«Die Bäckerinnen-Initiative»

infosantésuisse-Artikel


01.09.2018

«Volksinitiative für eine starke Pflege»

«Die Bäckerinnen-Initiative»

Gastautor Markus Stadler setzt sich für mehr Verantwortung und Eigenständigkeit in der Pflege ein. Die «Volksinitiative für eine starke Pflege» lehnt er als zu weitgehend ab. Weshalb? Er erklärt es in einer Parabel.

Markus Stalder

Markus Stadler ist Lehrbeauftragter, u.a. für Gesundheitsökonomie und -politik. Er ist zudem Urheber der parlamentarischen Initiative zur Pflegeverantwortung, die vom Parlament 2016 abgelehnt wurde.

Es war einmal eine kleine Dorfbäckerei. Diese war nicht nur Nahrungsmittellieferantin, sondern gleichsam die Seele des Dorfs, in dem der Wind jeden Morgen frischen Brotduft durch die geöffneten Wohnungsfenster trug. Geführt wurde die Bäckerei von Lisa. Sie hatte ein Herz aus reinem Gold, und frühmorgens stand sie in der Backstube. Sie knetete, mehlte, rührte und verzierte, dass es eine Freude war. In Lisas Brust schlugen allerdings zwei Herzen. Neben dem Bäckerinnenherz klopfte das Herz einer Politikerin in ihr, obwohl das Lisa gar nicht bewusst war. Ihr Geschäft betrieb sie nämlich nicht selbstständig, sondern in Abhängigkeit eines grossen Detailhändlers. Lisa wollte somit nicht nur ihr Geschäft, sondern gleich das Bäckerinnenhandwerk landesweit in luftige Sphären heben und die Herstellung von Gipfeli, Züpfen und Weggli eigenverantwortlich fortführen. Auf die Produktion von Caramel-Äpfeln und Cookie-Doughs hätte sie gerne verzichtet. Aber sie durfte nicht, weil der grosse Detailhändler das so bestimmte.

 

Produktion entgleist

Lisa setzte sich eines Abends hin und stellte eine Wunschliste zusammen. Nicht nur die gelernten Bäckerinnen, sondern alle am Backen Beteiligten – auch Milch- und Eierlieferanten, Backgehilfen und Auslaufburschen – sollten höhere Gehälter zugesprochen bekommen, die Frühschicht sollte sozialverträglich gestaltet und die Qualität der Backerzeugnisse gesteigert werden. Lisa griff zum Telefon und rief Herrn Hüberli an, einen Nationalrat, der bei ihr täglich zwei Weggli kaufte. Sie las ihm ihre Wunschliste vor. Herr Hüberli, der Weggli als eigentlichen Lebensmittelpunkt betrachtete, war begeistert. Er verhalf Lisa zum nötigen Grundwissen rund um eine Volksinitiative. Diese wurde von nahezu allen Bäckereien im Land mitgetragen. Am Verkaufstresen legte Lisa Unterschriftenbögen auf, und in Rekordzeit kamen die notwendigen 100000 Unterschriften für die Bäckerinnen-Initiative zusammen. Aber dann passierte etwas. Es kam nicht nur in Lisas Dorfbäckerei, sondern landesweit zu einer massiven Mengenausweitung an Backerzeugnissen. Es gab so viele Gipfeli, Züpfen, Weggli, Caramel-Äpfel und Cookie-Doughs, dass den Menschen die Lust darauf verging. Sie verlegten ihre Gelüste auf Fleisch und Gemüse. Doch auch Metzger und Gemüsehändler hatten sich von der Bäckerinnen-Initiative anstecken lassen, sammelten Unterschriften, und ihre Produktion entgleiste ebenfalls. Wegen der Masse an Erzeugnissen sanken die Preise, dem neu angestellten Personal musste gekündigt werden. Auch Lisa, die Dorfbäckerin, stand wieder dort, wo sie schon immer gestanden hatte: In der Backstube, wo sie frühmorgens knetete, mehlte, rührte und verzierte, dass es eine Freude war.

Zu viel auf einmal

Das ist aber noch nicht das Ende der Geschichte. Lisas Initiative hatte in den Herzen der Parlamentarier und zugewandten Freunde etwas ausgelöst. Zugewandte Freunde waren eigentlich alle. Das ganze Volk. Denn – Hand aufs Herz – wer kann sich ein Leben ohne Gipfeli, Züpfen und Weggli vorstellen? Eben. Aber Lisa, die Bäckerin, musste zur Vernunft gebracht werden. Sie hatte zu viel aufs Mal gewollt – darin waren sich fast alle einig. Auch der Bundesrat sah das so und lehnte die Bäckerinnen-Initiative ab. Herr Hüberli, der nach wie vor allmorgendlich in Lisas Bäckerei einkaufte, verhalf ihr zu einer Lobby, damit ihre politischen Anstrengungen sich nicht in Mehlstaub auflösten. Bundesparlamentarier und Zugewandte entwickelten gemeinsam mit Lisa einen Gegenvorschlag zur Bäckerinnen-Initiative. Im Gegensatz zur «Lisa-die-zu-viel-wollte»-Initiative, enthielt der politisch ausgeklügelte Gegenvorschlag nur die Essenz des ursprünglichen Initiativ-Texts. Höhere Gehälter, Arbeitsbedingungen und Qualitätsansprüche wurden aus der Bäckerinnen-Initiative verbannt. Sie gehören nicht in die Verfassung und sollen Verhandlungsgegenstand zwischen der Bäckerinnen-Gewerkschaft und den Arbeitgeberinnen sein. Was übrig blieb, war der zentrale Passus, der nicht nur das Herz jeder Bäckerin, sondern auch das der Brotkunden höherschlagen liess: Eigenverantwortung. Lisas Dorf – und alle anderen Bäckereien – sollten unabhängig vom grossen Detailhändler werden und die Produkte anbieten dürfen, welche die Kundschaft wirklich benötigte. Gipfeli und Züpfe. Auch die Weggli, die Herr Hüberli so liebte, wurden weiterhin produziert. Caramel-Äpfel und Cookie-Doughs hingegen nahm Lisa aus dem Sortiment: Ein Markt, näher am Kunden, konnte niemandem schaden. Und Lisa, die Bäckerin, würde freier entscheiden können als bisher.

Markus Stadler