
Es macht oft den Anschein, als gehe es beim Thema Arzneimittelsicherheit einzig um Arzneimittel-Fälschungen, die über Seitenkanäle auf den offiziellen Markt gelangen. Noch weit gefehlt! Arzneimittelsicherheit betrifft auch die Bereiche Fehlmedikation, Selbstmedikation, Arzneimittel-Interaktionen oder ungenügende Medikamenten-Compliance.
Die Folgen davon können verheerend sein und zu vermeidbaren Spitaleinlieferungen oder sogar zum Tod führen. Verschiedene Schweizer Studien haben gezeigt, dass rund 10% der Hospitalisationstage auf unerwünschte Wirkungen von Arzneimitteln zurückzuführen sind, und dass sich die Kosten aufgrund von Fehlmedikationen auf 450 Millionen Franken belaufen.
Im Zentrum der Arzneimittelsicherheit steht eine optimale Kommunikation. Die verschiedenen Akteure auf nationaler und auf internationaler Ebene müssen koordiniert arbeiten – sei es im Bereich der Verschreibungen oder beim Vertrieb von Arzneimitteln. Die Schnittstellen in der Behandlungskette (ambulant – Spital – ReHa) dürfen nicht Stolpersteine für medikamentös gut eingestellte Patienten werden. Alle Massnahmen, welche die Compliance verbessern sind willkommen. Die Öffentlichkeit ist gut zu informieren, die Patienten müssen während komplexen Behandlungen gut betreut werden. Es ist daher sehr zu begrüssen, wenn die Spitäler von sich aus Pilotprojekte starten, um die Zahl der Lese- und Dokumentationsfehler zu reduzieren oder wenn die Apotheker mit Hilfe des pharmazeutische Dossiers die gesamte medikamentöse Behandlung eines Kunden transparent machen und ihn damit besser betreuen können. Richtig sind auch die Massnahmen beim Vertrieb der Arzneimittel. Fälschungen sollen dank einer guten Rückverfolgbarkeit der Vertriebswege minimiert werden. Die Information der Bevölkerung mit Broschüren durch Swissmedic hilft mit, die Patienten zu befähigen, ihre Verantwortung des Medikamentenkonsums besser mitzutragen.
Auch wenn die Versicherer nicht direkt an der Abgabe von Arzneimitteln beteiligt sind, stehen sie hinter all diesen Aktionen. Sie kennen seit langem die Instrumente des Case Management und des Disease Management, Der Patienten steht hier im Zentrum und wird therapeutisch geschult, seine Behandlung gut mit zu verfolgen und selber zu einem besseren Informationsfluss betreffend seiner Medikation beizutragen. Seit nun über zehn Jahren, als die Qualitätszirkel geschaffen wurden, unterstützt santésuisse aus diesem Grunde auch die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten zur Verbesserung der Arzneimittelverschreibungen. Auch für die eHealth-Strategie, welche die Sicherheit im Gesundheitswesen fördern will, ist eine bessere Verschreibungsqualität ein Hauptanliegen.
Die Arzneimittelsicherheit ist ohne Zweifel eine nationale und internationale Priorität. Sie sollte jedoch nicht protektionistische Tendenzen hervorrufen, vor allem nicht im Pharmabereich. Sie darf nicht als Rechtfertigung für die Verweigerung von Parallelimporten oder für die hohen Arzneimittelpreise ins Feld geführt werden. Denn nicht die Verteidigung von Einzelinteressen ist das Ziel, sondern die Wahrung der Interessen der Patienten und der Prämienzahler, welche letztlich für die Kosten einer schlechten Medikation aufkommen müssen.
Dr. Beat Ochsner
Verwaltungsrat santésuisse