«Wann macht ihr endlich etwas?»

infosantésuisse-Artikel


31.07.2017

Der Frust der Prämienzahler

«Wann macht ihr endlich etwas?»

Das Frustpotenzial rund um die Krankenversicherung ist naturgemäss gross. Auch in einem Land, dessen Bürger immer wieder betonen, dass sie punkto Gesundheitssystem im Grunde genommen mit niemandem tauschen möchten. Besonders viel Post von Versicherten gibt es jeweils im Herbst, wenn diese ihrem Ärger über steigende Kosten und Prämien Luft verschaffen.

santésuisse bekommt fast täglich Post von Bürgerinnen und Bürgern, die zum Thema Krankenversicherung Fragen haben oder sich ihren Frust von der Seele schreiben. Dann zum Beispiel, wenn ihr Versicherer eine bestimmte Leistung oder ein teures Medikament nicht vergüten will. Speziell viel Bürgerpost bekommt der Verband immer dann, wenn die Prämienprognosen für das kommende Jahr für negative Schlagzeilen sorgen. Die Reaktionen der Versicherten auf die unablässig steigenden Kosten reichen jeweils von erzürnt über verzweifelt bis hin zu gehässig. Dass dabei der «Schwarze Peter» in der Regel den Krankenversicherern zugespielt wird, hat längst Tradition. Dabei könnte mehr Wissen um das Funktionieren unseres Gesundheitssystems und seiner Zusammenhänge manche Tatsache in ein etwas anderes Licht rücken.

 

«Ich achte auf meine Gesundheit, verhalte mich selbstverantwortlich, lebe mit einer hohen Franchise und bezahle dennoch jedes Jahr höhere Prämien, weil andere das System unnötig belasten, indem sie wegen jedem ‹Boboli› in den Spitalnotfall rennen. Wann macht ihr endlich etwas gegen diese Systemschmarotzer?»

 

Der Frust ist verständlich, die Ursache jedoch im Sinne des Erfinders. Die obligatorische Krankenpflegeversicherung basiert auf dem Grundsatz der Solidarität zwischen Gesunden und Kranken, zwischen jüngeren und älteren Menschen sowie gut und weniger gut verdienenden Versicherten. Die Statistik zeigt: Bis zum 61. Lebensjahr werden mehr Prämien bezahlt als Leistungen bezogen; ab dem 62. Altersjahr ist es umgekehrt. Eigenverantwortung lohnt sich dennoch: Tiefe Franchisen und alternative Versicherungsmodelle helfen beim Prämiensparen.

 

«Ich bin Rentnerin und weiss bald nicht mehr, wie ich meine Krankenversicherungsprämie bezahlen soll. Ich fordere Sie deshalb auf, eine Aktion zu starten, wie das Gesundheitswesen für alle Teile der Bevölkerung wieder bezahlbar wird.»

 

Es gibtsie nicht, die Aktion zur Kosten- und in der Folge zur Prämiensenkung. Aber es gibt wirkungsvolle Lösungsansätze. Beispielsweise die Lockerung des Vertragszwangs, das Ausdünnen des Leistungskatalogs in der Grundversicherung oder die Forderung, dass sich die Kantone künftig nicht nur an den stationären, sondern auch an den ambulanten Gesundheitskosten beteiligen und diese wo immer möglich nach Pauschalen berechnet werden. Entscheiden über künftige Reformen wird das Parlament – und allenfalls dereinst das Stimmvolk.

 

«Jedem Kanton sein High-Tech-Spital, jeder Region ihr Kompetenzzentrum. Und das in unserer kleinräumigen Schweiz – das kostet Millionen! Und wir Prämien- und Steuerzahler sind die Dummen. Wann schieben die Krankenversicherer diesem Infrastruktur-Wettrüsten endlich den Riegel?»

 

Hier zu intervenieren liegt nicht in der Kompetenz der Krankversicherer. Es sind die Kantone, die per Verfassung verpflichtetsind, die medizinische Versorgung ihrer Bevölkerung zu regeln, zu finanzieren und sicherzustellen. Allerdings: Es gibt kein Gesetz, das den Kantonen sinnvolle und kostensparende überkantonale Kooperationen verbietet. Was es dazu braucht ist politischer Wille, für kantonsübergreifende Lösungen Hand zu bieten.

 

«Ständig höhere Prämien sind das eine. Wenn dabei aber gleichzeitig die Behandlungsqualität immer schlechter wird, so lupfts mir als Patient langsam den Hut. Am Montag operiert, am Mittwoch entlassen und am Donnerstag wegen Blutungen wieder im Spital. So weit sind wir heute.»

 

Die Tendenz zu möglichst kurzen Spitalaufenthalten ist nicht per se eine Frage der Qualität,sondern beruht primär auf dem medizinischen Fortschritt. In der Regel entsprechen kurze Hospitalisierungen zudem den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten. Für die Krankenversicherer steht die wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Behandlungsqualität im Vordergrund und diese liegt in der Verantwortung der jeweiligen Leistungserbringer. Wann jemand aus dem Spital entlassen wird, bestimmt also nicht der Krankenversicherer,sondern entscheiden Arzt und Patient gemeinsam. (SST)

Susanne Steffen

Ansprechpartner

Weiterführende Informationen

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Die von santésuisse neu geschaffene Website ist Wegweiser und Wissensplattform zum Thema Krankenversicherung. Die Internet-Plattform bietet wertvolles Systemwissen rund um unser Gesundheitswesen und erläutert unter anderem die Rolle der Krankenversicherer.