Tinguelys Maschine läuft und läuft

infosantésuisse-Artikel


09.04.2018

Fokus Fehlversorgung

Tinguelys Maschine läuft und läuft

Wenn die Qualität eines Gesundheitswesens daran gemessen würde, wie viele Leistungen es produziert, wäre das schweizerische nicht nur eines der teuersten, sondern auch eines der besten. Tatsache ist: Es ist gut, aber vielleicht nicht ganz so gut, wie uns viele Leistungserbringer glauben machen.

Der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger, Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz, hat in einem Interview jüngst auf die Frage, welches das grösste Problem im Gesundheitswesen sei, gesagt: «Unser Gesundheitssystem ist vergleichbar mit einer riesigen Tinguely-Maschine, wo tausend Rädchen ineinandergreifen müssen, damit sie läuft. Diese komplexe Struktur, die Zersplitterung des Gesundheitswesens auf allen Ebenen ist eine grosse Herausforderung.» Was Heiniger damit auch meinte, war: Da ist die Politik, das sind der Bund, die Kantone, die Gemeinden, da sind unterschiedliche Tarifsysteme und unterschiedliche Finanzierungsarten. Oder, mit anderen Worten: Es treffen sich unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Regeln.
Dem ist eigentlich nichts beizufügen, ausser: Die «Maschine» produziert ebenso zuverlässig wie teuer. Und sie ist gefühlt eine Weltmeisterin, wenn es um den Output geht. Die entscheidende Frage dabei ist jene: Ist sie derart produktiv, weil ihre – in der Regel guten – Leistungen für jene, die sie brauchen, unverzichtbar sind. Oder kurbeln jene, welche die Steuerung der Maschine in den Händen halten, derart intensiv daran, dass mehr Gesundheit hergestellt wird, als notwendig wäre?
Nun, bei der Antwort kann man sich eigentlich nur in die Nesseln setzen. Denn erstens wird zwar in unserem Gesundheitswesen seit einigen Jahren gemessen, was das Zeug hält. Die Messungen geben allerdings nicht Aufschluss darüber, ob das Mengenwachstum auch ein Mehr an Gesundheit bedeutet – und für wen. Ganz abgesehen davon, dass es zwar einen gesellschaftlichen Konsens über die Unverzichtbarkeit des Zugangs zu medizinischen Leistungen gibt, aber keinen abschliessenden «Common sense» über das, was sinnvoll und nötig ist. Gewiss ist nur dies: Es gibt andere als ausschliesslich medizinische Gründe, weshalb der Motor der Maschine brummt.
Dass sie mitunter im Ökonomischen zu finden sind, ist per se nicht falsch. Jedenfalls gibt es keinen Grund, weshalb sich das, was das Gesundheitswesen herstellt, nicht rechnen sollte. Handkehrum ist der Gesundheitsmarkt nicht unbedingt der Modellfall für das Funktionieren der Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage funktionieren zwar – allerdings in der umgekehrten Richtung. Was deshalb ein Problem ist, weil die Prämien- und Steuerzahler ebenso unfreiwillig wie solidarisch für das haften, was ihnen die obligatorische Krankenpflegeversicherung verspricht.

Balz Bruder

Balz Bruder, profunder Kenner des Schweizerischen Gesundheitssystems, sprach an den Trendtagen Gesundheit 2018 in Luzern zum Thema «Fehlversorgung: Haben wir ein Qualitätsoder ein Quantitätsproblem? Oder beides?»


Gewiss, die Politik will es so. Und die Menschen, die sich über steigende Krankenkassenprämien ärgern, finden selten den Weg auf die Strasse, um gegen die steigende Belastung zu protestieren. Und das hat seinen Grund: Wenn bald jeder und jede Dritte individuelle Krankenkassenprämienverbilligung bezieht – Mittel also, die aus dem Steuersubstrat von Bund und Kantonen kommen – scheint die Welt für die Betroffenen, vordergründig jedenfalls, einigermassen in Ordnung. Dass der Ausnahme- mehr und mehr zum Regelfall wird, zeigt allerdings: Es liegt einiges im Argen.
Um auf Thomas Heiniger zurückzukommen: Vor einigen Jahren hat er vorgeschlagen, in der Bundesverfassung einen Gesundheitsartikel zu verankern, auf dessen Grundlage eine Gesetzgebung hätte entwickelt werden können, die mehr gewesen wäre als ein Erlass über die Krankenversicherung. Ein bedenkenswerter Ansatz. Vor allem im Bewusstsein, dass die Politik ebenso wie die Tarifpartner weit davon entfernt sind, den grossen Wurf zu schaffen, den es brauchen würde. Weshalb nicht eine Debatte lancieren, die Aufgaben, Leistungen und Finanzen so verknüpft, wie es in staatlichen und privatwirtschaftlichen Kontexten gang und gäbe ist? Wir Patientinnen und Patienten müssten dabei nicht die Verlierer sein, wie jene, die vom heutigen System ganz ordentlich leben, möglicherweise behaupten würden.

Balz Bruder, Mitglied der Redaktionsleitung Luzerner Zeitung.