«TARPSY»: sachgerecht, datengestützt und logisch

infosantésuisse-Artikel


01.02.2017

Nationale Tarifstruktur für stationäre Psychiatrie

«TARPSY»: sachgerecht, datengestützt und logisch

«TARPSY»: Was nach Comic-Figur oder Kuscheltier tönt, ist in Tat und Wahrheit die Abkürzung für die nationale Tarifstruktur für stationäre Psychiatrie. Vorbehältlich der Genehmigung durch den Bundesrat, wird TARPSY ab dem 1. Januar 2018 zum Einsatz kommen und alle stationären Fälle der Psychiatrie tarifarisch abbilden. Damit wird ein komplexes und zu Beginn umstrittenes Tarifstrukturprojekt erfolgreich zum Abschluss gebracht.

Der Gesetzgeber verlangt, dass für die Vergütung stationärer Behandlungen in einem Spital oder Geburtshaus Pauschalen anzuwenden sind. Eine Forderung, die mit der Einführung von SwissDRG im Jahr 2012 im Bereich der stationären Akutsomatik erfüllt worden ist. Mit TARPSY soll diese Vorgabe nun auch in der stationären Psychiatrie umgesetzt werden. Die SwissDRG AG – verantwortlich für die Entwicklung und Weiterentwicklung der Tarifstrukturen in den Spitälern – hat das Tarifwerk Ende Januar 2017 dem Bundesrat zur Genehmigung eingereicht.

Aufgebaut auf bewährten Strukturen

Mit TARPSY werden ab Januar 2018 alle stationären Fälle der Erwachsenenpsychiatrie vergütet, vorbehältlich der Genehmigung durch den Bundesrat. Ein Jahr später kommt TARPSY auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Anwendung. Die neue Tarifstruktur basiert auf den Kostenund Leistungsdaten der Netzwerkspitäler der SwissDRG AG aus den Jahren 2014 und 2015. In die Entwicklung der Einführungsversion – TARPSY 1.0 – sind rund 68 000 Fälle aus der stationären Psychiatrie eingeflossen. In der Akutsomatik werden die Fallpauschalen verschiedenen Hauptdiagnosegruppen, sogenannten «Major Diagnostic Categories» (MDC), zugeteilt. Eine vergleichbare Einteilung findet sich auch bei der stationären Psychiatrie. In der Einführungsversion verfügt TARPSY über zehn Hauptkategorien (TP), die wiederum unterteilt sind in 22 psychiatri sche Kostengruppen, sogenannte PCG. Die einzelnen Kostengruppen unterscheiden sich aufgrund des unterschiedlichen Ressourcenverbrauches. TARPSY orientiert sich in vielerlei Punkten an SwissDRG. So findet die Zuordnung zu einer PCG anhand einer Entscheidungsbaumsystematik statt, die Zusatzentgelte der Akutsomatik sind auch bei TARPSY anwendbar und die Abrechnungsregeln wurden wann immer möglich und sinnvoll aus der Akutsomatik übernommen. Auch die Instrumente zur Kodierung sind identisch. Bei beiden Tarifstrukturen kommen das Kodierungshandbuch, die Schweizerische Operationsklassifikation (CHOP) sowie die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten (ICD-10-GM) für die Bestimmung der Kostengruppe zur Anwendung.

Aufschlüsselung einer Fallpauschale

Pauschalen sinken mit Aufenthaltsdauer

Der TARPSY-Grouper, eine IT-Applikation zur Berechnung der Fallpauschale, ermittelt anhand der Hauptdiagnose, dem Symptomschweregrad sowie dem Alter des Patienten eine psychiatrische Kostengruppe. Jeder dieser PCGs sind Kostengewichte pro Aufenthaltstag zugeordnet. Um das Kostengewicht einer PCG zu ermitteln, muss das tagesbezogene Kostengewicht mit der Aufenthaltsdauer multipliziert werden. Die Tagespauschalen nehmen mit der Aufenthaltsdauer ab. Analog zur Akutsomatik wird das Kostengewicht mit der spitalindividuellen «Baserate» multipliziert, die zwischen den Krankenversicherern respektive deren Einkaufsgemeinschaften sowie den Leistungserbringern ausgehandelt wird.

Berechnung einer Fallpauschale

Belastungserprobungen inbegriffen

Belastungserprobungen sind in der Psychiatrie ein fester Bestandteil des Therapiekonzeptes. Bislang wurden diese Leistungen von den Spitälern unterschiedlich in Rechnung gestellt. In der neuen, national einheitlichen Tarifstruktur TARPSY werden Belastungsurlaube, welche länger als 24 Stunden dauern, von der gesamten Hospitalisationsdauer abgezogen. Deren Kosten werden ab 2018 somit nicht mehr über zusätzlich verrechenbare Pflegetage vergütet, sondern über den Tarif, der auch die Kosten für Belastungserprobungen berücksichtigt. Bereits im vergangenen Jahr ist ein Antrag zur Etablierung eines neuen CHOP-Codes für Belastungserprobungen beim Bundesamt für Statistik eingereicht worden. Damit besteht künftig die Möglichkeit, Belastungserprobungen inklusive deren Vor- und Nachbearbeitung tarifarisch differenzierter abzubilden.

Ein lernendes System

TARPSY ist ein lernendes System mit viel Potenzial bezüglich der Weiterentwicklung der Schweizerischen Operationsklassifikation (CHOP). Der Prozedurenkatalog bietet derzeit noch eine ungenügende Basis, um psychiatriespezifische Behandlungen abzubilden. Prozeduren-Codes können zwar erfasst werden, sind aber in der Einführungsversion nicht für die Gruppierung relevant. Erste Anträge zur Weiterentwicklung der Schweizerischen Operationsklassifikation wurden bereits beim Bundesamt für Statistik eingereicht. In den Folgeversionen von TARPSY wird es demnach möglich sein, den Leistungsbezug anhand von Behandlungen zu optimieren.

Die lückenlose Dokumentation als Voraussetzung

Auch die Anwender von TARPSY müssen zum Lernen bereit sein. Eine korrekte Kodierung der Hauptdiagnose und des Symptomschweregrades ist nur auf Grundlage einer lückenlosen Dokumentation und der korrekten Anwendung des Kodierungshandbuches, der CHOP und des ICD-10-GM möglich. Hierfür braucht es Personal, welches sowohl über medizinische Erfahrung im Bereich der Psychiatrie als auch über kodierspezifisches Fachwissen verfügt. Die präzise, nachvollziehbare klinische Dokumentation ist auch für die Versicherer zentral, um ihrem gesetzlichen Auftrag der Rechnungskontrolle nachkommen zu können. Widerspiegelt die Kodierung eines Falles nicht die Dokumentation, sind die Versicherer zur Rechnungsbeanstandung verpflichtet.

Was lange währt …

Der Weg hin zur einer nationalen Tarifstruktur für die stationäre Psychiatrie war lange und mitunter steinig. Die Vorbehalte gegenüber TARPSY waren zahlreich. Heute sind sich die am Prozess beteiligten Fachteams, medizinischen Experten und Fachgesellschaften jedoch einig: Das neue Tarifwerk ist sachgerecht, datengestützt und logisch in seiner Anwendung.

Annika List

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