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01.03.2014

Wie Maillard eine Krankenkasse zerstörte

Es ist die Lieblingsgeschichte des Waadtländer SP-Gesundheitsdirektors über den Wettbewerb im Gesundheitswesen. Er selber wärmt sie regelmässig wieder auf, kürzlich auf einem Podium des Luzerner Forums für Sozialversicherungen: Seine eigene Erfahrung bei der «Krankenkasse 57» beweise, dass der Wettbewerb nicht funktioniere.

Die kleine Kasse in der Romandie habe nämlich unter seiner Ägide wachsen wollen, indem sie tiefe Prämien angeboten habe. Aber diese Strategie sei dann nicht aufgegangen. Die Aufsicht (heute: Bundesamt für Gesundheit) habe die Kasse schliesslich gezwungen, die Prämien wieder zu erhöhen. Für Maillard ist damit erwiesen, dass der Wettbewerb nicht zugunsten der Versicherten funktioniere. Die Geschichte sieht allerdings etwas anders aus, wenn man genau hinschaut. Die «Krankenkasse 57» war eine Kasse der Gewerkschaft SMUV (später: Unia), und in der Leitung sassen fast ausschliesslich Gewerkschaftsfunktionäre ohne ausgewiesene Kenntnisse des Versicherungsgeschäfts – etwa so, wie es bei der künftigen Einheitskasse vorgesehen ist. An der Spitze stand die damalige SP-Präsidentin Christiane Brunner. Maillard war mit von der Partie.

Laienhaftes Management
Gemäss den Daten der Aufsicht verfügte die Kasse noch 2001 über 60 Prozent eines Jahresumsatzes an Reserven. Genügend für den Weiterbestand, aber viel zu wenig für die Wachstumsstrategie. Dem Vernehmen nach riet die Aufsicht denn auch von tiefen Prämien als Lockmittel für neue Kunden ab. Grund: Für jeden neuen Versicherten muss eine Kasse mehr Reserven haben, denn sie weiss ja nicht, ob er nicht mehr kostet, als er Prämien bezahlt.
Die «Krankenkasse 57» wagte es trotzdem. Sie kam zwar zu neuen Kunden, aber die Reserven sanken rapide. 2002 waren es nur noch 19 Prozent. 2003 und 2004 waren sie auf null abgesunken, obwohl man die Prämien in der Waadt um 24, jene in Genf gar um 37 Prozent erhöht hatte – nicht wegen der Aufsicht, sondern um einen Bankrott zu vermeiden. Im Oktober 2004 holte man den Walliser SP-Nationalrat Stéphane Rossini an Bord. Es gelang zwar, die Situation zu stabilisieren, doch musste die Kasse am Ende froh sein, von der Basler ÖKK übernommen zu werden. Es war also nicht der Wettbewerb, der die Kasse zerstörte, sondern die laienhafte Führung, welche bei der Festlegung der Prämien überfordert war. Rossini sagte dazu, dass die tiefen Prämien eben schlechte Risiken angelockt hätten, was dann habe kompensiert werden müssen. Das sei der «Irrwitz» des geltenden Systems.
Rossini hat die Geschichte offensichtlich noch nicht überwunden. Vor einem Jahr forderte er einen nationalen Reservefonds, der bei einer so gefährlichen Prämienpolitik, wie sie Maillard bei der «Krankenkasse 57» durchführte, mit Reserven eingesprungen wäre. Gleichzeitig kritisiert Rossini regelmässig die seiner Ansicht nach zu hohen Reserven der Versicherer. Wie die Geschichte der «Krankenkasse 57» zeigt, sind Reserven aber überlebenswichtig.

Dieser Artikel ist in der Basler Zeitung (BaZ) am 5. März 2014 auf Seite 4 erschienen. ©Basler Zeitung

 

 

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Die Gewerkschafts-Versicherung «Krankenkasse 57» vernichtete innert Kürze ihre Reserven