Wird ein «Digital Manager» bald den Hausarzt ersetzen?

infosantésuisse-Artikel


01.07.2015

Wird ein «Digital Manager» bald den Hausarzt ersetzen?

Health hat das Potenzial, unnötige Milliardenausgaben im Gesundheitswesen zu verhindern. Die Umsetzungsprobleme beim elektronischen Patientendossier deuten aber auf einen beschwerlichen Weg zu diesem Ziel. Währenddessen könnten eHealth-Anwendungen im Bereich der individualisierten Medizin zu grossen Umwälzungen führen, bis hin zur radikalen Veränderung des Berufsbildes des Hausarztes.

Unnötige Ausgaben von drei Milliarden Franken sind allein auf mangelnde Koordination im Gesundheitswesen zurückzuführen (siehe auch S. 8). Speziell in diesem Bereich soll laut einer Studie1 eHealth Verbesserungen bringen. Mit eHealth sei es möglich, die Ressourcenverschwendung zu verringern und effizientere und qualitätssteigernde Prozesse zu fördern. Die eHealth-Strategie des Bundes von 2007 sah ursprünglich die mit dem goldfarbenen Chip bestückte Versichertenkarte als den Sesamöffne-dich in die eHealth-Welt vor. Heute verfügen alle acht Millionen Versicherten in der Schweiz über diese Karte. Auf ihr können Informationen über chronische Krankheiten, die aktuellen Medikamente, Allergien, Kontaktadressen im medizinischen und privaten Umfeld sowie Angaben, wo weiterführende Dokumente wie medizinische Patientendossiers, Patientenverfügungen, Organspenderausweise und andere elektronische Dokumente verfügbar sind, gespeichert werden. Leider wird dieses Potenzial heute noch kaum genutzt, weil die Aufnahme dieser Daten für die Versicherten freiwillig ist und zudem viele medizinische Leistungserbringer heute weder über einen Chipkartenleser noch über eine Software zum Lesen dieser Daten verfügen. Ob sich dieser Zustand bald verbessern wird, ist offen.

Versprechen wir uns zu viel vom elektronischen Patientendossier?
Aktuell konzentriert sich die politische Diskussion auf das elektronische Patientendossier. Mit dem elektronischen Patientendossier sollen die Qualität der Behandlungsprozesse verbessert, die Patientensicherheit erhöht und die Effizienz des Gesundheitssystems gesteigert werden. Aus medizinischer Sicht ist für den Nutzen des individuellen Dossiers entscheidend, dass die Informationen vollständig und aktuell sind. Das Gesetz zur Einführung des elektronischen Patientendossiers sieht die sogenannte «doppelte Freiwilligkeit» vor. Das heisst, dass sowohl Patient als auch Leistungserbringer der elektronischen Speicherung der medizinischen Patientendaten zustimmen müssen. Dieser Ansatz birgt jedoch schwere Nachteile in sich. Wenn nicht alle Versicherten erfasst werden und die Dossiers nicht vollständig sind, werden die drei Ziele des elektronischen Patientendossiers nach besserer Qualität der Behandlungsprozesse, höherer Patientensicherheit und mehr Effizienz des Gesundheitssystems in Frage gestellt. Ohne flächendeckende Anwendung von vollständigen elektronischen Patientendossiers wird deren Verbreitung gebremst und Effizienzgewinne sind unrealistisch.

Internetanwendungen auf der Überholspur
Während auf der politischen Ebene die Auseinandersetzung mit dem elektronischen Patientendossier langwierig verlief, geht die Entwicklung auf der Datenautobahn des Internets rasant voran. «Quantified self» ist einer der derzeit vielzitierten Schlüsselbegriffe. Mit dem Smartphone die tägliche Schrittzahl zu messen ist nur eine der heute verfügbaren einfachen Anwendungen. Doch dabei wird es nicht bleiben. Internetgiganten wie Google, Apple und Amazon beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Gesundheit. In der Schweiz hat die Swisscom den Gesundheitsmarkt als ein interessantes Wachstumsthema entdeckt. Sie will unter anderem ihr eigenes Gesundheitsdossier anbieten, mit dem Gesundheitsdaten online gespeichert und weltweit abgerufen werden können.

Das Smartphone: der Gesundheitsmanager der Zukunft?
Der Zukunftsberater Gerd Leonhard hat kürzlich die sich abzeichnenden Möglichkeiten aus der Nutzung von digitalen Gesundheitsmanagern in einem Szenario zusammengefasst.2 Mit Sensoren auf dem Körper und in der Bekleidung könnten verschiedene Werte und Bewegungsdaten gesammelt werden. In Kombination mit genetischen Daten sei zu erwarten, dass Behandlungsentscheide künftig nicht mehr von einem ausgebildeten Mediziner gefällt werden müssen. Ein digitaler Gesundheitsmanager reiche aus, um einfache Diagnosen zu stellen oder Medikamente zu verschreiben. Damit werde der Hausarzt entlastet zugunsten von mehr Zeit für das Gespräch mit dem Patienten. Doch es stellen sich auch Fragen, zum Beispiel nach der Qualität und Interpretation der Daten. Heute muss ein Labor zertifiziert sein, damit die Messgeräte und Verfahren zuverlässige Daten liefern.
Die Interpretation der Daten erfolgt durch einen Arzt in Kenntnis der ganzen Krankengeschichte. Ob automatisierte Entscheide tatsächlich einmal möglich sein werden, lässt sich heute noch nicht abschätzen.

Heute ist schon Realität, dass viele Smartphone-Nutzer fleissig persönliche Gesundheitsdaten sammeln und speichern. Der Quantified-self-Trend spricht besonders Personen an, welche ihr Gesundheitsverhalten intensiv verfolgen wollen. Es ist wohl zutreffend, dass sich das höhere Gesundheitsbewusstsein dieses Personenkreises positiv auf das Gesundheitsbefinden auswirken kann.

Zudem scheinen viele Benutzer einer Weitergabe ihrer persönlichen gesammelten Daten wenig kritisch gegenüberzustehen. In Deutschland hat die Ankündigung der Generali-Versicherung, dass in rund einem Jahr eine App auf den Markt komme, mit welcher überprüftes Gesundheitsverhalten mit Rabatten für die Zusatzversicherung und Kundengeschenken belohnt werde, vor allem zu heftigen Reaktionen von Patientenschutzorganisationen und Datenschützern geführt.


In der Schweiz ist es zulässig, dass beispielsweise beim Abschluss einer freiwilligen Lebensversicherung Nichtraucher einen Rabatt erhalten. Dagegen schliesst die obligatorische Krankenversicherung eine Bevorzugung oder Benachteiligung der Versicherten aufgrund des individuellen Gesundheitsverhaltens aus. Obwohl immer wieder Vorstösse unternommen werden, die Kassenpflicht für medizinische Behandlungen aufgrund gesundheitsschädigenden Verhaltens einzuschränken – Stichwort Komatrinken –, steht eine Aufweichung der Solidarität zwischen Gesunden und Kranken in der Grundversicherung nicht zur Diskussion. Daran darf auch die zunehmende Verbreitung von Gesundheits-Apps in weiten Bevölkerungsteilen nichts ändern. Die freiwillige Förderung gesundheitsbewussten Verhaltens ist zu begrüssen, eine Schwächung der Solidarität in der sozialen Krankenversicherung muss hingegen unbedingt verhindert werden.

PAUL RHYN, LEITER PUBLIZISTIK, SANTÉSUISSE

1 Akademien der Wissenschaften Schweiz, «Effizienz, Nutzung und Finanzierung
des Gesundheitswesens», Bern 2012
2 So sehen die Jobs der Zukunft aus, 20Minuten, 23.1.2015

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