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01.09.2013

«Wichtig ist, gemeinsam am gleichen Strick zu ziehen»

Seit Mitte Juni ist Verena Nold Direktorin von santésuisse. Ihr Ziel ist es, die Interessen der Mitglieder zu einen und gemeinsam mit ihnen am gleichen Strick in die gleiche Richtung zu ziehen. Ausserdem möchte sie durch engere Zusammenarbeit von santésuisse, tarifsuisse ag, SASIS AG und SVK die vorhandenen Synergien besser nutzen. Gegen aussen wird santésuisse das Schweizer Gesundheitswesen aktiver mitgestalten.

Auf Sie wartet eine Herkulesaufgabe. Was hat Sie dazu bewogen, die Herausforderung als Direktorin von santésuisse anzunehmen?
Ich finde es sehr spannend, das Schweizer Gesundheitswesen erneut aktiv mitgestalten zu können und mitzuhelfen, dass auch zukünftige Generationen von einem qualitativ hochstehenden Gesundheitswesen zu bezahlbaren Prämien profitieren können. Ich nehme Herausforderungen gerne an, speziell die Direktorenfunktion bei santésuisse.

Was spricht für Sie als Direktorin?
Ich bringe langjährige Branchenerfahrung mit, weiss, wie das Gesundheitswesen funktioniert und kenne viele Partner persönlich. Dank meiner langjährigen Tätigkeit bei santésuisse und tarifsuisse ag bin ich bestens im Bilde, welches die Bedürfnisse der Krankenversicherer sind. Das sind ideale Voraussetzungen für dieses Amt.

Welches ist Ihr Auftrag als Direktorin und mit welchem Rezept wollen Sie ihn erreichen?
Mein klares Ziel ist es, die Interessen der Mitglieder zu einen und gemeinsam mit ihnen am gleichen Strick und in die gleiche Richtung zu ziehen. Wichtig ist dabei, alle Mitglieder in den Entscheidungsprozess einzubeziehen.

Braucht man für den Posten einen Schleudersitz?
Nein das braucht es nicht. Es wird Turbulenzen geben, aber mit einer guten Crew wird man diese gut überstehen und es wird nicht zur Bruchlandung kommen. Darüber hinaus sind Herausforderungen immer eine grosse Chance, auch zu neuen Lösungen zu kommen.

Wie wird santésuisse die Rolle des führenden Branchenverbands unter Ihrer Führung wahrnehmen?
santésuisse muss Vordenker des Schweizer Gesundheitswesens werden. Sie muss Vorschläge erarbeiten, wie das Gesundheitswesen nachhaltig verbessert werden kann. Dazu wird santésuisse die notwendigen Massnahmen treffen, um gezielt und lösungsorientiert voranzukommen.

santésuisse ist nach wie vor der Verband der kleinen, mittleren und grossen Krankenversicherer – mit den entsprechenden unterschiedlichen Interessen im Verwaltungsrat. Sind diese Interessen in der neuen Konstellation besser unter einen Hut zu bringen?
Die Interessenlage ist nicht bloss eine Frage der Grösse. Es ist deshalb absolut möglich, Positionen zu entwickeln, hinter denen alle geschlossen stehen.

Welche Themen werden Sie als Direktorin von santésuisse in den nächsten Jahren begleiten? Woran soll der santésuisse-Verwaltungsrat Sie in fünf Jahren messen?
Der Arzttarif TARMED muss dringend revidiert werden. Zudem müssen national einheitliche Tarifstrukturen in der Rehabilitation und in der Psychiatrie eingeführt werden, um nur zwei der wichtigsten längerfristigen Themen zu nennen. Aktuell hat die Verhinderung der Einheitskasse oberste Priorität. Wenn dies gelingt, hat man schon viel Schwung für die Zukunft gewonnen.

Was einigt die Branche über die Ablehnung der Einheitskasse hinaus?
Alle Krankenversicherer stehen ein für ein freiheitliches Gesundheitswesen mit möglichst wenig staatlichen Eingriffen und grossen Wahlmöglichkeiten für alle Beteiligten.

«Wichtig ist, alle Mitglieder in den Entscheidungsprozess einzubeziehen»

Im Vorfeld der Abstimmung über die Einheitskasseninitiative stellt sich die Frage, welchen Mehrwert die Krankenversicherungsbranche den Versicherten und dem gesamten Gesundheitswesen bringt. Wo sehen Sie ihn?
Die Krankenversicherer setzen sich dafür ein, dass die Prämiengelder effizient eingesetzt werden und keine unnötigen oder zu teuren Leistungen bezahlt werden. Dank der guten Rechnungskontrolle sparen die Versicherer den Versicherten eine Milliarde Franken pro Jahr. Zudem bieten sie den Versicherten einen sehr guten Service, indem sie einerseits Rechnungen schnell und unbürokratisch bezahlen, die Fragen ihrer Kunden schnell und kompetent beantworten und darüber hinaus persönliche Beratungen anbieten. Andererseits entwickeln die Krankenversicherer innovative Versicherungsmodelle für ihre Kunden. Wer innovativ ist, hebt sich von der Konkurrenz ab und gewinnt dadurch neue Kunden. Eine staatliche Zwangskasse hingegen bringt keinen Mehrwert, sondern nur Nachteile: Die Versicherten verlieren die Wahlfreiheit, Innovationen verschwinden und auch der Service wird schlechter werden. Denn: Wechseln kann der unzufriedene Versicherte die Zwangskasse ja nicht. Ich sehe nicht ein, warum man unser hochstehendes Gesundheitswesen leichtfertig aufs Spiel setzt für ein gewagtes Experiment mit ungewissem Ausgang.

Was halten Sie von der Verbandsvielfalt? Braucht es Konkurrenz unter Verbänden?
Wenn es nicht gelingt, eine ganze Branche thematisch unter einen Hut zu bringen, kann es Sinn machen, dass sich Verbandsuntergruppen bilden. Konkurrenz spornt ja auch an und führt dazu, dass sich jede Organisation immer wieder hinterfragen muss. Dass diese Verbandsvielfalt ausgerechnet im Vorfeld der Abstimmung über die Einheitskasse entsteht, ist allerdings ungünstig.

Auch andere Branchen haben unterschiedliche Mitgliederinteressen, sind sich in wichtigen Grundsatzfragen aber einig wie z.B. die Ärzteschaft in der Verteidigung der freien Arztwahl und in der Therapiefreiheit. Wie wollen Sie unter den Krankenversicherern Einigkeit zum Risikoausgleich und der Tarifpartnerschaft schaffen?
In den letzten Jahren haben sich die Positionen der Krankenversicherer in Sachen Risikoausgleich angenähert. Aus diesem Grund wird es einfacher werden, Einigkeit bei diesem Thema zu erzielen. Was die Tarifpartnerschaft anbelangt, sind die Positionen der Versicherer nie so weit auseinander gedriftet, dass eine Einigung unmöglich erscheint. Ich bin zuversichtlich, dass wir zu dieser und auch zu anderen Fragen gemeinsame Positionen finden werden.

«Eine staatliche Zwangskasse bringt keinen Mehrwert, sondern nur Nachteile»

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit curafutura?
santésuisse ist für Gespräche mit curafutura bereit. Dort wo die Interessen übereinstimmen, macht eine Zusammenarbeit durchaus Sinn.

Nachdem finanziell gewichtige Abgänge bei den Verbandsmitgliedern zu verzeichnen sind, werden auch finanzielle Einbussen verkraftet werden müssen. Welche Dienstleistungen werden in Zukunft wegfallen oder eingeschränkt?
Es werden keine Dienstleistungen wegfallen. santésuisse muss ihre Dienstleistungen effizienter erbringen.

Müssen Sie am Personal einsparen?
santésuisse verfügt über Rückstellungen, deshalb sind vorderhand keine Sparmassnahmen notwendig.

In welcher Form wird santésuisse bei der Tarifpolitik, den Tarifstrukturen und den Preisverhandlungen in den nächsten Jahren mitwirken?
santésuisse wird ihre Mitglieder in den wichtigen nationalen Tariforganisationen wie zum Beispiel TARMED Suisse und SwissDRG AG vertreten. santésuisse wird auch in Zukunft die Tarifpolitik mitgestalten, indem sie konkrete Verbesserungsvorschläge in den politischen Prozess einbringen wird. Die Preisverhandlungen werden von den einzelnen Einkaufsgesellschaften durchgeführt.

Sie sind als ehemalige Direktorin von tarifsuisse ag für einige Leistungserbringer ein Feindbild. Ist das ein Hindernis für eine künftige konstruktive Zusammenarbeit?
Bei santésuisse habe ich eine andere Aufgabe als bei tarifsuisse ag. santésuisse führt keine Preisverhandlungen und so wird sich auch die Zusammenarbeit mit den Leistungserbringern vereinfachen. In dieser Hinsicht bin ich zuversichtlich, dass auch unsere Partner dies schätzen und honorieren werden.

Nachdem für Sie immer klar war, dass zwischen Tarifstrukturen und Preisverhandlungen ein äusserst enger Zusammenhang besteht, stellt sich die Frage, ob Sie den Verband und tarifsuisse ag wieder näher zusammenführen wollen. Steht eine Fusion ins Haus?
Man muss nicht unbedingt fusionieren, damit man gut zusammenarbeiten kann. Es ist durchaus möglich, dass man Themen in unterschiedlichen Organisationen behandelt und trotzdem gut und eng zusammenarbeitet.

Gibt es in der Zusammenarbeit von santésuisse mit tarifsuisse ag, SASIS AG und SVK Synergiepotenzial? Wenn ja, wo und wie soll es genutzt werden?
Alle vier Organisationen verfügen über grosses Know-how in ihren Themenbereichen. Es ist möglich, dieses Know-how vermehrt zu nutzen, indem man themenspezifisch gut vernetzt zusammenarbeitet. Ich denke, das wird eine der grossen Stärken von santésuisse und den verbündeten Organisationen sein.

In der Presse war zu lesen, dass santésuisse Führungsfiguren fehlen, welche die Branche nach aussen vertreten. Ebenso ein gewiefter Kommunikator, der dem Verband eine Stimme gibt. Teilen Sie diese Einschätzung?
santésuisse verfügt durchaus über Führungsfiguren, sie müssen nur vermehrt in Erscheinung treten. Eine aktive Kommunikation ist sehr wichtig.

Die Grundversicherung ist eine soziale Versicherung. Inwiefern ist sie dies zum jetzigen Zeitpunkt noch?
Die Grundversicherung ist auch heute eine sehr soziale Versicherung. So bezahlen zum Beispiel die Versicherten unabhängig von ihrem Gesundheitszustand die gleichen Prämien. Es besteht eine Solidargemeinschaft zwischen Gesunden und Kranken, Alten und Jungen sowie Männern und Frauen.

«santésuisse muss Vordenker des Schweizer Gesundheitswesens werden»

Nach nur einem Monat haben Sie das Spital Le Noirmont als Direktorin wieder verlassen. Nachdem diese Klinik auch unter einem gewissen Legitimationsdruck steht, stellt sich automatisch die Frage: Glauben Sie nicht an die Zukunft der Klinik?
Die Klinik Le Noirmont ist die grösste Rehabilitationsklinik für die stationäre kardiale Rehabilitation in der Schweiz. Es gibt also keinen Grund, nicht an die Zukunft dieser hervorragenden Klinik zu glauben. Im Gegenteil, ich habe die Arbeit auf der Klinik-Seite sehr geschätzt. Diese kurze und intensive Erfahrung wird mir bei santésuisse auf jeden Fall sehr wertvoll sein.

Interview : Silvia Schütz

 

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Verena Nold
Die neue Direktorin Verena Nold Rebetez (1962) war bereits von 2004 bis 2010 stellvertretende Direktorin des Verbandes und zuständig für die Abteilung Tarifverhandlungen. Anschliessend wurde sie Direktorin der tarifsuisse ag, einer Tochtergesellschaft von santésuisse. In dieser Funktion führte sie Tarifverhandlungen auf nationaler und kantonaler Ebene, nahm Einsitz in zahlreichen Kommissionen im Bereich Tarife und Qualitätssicherung und führte rund 60 Mitarbeitende. Von 1990 bis 1997 war Verena Nold bei der Helsana Versicherungen AG/Helvetia Krankenversicherung tätig, wo sie als Direktionsmitglied wertvolle Erfahrungen im Bereich Marketing und Produkteentwicklung sammeln konnte. Im Mai 2013 suchte Verena Nold eine neue Herausforderung und wurde Direktorin der Klinik Le Noirmont (JU), dem Zentrum für Rehabilitation bei kardiovaskulären Erkrankungen. Seit Mitte Juni 2013 ist sie neu Direktorin von santésuisse.