztmodelle, Ärztenetze etc.). Für eine Analyse dieser Faktoren wären vertiefende weiterführende Studien nötig.

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