Achtung teure Fehlanreize!

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06.06.2019

Umstrittene Vertriebsmargen für Arzneimittel

Achtung teure Fehlanreize!

Die aktuelle Vertriebsmargenordnung für Medikamente führt zu Fehlanreizen bei der Medikamentenabgabe und ist zu teuer. Allein die Logistik- und Vertriebsleistungen belasten unsere Grundversicherung pro Jahr mit rund zwei Milliarden Franken. Das sind rund sechs Prozent des gesamten Prämienvolumens.

Die gesetzlich festgelegten Vertriebsmargen für Medikamente bestimmen massgeblich das Einkommen von Pharmalogistikern, Apotheken und Ärzten. Aber auch das Verkaufsverhalten wird von der Ausgestaltung der Vertriebsmarge mitbestimmt: Lassen sich mit teuren Produkten nämlich höhere Gewinne erwirtschaften, so verkauft der gewinnorientierte Unternehmer tendenziell die teureren Produkte. Ein Mechanismus, den die heutige Ausgestaltung der Medikamenten-Margenordnung geradezu provoziert. Ein Mechanismus auch, der dem Gebot der Wirtschaftlichkeit, einem der Pfeiler unserer sozialen Krankenversicherung, völlig widerspricht.

Das heutige Paradox

Bei patentabgelaufenen Medikamenten sind neben dem ursprünglichen Originalpräparat oft Nachahmerpräparate – Generika – mit identischem Wirkstoff auf dem Markt; zu deutlich günstigeren Preisen als die Originalprodukte. Beim Wirkstoff Paracetamol beispielsweise, breit eingesetzt gegen Schmerzen jeglicher Art, gibt es eine ganze Reihe Präparate von verschiedenen Herstellern. Die meistverkauften Packungen beinhalten 100 Tabletten à 1g Wirkstoff. Das teuerste Produkt ist «Dafalgan» und wird zu Fr. 27.50 verkauft. Das günstigste, mit genau demselben Wirkstoff und gleichem Packungs
inhalt, ist «Paracetamol Sandoz» und kostet Fr. 18.65. Gemäss dem Gebot der Wirtschaftlichkeit würde man erwarten, dass das teure «Dafalgan» gar nie verkauft wird, sondern nur das 32 Prozent günstigere «Paracetamol» von Sandoz. Weit gefehlt. Aufgrund der heutigen Vertriebsmargenordnung wird mit der günstigsten Packung pro Jahr ein Umsatz von gerade einmal 1,2 Millionen Franken erwirtschaftet, mit der teuersten Packung sind es 23,1 Millionen, also das Zwanzigfache (Jahr 2017). Aus Sicht der Verkäufer ist die Anreizsituation klar: Beim Verkauf von «Paracetamol» von Sandoz verdienen sie Fr. 9.10 pro Packung, bei der Abgabe von «Dafalgan» Fr. 13.60, also 50 Prozent mehr (Grafik).


Der Fehler liegt im System

Es sind drei «Systemfehler», die zu dieser kostentreibenden Praxis führen:

     

  • Fehler 1: Verschiedene Preisklassen mit verschiedenen Packungszuschlägen. Dieser Effekt ist beim Beispiel «Paracetamol» gut sichtbar: Weil die günstigere Packung in eine andere Preisklasse fällt als die teuerste Packung, erzielt der Handel beim Verkauf von «Paracetamol» von Sandoz eine Marge pro Packung von acht Franken gegenüber zwölf Franken bei «Dafalgan».
    Fazit santésuisse: Die Preisklassen verletzen das Wirtschaftlichkeitsgebot und sind zu eliminieren.
  • Fehler 2: Hohe preisabhängige Margenanteile: Je teurer ein Produkt, desto grösser die Marge. Eine kalkulatorische Herleitung vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) zeigt, dass der preisabhängige Margenanteil überhöht ist und für falsche Anreize sorgt. Beim Wirkstoff «Infliximab» gegen rheumatoide Arthritis beispielsweise, kostet das Original «Remicade» stolze Fr. 830.90, die preisbezogene Marge beträgt 85 Franken, das sind 12 Prozent vom Fabrikabgabepreis. Identische Präparate wie «Inflectra» oder «Remsima» kosten Fr. 627.25. Die preisbezogene Marge beträgt hier 64 Franken. Überdies bekommt der Verkäufer noch den packungsbezogenen Margenanteil (Packungszuschlag), der in den genannten Fällen mit 16 Franken identisch ist. Das Paradox: Auch in diesem Fall wird mit dem viel teureren Originalprodukt ein x-fach höherer Umsatz generiert, als mit den wirkstoffgleichen, aber deutlich kostengünstigeren Nachahmerprodukten: Bei «Remicade» waren es 101,2 Millionen Franken, gegenüber «Inflectra» und «Remsima» mit einem gemeinsamen Umsatz von 6,1 Millionen Franken (Jahr 2017).
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Fazit santésuisse: Der preisabhängige Teil der Marge ist auf ein Minimum zu reduzieren. Nur Kosten des Handels, die effektiv preisabhängig sind – etwa Zinskosten – dürfen durch die Margen ordnung abgedeckt werden.

     

  • Fehler 3: Hohes Margenniveau in der Schweiz: In kaum einem anderen Land werden den Pharmalogistikern und Apotheken für den Vertrieb und Verkauf von Medikamenten derart hohe Margen ausbezahlt. Insgesamt belaufen sich die diesbezüglichen Kosten auf erstaunliche 1,8  Milliarden Franken – bei einem Marktvolumen von knapp sieben Milliarden Franken. Rechnerisch lassen sich diese Höhenflüge nicht begründen. Selbst unter Berücksichtigung der höheren Kaufkraft in der Schweiz sind die Margen pro Packung viel höher als in vergleichbaren Ländern. Dabei noch nicht berücksichtigt ist die Tatsache, dass in der Schweiz die Beratungsleistungen der Apotheker mit der «Leistungsorientierten Abgeltung» (LOA-Taxen) zusätzlich in der Höhe von 260 Millionen Franken abgegolten werden.
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Fazit santésuisse: Die Gesamtsumme ausbezahlter Margen beim Verkauf von Medikamenten muss reduziert werden.

 

330 Millionen dank richtigen Anreizen

Die Vorschläge des Bundesrats zur Neugestaltung der Vertriebsmargenordnung beheben weder das Problem der Preisklassen, noch dasjenige der preisabhängigen Margenanteile. Auch das (zu) hohe Niveau der Margen wird damit nur halbherzig angegangen. Das BAG erwartet mit seiner Neuordnung denn auch Einsparungen von lediglich 50 Millionen Franken pro Jahr.
Um alle drei Fehler zu beheben, schlägt santésuisse folgenden Margenordnung vor: Einen Packungszuschlag von zehn Franken, einen preisabhängigen Zuschlag von fünf Prozent und keine Preisklassen. Der erste Fehler (Preisklassen) wird dadurch per se eliminiert. Der zweite Fehler (Preisabhängigkeit) wird minimiert, auf das vom BAG im Kalkulationsmodell hergeleitete Minimum. Dem dritten Fehler (Margenniveau) wird auch Rechnung getragen, denn der Vorschlag von santésuisse generiert Einsparungen zugunsten der Prämienzahlenden von 330 Millionen Franken pro Jahr. Im Fall von «Dafalgan» versus «Paracetamol» hätte diese neue Regelung eine praktisch identische Marge von Fr. 10.65 respektive Fr. 10.45 zur Folge, und der Verkäufer wäre indifferent bei der Beratung und Abgabe. Gleichzeitig ist die Preissteigerung beim günstigeren Produkt kaum spürbar, weil dessen vermehrter Verkauf die Medikamentenkosten insgesamt senkt.


Höchste Zeit zum Handeln

Die heutige Ausgestaltung der Vertriebsmargen belohnt die Verkäufer teurer Originalmedikamente – zum Nachteil der Prämienzahlerinnen und -zahler. Der Regulator ist im Sinne der Sicherstellung der mittelfristigen Finanzierbarkeit der sozialen Krankenversicherung deshalb dringend gefordert, die heute geltende Margenordnung zu überarbeiten. Die Probleme sind erkannt, die Lösungen auf dem Tisch. Jetzt müssen diese nur noch umgesetzt werden.

Patrick Walter, Projektleiter Medikamente, santésuisse

Fehlanzeige: Das teuerste Medikament generiert den höchsten Umsatz!

Grafik: Mit dem teuren «Dafalgan» werden in der Schweiz 23,1 Millionen Franken umgesetzt; mit dem kostengünstigen «Paracetamol» von Sandoz gerade einmal 1,2 Millionen, also zwanzigmal weniger. Quellen: Bundesamt für Gesundheit BAG – Spezialitätenliste, Stand 1.4.2019 / SASIS – Datenpool DP und Tarifpool TP, Stand 2017.

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