Standardisiert, systematisch – und machbar

infosantésuisse-Artikel


08.10.2018

Qualitätswettbewerb im Gesundheitswesen

Standardisiert, systematisch – und machbar

Der medizinische Qualitätswettbewerb fristet insbesondere im ambulanten Bereich noch immer das Dasein eines Mauerblümchens. santésuisse unterstützt deshalb eine breit abgestützte nationale Qualitätsplattform, wie sie im Gesetzesentwurf vorgesehen ist, der derzeit im Parlament beraten wird.

Das Thema Qualität beschäftigt die Akteure im Gesundheitswesen wie auch das Parlament seit Jahren und sorgt – ebenfalls seit Jahren – für kontroverse Diskussionen. Darüber, was messbar, machbar und kommunizierbar ist. Und darüber, wie viel die Messung der Qualität kosten darf und wer für sie bezahlt. Uneinig sind sich die Akteure darüber, wie ein sinnvoller Qualitätswettbewerb zu fördern ist, ob und wie sich dieser auf die medizinische Behandlungsqualität auswirkt und schliesslich, ob bessere Qualität tatsächlich zu tieferen Gesamtkosten führt. Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) ist zum Thema Qualität seit mehr als zwanzig Jahren ebenso klar wie lapidar. Artikel 43 fordert eine «qualitativ hochstehende und zweckmässige gesundheitliche Versorgung zu möglichst günstigen Kosten». Wobei sich die Qualität, gemäss damaliger bundesrätlicher Botschaft, «sowohl auf die Behandlungsergebnisse wie auch auf die Angemessenheit der Leistung und auf die Zufriedenheit der Patienten» bezieht.

Stationär gut, ambulant ungenügend

Zu sagen, seit der Einführung des KVG sei punkto Qualität im Gesundheitswesen nichts passiert, würde den Anstrengungen von einigen Leistungserbringern und den Versicherern nicht gerecht. Auch nicht denjenigen des Gesetzgebers: Die KVG-Revision zur Stärkung von Qualität und Wirtschaftlichkeit ist in all ihren Facetten seit Jahren auf der politischen Agenda und hat erst kürzlich neuen Schub erhalten, indem der Nationalrat die Weichen zur Durchsetzung flächendeckender Qualitätssicherungsmassnahmen gestellt hat, insbesondere für ambulant erbrachte ärztliche Leistungen. Damit würde sich für die Krankenversicherer eine zentrale Forderung erfüllen. Denn noch immer schulden die ambulanten Leistungserbringer die Grundlagen für eine standardisierte, systematische Qualitätsmessung, um mangelnde Qualität und überflüssige Behandlungen überhaupt erkennen zu können. Ganz im Gegensatz zum stationären Spitalbereich, wo der «Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken» (ANQ) punkto Eckwerte und Mindestanforderungen in der Qualitätssicherung weit fortgeschritten ist und derzeit Qualitätsmessungen für den spitalambulanten Bereich evaluiert. Oder zur Arbeit der Kommission für Qualitätssicherung im medizinischen Labor (QUALAB), die Standards in der Laboranalytik setzt.

 

Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Qualitätsstrategie

Grafik: Die drei zentralen Pfeiler des funktionierenden Qualitätswettbewerbs: Schlüssig, aufeinander abgestimmt und effektiv.

Leistungserbringer und Gesetzgeber in der Pflicht

Zentrale Voraussetzung für einen funktionierenden Qualitätswettbewerb im ambulanten ärztlichen Bereich ist das Vorliegen von Indikatoren und Messdaten zu den Behandlungsergebnissen – flächendeckend, vergleichbar und transparent. Solange diese nicht vorliegen, lässt sich die Qualität medizinischer Leistungen nicht vergleichen. In der Pflicht stehen hierfür die Leistungserbringer und deren Berufsverbände. Ihnen obliegt gemäss Gesetz und Verordnung (siehe Kasten) die Verantwortung, die Qualitätssicherung administrativ zu organisieren und die nötigen Anreiz- und Kontrollsysteme zu schaffen – unter zwingender Mitwirkung der Krankenversicherer. Unter Zugzwang ist aber auch der Gesetzgeber. Am Parlament liegt es, für die gesetzlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen für einen sinnvollen Qualitätswettbewerb zu sorgen.

Gesetzliche Grundlagen zum Qualitätswettbewerb:

 

«Zentrale Voraussetzung für den Qualitätswettbewerb sind Messdaten zu Behandlungsergebnissen.»

 

Drei Handlungsebenen

Um im Gesundheitswesen einen sinnvollen und effektiven Qualitätswettbewerb zu etablieren und die diesbezüglichen Diskussionen in nützlicher Frist aus der Sackgasse zu führen, will santésuisse den bereits eingeschlagenen Weg fortsetzen und Massnahmen auf den folgenden Handlungsebenen weiter umsetzen.

     

  • Handlungsebene Leistungserbringer:
    Nach dem Prinzip «kein Tarif(struktur)-vertrag ohne Qualitätsvereinbarung» sollen Qualitätsvereinbarungen ausgearbeitet, abgeschlossen und umgesetzt werden. Die Krankenversicherer unterstützen die Verbände der Leistungserbringer bei der Erarbeitung und Einführung von Qualitätskonzepten und ermöglichen Pilotprojekte, welche die Kriterien von santésuisse erfüllen: Ergebnisqualität messen, einheitlich und vergleichbar erfassen und transparent kommunizieren.
  • Handlungsebene Anreize:
    Über die Vertragsgestaltung werden die Voraussetzungen geschaffen, um die Nichtteilnahme einzelner Leistungserbringer an den Massnahmen der Qualitätssicherung zu sanktionieren. Die transparente Publikation von Qualitätsinformationen fördert den Wettbewerb unter den Leistungserbringern.
  • Handlungsebene Politik:
    Bund und Kantone sind in der Pflicht, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dahingehend anzupassen, dass die Leistungserbringer zur Erarbeitung von Qualitätskonzepten sowie zur Messung und Lieferung von Qualitätsindikatoren verpflichtet sind – und sanktioniert werden können, falls dies nicht passiert. Sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst, erleichtert dies die Aktivitäten auf den beiden anderen Handlungsebenen.
  •  

Wer bezahlt?

Im Rahmen der nationalen Qualitätsstrategie unterstützt santésuisse eine breit abgestützte nationale Qualitätsplattform, wie sie derzeit im Parlament beraten wird. Deren Umsetzung ist mit jährlichen Kosten von zwanzig bis dreissig Millionen Franken verbunden. Nach Auffassung von santésuisse soll deren Finanzierung primär durch öffentliche Mittel erfolgen. Für die Erarbeitung von geeigneten Messsystemen, die Durchführung von Pilotprojekten sowie die Auswertung und Darlegung der Messergebnisse im Rahmen der Handlungsebenen «Leistungserbringer» und «Anreize» fallen bei den Krankenversicherern, den Leistungserbringern und den Messinstituten Kosten an. Deren Finanzierung gilt es vertraglich unter den Tarifpartnern zu regeln. (SST)

 

Ansprechpartner