Potenzial beziffert, Realisation wird zur Geduldsprobe

infosantésuisse-Artikel


01.10.2017

HTA – «Health Technology Assessment»

Potenzial beziffert, Realisation wird zur Geduldsprobe

Unwirksame Behandlungen aus dem Leistungskatalog entfernen sowie fragliche Vergütungspflichten einschränken sind das Ziel der Re-Evaluation von Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Das Problem: an Komplexität kaum zu überbietende Prozesse und entsprechend langsame Entscheidungsfindungen.

Die systematische Überprüfung von aktuell durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) bezahlte Leistungen gehört zu den in der Strategie «Gesundheit 2020» festgelegten gesundheitspolitischen Prioritäten des Bundesrates. Ziel ist es, potenziell unwirksame oder ineffiziente Behandlungen aus dem Leistungskatalog zu entfernen oder deren Vergütungspflicht einzuschränken – und entsprechend Kosten zu sparen.

santésuisse engagiert sich

Ein Vorhaben, das santésuisse nach Kräften unterstützt. Bereits im November 2015 reichte der Verband beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) erstmals eine Liste medizinischer Leistungen ein, die – so die Meinung – auf den HTA-Prüfstand gehörten, weil sie die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW) nicht erfüllen. Damals wählte das BAG drei von insgesamt elf eingereichten Themen zur vertieften Beurteilung und weiteren Bearbeitung aus. Mit dabei, zwei von santésuisse unterbreitete Vorschläge: Abgabe von Blutzuckermessstreifen für nicht insulinpflichtige Diabetiker sowie die Beurteilung der Leistungspflicht von Chondroitin, einem Wirkstoff gegen Gelenkarthrose, dessen Wirksamkeit umstritten ist. Seither hat der Verband jedes Jahr weitere Leistungen zur Evaluation in den HTA-Prozess des Bundes eingespiesen. Im 2016 setzte santésuisse drei Themen auf die HTA-Agenda, unter anderem die Überprüfung der WZWKriterien aller Medikamente, die den Blutdruck senkenden Wirkstoff «Olmesartan» enthalten, sowie, als weitere Massnahme, die Einschränkung der Vergütungspflicht für Protonenpumpenhemmer gegen Sodbrennen. Beide Vorschläge wurden 2017 durch das BAG zur vertieften Beurteilung mit einem HTA ausgewählt. Für 2018 schliesslich haben die santésuisse-Experten um die Überprüfung und Limitierung von «Glitazone» und «Glinide», zwei Medikamentengruppen zur Behandlung von Diabetes Typ 2, ersucht. Und um eine Limitierung der Verschreibung des SchilddrüsenErsatzhormons «Levothyroxin».

Wermutstropfen: Die Mühlen mahlen langsam

Alles in allem liegen von Seiten santésuisse beim BAG derzeit Einschränkungs- respektive Streichungsanträge auf dem Tisch, die unser Gesundheitssystem pro Jahr mit rund 130 Millionen Franken entlasten könnten. Der einzige Wermutstropfen in diesem Prozess: Die Mühlen mahlen extrem langsam. Einmal eingereichte Anträge durchlaufen bei der Aufsichtsbehörde ein (zu) komplexes, standardisiertes Verfahren, das, je nach Themenbereich, zwischen 18 und 24 Monate in Anspruch nimmt. Hinzu kommt, dass trotz eines klar definierten Zeitablaufs die Beurteilung der vom BAG aufgenommenen Themen bis heute nicht begonnen wurde. Dies mit der Konsequenz, dass die Kostensparpotenziale zwar klar erkannt sind und auf dem Tisch liegen, dass jedoch jahrelang – wenigstens nach aussen hin – nichts passiert respektive Entscheide auf sich warten lassen. Eine unbefriedigende Situation, insbesondere im Hinblick auf die Kosten- und Prämienfalle, in der das Schweizer Gesundheitssystem derzeit steckt. (SST)

Susanne Steffen

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