infosantésuisse-Artikel


01.10.2014

«Ich bin unsichtbar, aber mächtig!»

Nachdem in früheren Ausgaben bereits der Kantönligeist und der scheue Papiertiger interviewt wurden, wenden wir uns in dieser Ausgabe einem ebenfalls unsichtbaren Akteur zu: dem Schwarzen Peter. Niemand will ihn und trotzdem treibt er sich eifrig in seinem liebsten Habitat – dem Gesundheitswesen – herum.

Schwarzer Peter, danke, dass du uns dieses Interview gewährst.
Keine Ursache! Ich bin ohnehin stets in der Nähe.

Warum fühlst du dich so wohl bei den Krankenversicherern?
Ursprünglich geht es hier weniger um mich als um alle anderen. Denn die schieben mich seit Jahren an euch ab. Inzwischen aber habe ich mich an euch gewöhnt und mag euch!

Oft wirst du als schwarzer Panther dargestellt. Warum?
Ich wäre auch lieber ein fröhlicher Pink Panther, doch muss ich trotzdem sagen, dass mein Leben als unsichtbares Wesen sehr spannend ist. Ich bin unsichtbar, aber mächtig!

Was macht dich so mächtig?
Ich habe zwar weder Amtsmacht noch individuelle Autorität, die mich mächtig machen könnten. Trotzdem habe ich die Fähigkeit, auf das Verhalten und Denken von einzelnen Menschen und ganzer Gruppen einzuwirken. Es ist die Macht der Angst, von der ich zehre, denn niemand will mich – aber einen triffts immer.

Warum treibst du dich ausgerechnet im Gesundheitswesen um?
Meine Lehre absolvierte ich auf dem Fussballplatz, wo ich abwechselnd die Nähe zu Schiedsrichtern und Trainern gesucht habe. Mit der Zeit wurden aber die kleine Anzahl von Akteuren und das doch immer wieder gleiche und überschaubare Setting langweilig. Ganz anders sieht es da im Gesundheitswesen aus, das ich als Klassenbester als Revier erhalten habe!

Auch hier bestehen die Settings doch seit Jahren.
Die Akteure sind bekannt, doch die Vielfalt macht es spannend. Es ergeben sich immer wieder neue  Konstellationen und ich als Schwarzer Peter renne manchmal vom Arzt nach Bundesbern in die Amtsstuben und zum Versicherten in Baselstadt – und lande am Schluss trotzdem häufig bei den Krankenversicherern! Das ist in der Tat eine Konstante.

Kannst du konkreter werden?
Der Patient etwa profitiert in Baselstadt vom grossen Angebot an Ärzten und Spitälern – und nimmt diese Leistungen gerne in Anspruch. Die Ärzte wehren sich auch nicht dagegen, denn sie verdienen ja an den Behandlungen und fühlen sich auch verpflichtet, die Patienten am medizinischen und technischen Fortschritt teilhaben zu lassen. Also: Der Patient konsumiert, der Arzt behandelt und verdient. Doch Schuld an den hohen Prämien, die ja nur diese entstandenen Kosten decken, sind die Krankenversicherer, wenn sie die  Prämienrechnung verschicken. Zurzeit kursiert sogar der Begriff «Prämienexplosion». Herrlich! Da blühe ich so richtig auf. Gut gespielt von der Politik und den Akteuren, gerne aufgenommen von den Medien.

Wer schiebt am besten ab?
Manchmal ist es die unsichtbare Hand des Systems, die wirkt, wie etwa das Beispiel des «Off-label-use» zeigt. Welche Therapien bezahlt werden, definiert der Bundesrat im Leistungskatalog. Er legt damit fest, welche Leistungen von der Grundversicherung bezahlt werden müssen. Bei sehr seltenen Krankheiten wenden Ärztinnen und Ärzte manchmal Therapien an, die nicht für die vorliegende Krankheit in diesem Katalog aufgeführt sind. Es geht hierbei also um Leistungen, die nicht kassenpflichtig sind und deshalb streng genommen gar nicht durch die Grundversicherung bezahlt werden dürfen. Eine solche Ungeheuerlichkeit will aber niemand. Zahlen die Krankenversicherer nun aus Kulanz eine Therapie, die sie streng genommen nicht zahlen müssten, wird das als selbstverständlich angenommen. Bringt diese die erhoffte Wirkung nicht und müssen die Krankenversicherer den harten Entscheid fällen, dass die Therapie aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen WZW-Kriterien nicht weiter bezahlt wird, werden sie der Willkür angeprangert! Eine Situation, in der die besten Schwarz-Peter-Spieler auf mir sitzen bleiben würden.

Ich dachte immer, Bund und Politik seien die besten Schwarz-Peter-Spieler?
Sprechen Sie das Aufsichtsgesetz an? Das ist ein schönes Beispiel, geradezu ein Klassiker: Weil ich meiner Aufsichtspflicht nicht nachkomme, fordere ich ein stärkeres Gesetz und begründe die Notwendigkeit eigentlich mit meinem Versagen. Schuld sind aber die, die nicht genügend kontrolliert wurden. Gefällt mir auch wirklich gut. Es gibt aber auch vermeintlich schwarze Schafe, die den schwarzen Peter gut spielen.

Ach ja?
Nehmen wir die Rechnungskontrolle und die Wirtschaftlichkeitsprüfungen. Beides sind gesetzliche Aufträge der Krankenversicherer, damit die Kosten nicht unkontrolliert steigen. Fällt ein Arzt dann in die Wirtschaftlichkeitsprüfung, sind die Krankenversicherer die bösen Bürokraten, die den Arzt demütigen und schikanieren. Dito Rechnungskontrolle: Machen die Krankenversicherer die Rechnungskontrolle und fragen nach, sind sie Bürokraten und behindern die Ärzte. Machen sie keine Rechnungskontrolle, steht ruckzuck der  Kassensturz vor der Tür.

Leider sind auch andere davon betroffen, dass du den Krankenversicherern dermassen hartnäckig auf den Fersen bleibst. Zum Beispiel Managed Care-Anbieter.
Nein, das stimmt nicht. Ich habe mich geweigert, bei den Ärztenetzwerken vorbeizugehen und habe stattdessen die «Willkür im politischen Diskurs» mobilisiert. Wenn die gleichen Kreise 2012 die Managed Care-Vorlage abschiessen und kurz darauf eine Initiative lancieren, die Managed Care als Lösung für die grössten Probleme predigt, hat das nichts mehr mit mir zu tun. Vor allem, wenn die Initiative den erfinderischen Ärzten in den Netzwerken den Boden unter den Füssen wegzieht. Da distanziere ich mich klar.

Bist du auch für Pattsituationen zuständig?
Wenn es dabei jemanden gibt, der in dieser Situation unschuldig Verantwortung übernehmen muss, dann schon. So geschehen bei der ganzen Diskussion um die Prämienverbilligungen. Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) sieht vor, dass der Kanton von den Versicherern die volle Lieferung der Daten über die Versicherten verlangen kann. Der eidgenössische Datenschützer sieht hier die Verhältnismässigkeit nicht gegeben, da nur rund 30 Prozent der Versicherten eine Verbilligung erhalten. Warum also 100 Prozent der Daten liefern? Die Krankenversicherer sind nun in einer Pattsituation: Liefert man die Daten nicht, verstösst man gegen das KVG. Liefert man sie, missachtet man die Meinung des Datenschützers. Immerhin können die Krankenversicherer wählen, von wem sie angeklagt werden!

Du schleichst auch bei den Tarifverhandlungen unangenehm um die Beine.
Ja, das bestätige ich: Verhandeln die Krankenversicherer im Sinne der Prämienzahler konsequent, entziehen sie den Spitälern angeblich die Existenzgrundlage. Wären sie nachlässig, würde es heissen, sie nähmen ihre Rolle nicht wahr und seien am Kostenanstieg mitverantwortlich. Was dabei vergessen geht: Einige Kantone – nicht alle, das möchte ich betonen – finanzieren die Forschung und Lehre, die in ihren eigenen Spitälern erfolgt, nicht ausreichend. Dies obwohl es die neue Spitalfinanzierung vorsieht. Schuld am vermeintlich fehlenden Geld sind aber die Krankenversicherer. In diesem Bereich begebe ich mich aber auch immer wieder mal gerne in die Etage der Gesundheitsdirektion. Denn als Besitzer von Spitälern, als Planer der kantonalen Spitallandschaft und als Schiedsrichter bei Tarifstreitigkeiten haben sie grosses Potenzial für mich!

Und die Krankenversicherer wälzen dich nie auf andere ab?
Die Krankenversicherer haben es schwer, mich auf andere abzuwälzen. Damit sie das bei Bedarf trotzdem ohne viel Aufwand können, existieren seit kurzem drei Verbände. Denn so können sie mich jederzeit problemlos intern hin- und herschieben.

Wohin wirst du demnächst dein Revier ausdehnen?
Mal gucken.

Die Antwort auf diese Frage ist zu kurz, ich brauche mehr, um die Seite zu füllen.
Das ist dein Problem!

INTERVIEW: SILVIA SCHÜTZ

 

 

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Der Schwarze Peter
Das Spiel Schwarzer Peter besteht in der Regel aus 31 oder 37 Karten. Es enthält den Schwarzen Peter und 15 oder 18 Kartenpaare. Die Anzahl Mitspieler ist offen, im Minimum müssen zwei Spieler daran teilnehmen. Das Spiel dauert so lange, bis alle Kartenpaare abgelegt sind und ein Spieler mit der Karte des Schwarzen Peters übrig bleibt. Das Spiel hat eine Redewendung inspiriert: «Jemandem den Schwarzen Peter zuschieben» bedeutet, Unangenehmes und eigene Verantwortung auf diese Person abzuschieben.