Steter Tropfen höhlt den Stein

infosantésuisse-Artikel


01.09.2018

Auslandpreisvergleich

Steter Tropfen höhlt den Stein

Es geht um viel Geld beim Geschäft mit den Medikamenten: 6,8 Milliarden Franken sind 2017 in der Schweiz für Arzneimittel ausgegeben worden. Substanzielle Einsparungen wären aber möglich, das zeigt der Preisvergleich mit dem Ausland.

Es ist eine langjährige – und bemerkenswerte – Tradition, dass die Verbände santésuisse und Interpharma jeweils im Frühjahr vor die Medien treten, um über die Entwicklung der Medikamentenpreise im Vergleich zum Ausland zu informieren. Bemerkenswert deshalb, weil die Interessen der beiden Verbände punkto Preisfestsetzung im deutlichen Kontrast zueinander stehen. Verglichen werden jeweils die Fabrikabgabepreise in der Schweiz mit denjenigen in Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden. Und zwar für patentgeschützte und patentabgelaufene Medikamente wie für Generika.

Leicht günstigere Originale

2017 waren die rund 250 umsatzstärksten patentgeschützten Originalpräparate der Spezialitätenliste mit dem vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) angewendeten Wechselkurs von CHF/EUR 1.09 im Durchschnitt neun Prozent teurer als im vergleichbaren Ausland. Nimmt man als Vergleich den aktuellen Wechselkurs von CHF/EUR 1.14, beträgt der Preisunterschied noch sechs Prozent. Zum Vergleich: Im September 2016 waren die patentgeschützten Medikamente bei einem Wechselkurs von 1.07 CHF/EUR noch 14 Prozent teurer. Der Preisunterschied zum Ausland ist somit kleiner geworden. Grund dafür ist neben Wechselkursveränderungen insbesondere die vom BAG verfügte Preissenkungsrunde im Jahr 2017, die Einsparungen von 190 Millionen Franken zur Folge haben sollte.

Ärgernis Generika-Preise

Bei den Generika beträgt die Preisdifferenz zum Ausland satte 52 Prozent. Das heisst, die Nachahmerpräparate sind bei uns nach wie vor mehr als doppelt so teuer als im Durchschnitt der Vergleichsländer. Ein Fakt, den Preisüberwacher, Konsumentenorganisationen und Krankenversicherer seit Jahren ebenfalls bemängeln. Kommt hinzu, dass der mengenmässige Generika-Anteil in der Schweiz mit rund 25 Prozent so tief ist wie nirgendwo sonst im europäischen Ausland. santésuisse fordert deshalb für Medikamente ohne Patentschutz die Anpassung der Preise ans Ausland sowie die rasche Einführung und Durchsetzung des Festbetragssystems* sowie den Abbau von Markteintrittsbarrieren für Generika. Dazu Verbandsdirektorin Verena Nold: «Eine Systemumstellung hätte jährliche Einsparungen von mehreren Hundert Millionen Franken zur Folge. Mit Blick auf den stetig steigenden Kostendruck im Gesundheitswesen kann es sich die Schweiz nicht länger leisten, diese enormen Einsparmöglichkeiten nicht auszuschöpfen».

Gleicher Wirkstoff, tieferer Preis

Gleicher Wirkstoff, tieferer Preis

An den drei Beispielen lässt sich das Sparpotenzial eines Systemwechsels eindrücklich aufzeigen. Experten gehen davon aus, dass sich mit dem Festbetragsmodell pro Jahr rund 400 Millionen Franken einsparen lassen.

Deutschland machts vor

Dass das Festbetragssystem problemlos funktioniert und sich kostendämpfend auf die Gesundheitskosten auswirkt, beweist das Ausland. In über zwanzig europäischen Ländern werden die Generika-Preise nach Wirkstoffgruppen festgelegt; allen voran in Deutschland, das den Systemwechsel bereits vor dreissig Jahren vollzogen hat. Mit sehr guten Erfahrungen, wie das Interview mit Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands der deutschen Krankenversicherer, auf Seite 6 zeigt.

Einsame Spitze: Schweizer Preise für Generika und patentabgelaufene Originale

Einsame Spitze: Schweizer Preise für Generika und patentabgelaufene Originale

Die Preisabstandsregelung** führt im internationale Vergleich zu überhöhten Preisen. Insgesamt ist der Index für ungeschützte Produkte viel zu hoch. Quelle: IQVIA Pricing Insights Database, Februar 2018.

 

Widerstand der Generika-Hersteller

Nach wie vor auf Widerstand stösst die Einführung des Festbetragssystems für Generika bei den Herstellern. Für deren Exponenten ist ein Systemwechsel auf wirkstoffbasierte Festbeträge, kombiniert mit einer Verschreibungspflicht, eine unzulässige Vereinfachung, unter der die Behandlungsqualität der Patientinnen und Patienten leiden würde. Die Rede ist vom Vormarsch der «Billigstmedizin». Dabei wird ausser Acht gelassen, dass Generika punkto Qualität dem Original entsprechen und die hohen Zulassungshürden von «Swissmedic» nehmen müssen. Befürchtet werden ausserdem eine Beeinträchtigung von Therapietreue und Arzneimittelsicherheit sowie ein Innovationsstopp punkto Darreichungsform und Verpackung. Dass bei einem Einsparpotenzial von mehreren Hundert Millionen Franken pro Jahr auch spürbare Umsatzeinbussen zu verzeichnen wären, dürfte aber bis dato der Hauptgrund für die längst fällige Reform sein. Der Widerstand scheint denn auch zu bröckeln: An der Pressekonferenz zum Auslandpreisvergleich signalisierte Interpharma die Bereitschaft, unter bestimmten Bedingungen, dem Festbetragssystem zuzustimmen.

Zuwarten geht nicht

Die Forderungen der Krankenversicherer nach tieferen Medikamentenpreisen einerseits und einem Mitspracherecht bei der Preisfestlegung andererseits, liegen seit Jahren auf dem Tisch. Mit dem vom Bundesrat beschlossenen Kostendämpfungsprogramm, basierend auf dem Bericht einer Expertengruppe, kommt jetzt Bewegung in die Sache. Geht es nach dem Bundesrat, sollen die nachfolgenden Massnahmen im Medikamentenbereich zu substanziellen Kosteneinsparungen führen:

     

  • Einführung des Kostengünstigkeitsprinzips für die Preisbildung von Arzneimitteln.
  • Jährlich Überprüfung der Preise und Sicherstellung der Wirksamkeit und Zweckmässigkeit der vergüteten Arzneimittel.
  • Abschaffung des Innovationszuschlags für neu zugelassene Arzneimittel.
  • Einführung eines Beschwerderechts für Krankenversicherer und ihre Verbände.
  • Einführung eines Festbetragssystems.
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Einziger Wermutstropfen: Nur die Einführung des Festbetragssystems soll prioritär,
das heisst, noch 2018 realisiert werden. Für alle übrigen Massnahmen will sich der Bundesrat mit der Umsetzung mehr Zeit lassen. Schade, denn die Zeit drängt. (SST)

* Festbetragssystem und **Preisabstandsregelung

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