Wie viele Ärzte braucht das Land?

infosantésuisse-Artikel


01.08.2017

Ambulante Versorgungsplanung

Wie viele Ärzte braucht das Land?

 Paul Rhyn,  Prof. Daniel H. Scheidegger, SAMW; der Glarner Regierungsrat Dr. Rolf Widmer sowie fmCh Generalsekretär Dr. med. Markus Trutmann (von links)

Der statutarische Teil einer Generalversammlung steht in der Regel nicht im Ruf, die Gemüter nachhaltig zu bewegen. Dass die GV der santésuisse-Gruppe trotzdem Gesprächsstoff bietet, dafür sorgt jeweils das Rahmenprogramm mit Fokus auf ein aktuelles gesundheitspolitisches Thema. Dieses Jahr im Zentrum der Diskussion: Die Frage nach der optimalen ambulanten Versorgungsplanung für die Schweiz.

Die Erkenntnis ist nicht neu: Die ambulante medizinische Bedarfs- und Versorgungsplanung entlang der Kantonsgrenzen macht meist wenig Sinn. Zu kostspielig sind 26 voll ausgebaute kantonale Gesamtversorgungen; zu wenig ausgelastet die teuren Infrastrukturen. Und doch geht das unkoordinierte kantonale Versorgungs-Wettrüsten munter weiter, im ambulanten wie im stationären Bereich. Oder wie santésuisse-Präsident Heinz Brand es in seinem Einstiegsreferat formulierte: «Der Kantönligeist verhindert eine nachhaltige Bedarfsplanung. Er führt zu Überkapazitäten und damit zu unnötigen und falschen Behandlungen. Die Zeche dafür bezahlen die Prämienzahler». Etwas moderatere Töne schlug dann Michael Jordi an, Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz. Für ihn «liegt die Zukunft in einem optimierten Föderalismus».

Analyse der Patientenströme spezialärztliche Versorgung ganze Schweiz

 

Facharztgruppen mit überregionaler Versorgung

 

Erstmals datengestützte Analyse der Patientenströme Was bis dato für eine nachhaltige Planung gefehlt hat, sind datengestützte Grundlagen, die das Plädoyer für eine sinnvolle, überkantonale Bedarfs- und Versorgungsplanung medizinischer Leistungen schlüssig untermauern. Wie sonst lässt sich feststellen, wo es wie viele und welche Ärztinnen und Ärzte braucht? Wo eine Zulassungsbeschränkung nötig ist? Oder ob die Stereotype zutrifft, wonach wir in der Schweiz zu wenig Hausärzte und zu viele Spezialisten haben? Um die diesbezügliche Diskussion zu versachlichen, hat santé- suisse mit Unterstützung des Beratungsunternehmens Polynomics eine Versorgungsstudie erarbeitet, als datengestützte Entscheidungsgrundlage für eine optimale nationale Versorgungsplanung. Und damit erstmals eine Grundlage geschaffen, die bei der ambulanten Versorgungsplanung auch den spitalambulanten Bereich miteinbezieht.

Grundversorgung: Nah am Wohn- oder Arbeitsort

Bestätigt hat die Studie das Bedürfnis der Bevölkerung, die medizinische Grundversorgung geografisch in der Nähe zu haben. Entweder möglichst nah am Wohnort, oder – als Konsequenz der zunehmenden Mobilität – am Arbeits- oder Ferienort. Mit wenigen Ausnahmen in der Ost- und Zentralschweiz verlaufen die Versorgungsregionen somit mehr oder weniger entlang der Kantonsgrenzen. Die Auswertung der Daten zeigt, dass für eine optimale Planung der Versorgungsklasse 1 (siehe Kasten) 21 Versorgungsregionen nötig wären. Sie zeigt auch, dass die Nähe zu städtischen Zentren den Patientenstrom beeinflusst: Ost-Aargauerinnen und -Aargauer lassen sich vermehrt in Zürich behandeln. Oder Patienten aus der baselländlichen Region haben ihren Grundversorger im Kanton Basel-Stadt.

Spezialärzte: kantonsübergreifende

Versorgungsplanung Bereits nicht mehr eng an die Kantonsgrenzen halten sich die Patientenströme beim Gang zum Spezialisten ab der Versorgungsklasse 2. So werden für den Besuch beispielsweise beim Augenarzt oder Gynäkologen längere und weitere Anfahrtswege durchaus in Kauf genommen. Für eine optimale Versorgungsplanung dieser Disziplinen drängt sich also eine kantonsübergreifende Betrachtung der Versorgungsstrukturen auf. Die Studie geht von nur noch 17 statt 26 Versorgungsregionen aus. Weitet man die Facharztgruppen auf Bereiche wie Radiologie, Kardiologie, Chirurgie oder Rheumatologie aus – sie gehören zur Versorgungsklasse 3 – so würden 14 Versorgungsregionen vollauf genügen.

Zentrumsversorgung gehört koordiniert

Vollständig obsolet wird der «Kantönligeist» spätestens bei der Versorgungsklasse 4; den Facharztgruppen mit überregionaler Versorgung. Untersucht man diese Patientenströme, wird rasch ersichtlich, dass die Bedürfnisse der Schweizer Bevölkerung mit gerade einmal sechs Versorgungsregionen optimal abgedeckt werden könnten. Sogar noch stärker konzentrieren liesse sich das Angebot der sehr seltenen Facharztgruppen mit Zentrumsversorgung (Versorgungsklasse 5), also beispielsweise Kinderchirurgie, Radio-Onkologie und Strahlentherapie oder Nuklearmedizin. In diesen hochspezialisierten Bereichen würden für die ganze Schweiz drei Versorgungszentren – eines pro Sprachregion – genügen.

Ambulante Grundversorgung: Notwendigkeit ist da, Auftrag fehlt

Vergleicht man die Daten der Patientenströme mit denjenigen der geografischen Ärztedichte pro Facharztgruppe, so ergeben sich auch Antworten auf die vieldiskutierte Frage der Über- oder Unterversorgung. Gerade in der Grundversorgung werden hier derzeit oft widersprüchliche Signale ausgesendet. Während reihenweise klassische Hausarztpraxen ihre Türen wegen unlösbaren Nachfolgeproblemen schliessen müssen, schiessen Ambulatorien wie Pilze aus dem Boden. Mehr und mehr Spitäler rüsten ihre Notfallinfrastruktur zu regionalen ambulanten Versorgungszentren mit modernster Infrastruktur auf. Nicht selten zum Missfallen der lokalen Ärzteschaft, welche das neue Praxisangebot der Spitäler als unfaire Konkurrenz empfindet, mit der sie nicht mithalten kann. Fakt ist, Spitalambulatorien übernehmen einen wachsenden Teil der Last an der Grundversorgung. Dessen sind sich auch die kantonalen Gesundheitsdirektionen bewusst. Im Gegensatz zur vom Bund verlangten Spitalplanung, haben die Kantone jedoch «de jure» keinen Auftrag zur ambulanten Versorgungsplanung, «de facto» aber jederzeit die Möglichkeit, mittels Zulassungssteuerung korrigierend einzugreifen – so sie diese Möglichkeit nutzen wollen. Allerdings hält sich die Motivation, sich auch in diesem Bereich zu exponieren, bei den meisten Kantonen in Grenzen. Zumal – bedingt durch die unterschiedliche Finanzierung von ambulanten und stationären medizinischen Leistungen – seitens der Kantone keine finanziellen Anreize bestehen, die Planung der ambulanten Grundversorgung zügig an die Hand zu nehmen. Schon gar nicht die überregionale.

Versorgungsstudie als Chance

Die santésuisse-Versorgungsstudie zeigt das eindrückliche Potenzial, das in der koordinierten Schaffung überkantonaler Versorgungsregionen liegt. Sie zeigt, dass Kantonsgrenzen als Planungsgrösse ausgedient haben und einer auf Facharztgruppen und Versorgungsklassen basierenden regionalen Planung Platz machen müssen. Zudem ist es zwingend, dass die Kantone das stetig wachsende Angebot der spitalambulanten Versorgung in ihre Versorgungsplanung einbeziehen, zumal mit der jetzt vorliegenden Studie dafür erstmals eine datenbasierte Grundlage der Patientenströme vorliegt. Helfen würde auch eine Definition der optimalen Ärztedichte durch den Bund, mit Richtwerten oder Bandbreiten pro Versorgungsregion und Facharztgruppe. Mit Blick in die Zukunft könnte das heissen, dass der Vertragszwang bis zum Erreichen der optimalen Ärztedichte bestehen bleibt und bei deren Erreichen sukzessive gelockert werden könnte.
Die Vorteile einer solchen Entwicklung liegen auf der Hand: Eine kantonsübergreifende Versorgungsplanung und -steuerung bedeutete für unser Gesundheitssystem einen massiven Effizienzgewinn und Kosteneinsparungen in Millionenhöhe. Und für die Patientinnen und Patienten mehr Sicherheit dank optimaler Behandlungsqualität. Was jetzt noch fehlt, ist der politische Wille aller am System Beteiligten, sich an die Umsetzung zu wagen. Die Zeit dafür ist reif – und drängt. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Nachfolgelösung des Zulassungsstopps. (SST)

Susanne Steffen

Podiumsdiskussion

Was halten Leistungserbringer und Behördenvertreter von der Forderung der Versicherer nach einer vermehrten kantonsübergreifenden Bedarfs- und Versorgungsplanung? Unter der Leitung von Paul Rhyn, Leiter Kommunikation und Publizistik bei santésuisse, diskutierten zum Thema Dr. Rolf Widmer, Vorsteher des Departements Finanzen und Gesundheit, Kanton Glarus; Prof. em. Dr. Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, SAMW sowie Dr. med. Markus Trutmann, Generalsekretär des Verbands der chirurgisch und invasiv tätigen Ärzte, fmCh.

Regierungsrat Dr. Rolf Widmer

 

Wer zahlt, befiehlt. Wenn sich die Kantone an der Finanzierung der ambulanten Versorgung beteiligen sollen, müssen sie diese auch steuern können.

 

Prof. Daniel H. Scheidegger, SAMW 

 

Es braucht Versorgungsregionen über kantonale Grenzen hinweg. Um dahin zu kommen, müssen wir uns zusammenraufen. Schliesslich sind es unsere Steuergelder, die ohne diese Koordination zum Fenster hinaus geworfen werden.

 

Dr. med. Markus Trutmann, fmCh

 

Für die Zentralisierung der spezialärztlichen Versorgung braucht es im Grunde genommen keine zusätzliche Planung; der Trend entwickelt sich nämlich längst in genau diese Richtung.

 

Ansprechpartner

Weiterführende Informationen

Methodik und Versorgungsklassen

Mittels einer Spezialauswertung aus dem Datenpool der SASIS AG sind schweizweit die Patientenströme für die Grund- und Spezialarztversorgung untersucht und fünf Versorgungsklassen gebildet worden:

Versorgungsklasse 1

Grundversorgung: Allgemeine innere Medizin, Praktischer Arzt/Ärztin, Kinder- und Jugendmedizin

Versorgungsklasse 2

Spezialisten mit wohnortnaher Versorgung: Psychiatrie und Psychotherapie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Ophthalmologie

Versorgungsklasse 3

Facharztgruppen mit regionaler Versorgung: Dermatologie und Venerologie, Radiologie, OtoRhino-Laryngologie, orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Rheumatologie, Kardiologie, Gastroenterologie, Chirurgie, Urologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, Pneumologie, Anästhesiologie

Versorgungsklasse 4

Facharztgruppen mit überregionaler Versorgung: Medizinische Onkologie, Endokrinologie und Diabetologie, Angiologie, Allergologie und klinische Immunologie, physikalische Medizin und Rehabilitation, Hämatologie, Nephrologie, Neurochirurgie

Versorgungsklasse 5

Sehr seltene Facharztgruppen mit Zentrumsversorgung: Handchirurgie, Infektiologie, Kinderchirurgie, Nuklearmedizin, Pathologie, Radio-Onkologie und Strahlentherapie.

Die vorhandenen Ressourcen – Arzt ambulant sowie Spital ambulant – sind auf der Basis der Zahlstellenregister-Nummer (ZSR) sowie dem Taxpunktvolumen zu Vollzeitäquivalenten umgerechnet worden. Die Ärztedichte eines Kantons wurde in Vollzeitäquivalenten berechnet.

Eine Zusammenfassung der Studie ist abrufbar unter www.santesuisse.ch > Communiqués > Generalversammlung von santésuisse