Weniger Risiken, weniger Nebenwirkungen

infosantésuisse-Artikel


11.04.2019

Einzelabgabe von Medikamenten?

Weniger Risiken, weniger Nebenwirkungen

Die Einzelabgabe von Tabletten und Kapseln im ambulanten Bereich kann gemäss einer Studie die Therapietreue positiv beeinflussen und die  Arzneimittelverschwendung reduzieren. Und im Fall von Antibiotika einen Beitrag gegen die fortschreitende Resistenzentwicklung leisten. Ein Pilotversuch in der Schweiz soll nun Fakten liefern.

Bei den zugelassenen und auf dem Markt eingeführten Arzneimitteln wird bei der Packungsgrösse darauf geachtet, dass die kleinste Packung an die Therapiedauer und Dosierungsempfehlung gemäss Fachinformation angepasst ist. Dennoch: Nicht immer entspricht die Packungsgrösse der aktuell üblichen Therapiedauer. Restmengen – insbesondere von Tabletten oder auch Kapseln – werden dann jeweils in der Hausapotheke aufbewahrt und in der Regel früher oder später entsorgt. Basierend auf der Sondermüllstatistik des Bundesamts für Umwelt (BAFU) aus dem Jahr 2016 kursieren denn auch Zahlen, wonach in der Schweiz jeden Tag mehrere Tonnen Medikamente entsorgt werden.

Problematische Selbstmedikation

Auch eine spätere Selbstmedikation mit Restmedikamenten kann nicht ausgeschlossen werden. Doch gerade im Falle von Antibiotika sind der korrekte Einsatz – die gesicherte Indikation – und die Therapiedauer wichtig, um die Resistenzentwicklung der Bakterien gegen diese Arzneimittel nicht zu fördern. Die Abgabe von Teilmengen einer Packung, die sogenannte Einzelabgabe, ist daher eine naheliegende Massnahme, um die Therapieziele nicht zu gefährden. Eine im Jahr 2017 publizierte Pilotstudie in Frankreich zeigte entsprechend positive Resultate: Durch die Einzelabgabe konnte die Anzahl  abgegebener Tabletten um zehn Prozent reduziert und gleichzeitig die Therapietreue verbessert werden. Das heisst, ein grösserer Anteil der Patientinnen und Patienten hat die verschriebenen Antibiotika über die vom Arzt empfohlene Zeit korrekt eingenommen.

Bund plant Pilotprojekt

Bundesrat und Parlament sehen seit der Veröffentlichung der französischen Studie in der Einzelabgabe von Antibiotika einen potenziellen Nutzen bei der Bekämpfung der Resistenzentwicklung sowie der Medikamentenverschwendung (Motion 17.3942). Bereits heute ist die Einzelabgabe in der Schweiz möglich und wird auch genutzt. Alleine in den öffentlichen Apotheken wurde 2017 – auf ärztliche Verordnung hin – im Durchschnitt jeden Tag 1140 Mal die Teilmenge einer Packung abgegeben und als Leistung den Krankenversicherern in Rechnung gestellt;* wobei Angaben zum Einsatzbereich und dem daraus resultierenden Nutzen fehlen. Jetzt soll ein Pilotprojekt des Bundes in einem noch zu bestimmenden Kanton die Einzelabgabe von Medikamenten – spezifisch Antibiotika – auch in der Schweiz untersuchen und damit den potenziellen Nutzen aufzeigen. Dabei darf nicht unterschätzt werden, dass die Abgabe einer Packungs-Teilmenge zum Teil beträchtlichen Mehraufwand mit sich bringt. Um die Arzneimittelsicherheit zu gewährleisten, müssen die einzeln abgegebenen Tabletten und Kapseln korrekt und eindeutig beschriftet, die Rückverfolgbarkeit gewährleistet und mit der nötigen Patienteninformation versehen werden. Davon ausgehend, dass dieser Zusatzaufwand durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgegolten werden muss, stellt sich auch die Frage nach den finanziellen Folgen dieser Massnahme. Das Pilotprojekt wird zeigen, ob die Einzelabgabe den erhofften Nutzen bringt – und ein weiteres Puzzle-Teil zu einer optimalen und kosteneffizienten Medikamentenversorgung ist.

* Verrechnung gemäss Tarifvertrag LOA IV/1 (Abgabe einer fraktionierten Packung zur ambulanten Einnahme); Zahlen gemäss SASIS-Tarifpool, Stand 19.02.2019

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