«Wir sehen uns als Partner der Hausärzte»

infosantésuisse-Artikel


01.09.2018

DocsVisit will mit alternativem Versorgungsmodell Kosten sparen

«Wir sehen uns als Partner der Hausärzte»

Hausarztbesuche als Geschäftsidee: Das Startup-Unternehmen DocsVisit mit Sitz im zürcherischen Brüttisellen geht in der Hausarztmedizin neue Wege. Ein weiterer Kostentreiber im Gesundheitssystem oder ein kostensenkendes Versorgungsmodell?

Simon Hodel

«Wir sind eine Art mobile Gruppenpraxis»: Simon Hodel, Mitgründer und Verwaltungsratspräsident von DocsVisit.

Wie Uber – nur für Ärzte, so titelte die Neue Zürcher Zeitung die Geschäftsidee von DocsVisit, einem Startup-Unternehmen, das seit Anfang April in den Regionen Zürich und Basel Patienten an selbstständig tätige Ärzte vermittelt und für diese die administrativen Arbeiten übernimmt. Die Idee hinter der neuen Dienstleistung: Mit Hausbesuchen die Behandlungs- oder Nachbetreuungskosten für nicht mobile chronisch Kranke senken und damit unnötige Spitaleintritte oder Rehospitalisationen vermeiden. Die Arzttermine können via Internetplattform oder telefonisch vereinbart werden. Eine Geschäftsidee, die auf Skepsis stösst: Die Krankenversicherer befürchten, dass das Angebot für «Hausbesuche per Mausklick» zu einer Mengenausweitung und Kostensteigerung führt. Der Verband der Hausärzte wiederum sieht im neuen Service in erster Linie ein Geschäftsmodell, das als Lösung propagiert wird, jedoch keine ist. infosantésuisse wollte mehr wissen über die Idee hinter DocsVisit und hat mit dem Firmengründer Simon Hodel gesprochen.

infosantésuisse: Seit Anfang April 2018 vermittelt DocsVisit in den Regionen Zürich und Basel ärztliche Hausbesuche für «wenig mobile» Patientinnen und Patienten. Wie kommt das Angebot an?

Simon Hodel: Wir sind gut gestartet. Einerseits kommen lokale Hausärzte auf uns zu, denen für Hausbesuche schlicht die Ressourcen fehlen. Andererseits zeigt es sich, dass unser Angebot in Pflegeheimen und bei Spitex-Diensten auf grosses Interesse stösst. Bereits werden rund vierzig Prozent unserer Einsätze von Pflegeheimen angefordert.

Sie sehen sich also nicht als Konkurrenz zu den niedergelassenen Hausärzten?

Im Gegenteil. Unser Geschäftsmodell basiert auf einer engen Kooperation mit der lokalen Ärzteschaft. Die meisten Hausärzte haben heute übervolle Wartezimmer, sind gleichzeitig medizinisch verantwortlich für die lokale Spitex-Organisation und betreuen oft auch noch ein Pflegeheim. Für Hausbesuche bleibt kaum Zeit. Auch Ferienabwesenheiten sind ein Problem. Hier ist DocsVisit eine ideale Ergänzung. Wir übernehmen die Hausbesuche chronisch kranker Patienten zuhause und in Pflegeheimen, immer im engen Austausch mit dem behandelnden Arzt punkto Behandlungsverlauf und Medikation.

 

«Unsere Ärzte haben wenig Kostendruck. Das verhindert Fehlanreize.»

 

Ihr Startup tritt mit dem Anspruch auf den Markt, die Behandlungskosten für multimorbide und chronisch kranke Patienten zu senken. Wie realistisch ist dieses Ziel, wenn das Konzept auf teuren Hausbesuchen basiert?

Unser Anspruch ist die Stabilisierung und Betreuung des Patienten vor Ort, also zuhause oder im Pflegeheim. Mit klassischer Hausarztmedizin wollen wir unnötige Spitaleintritte, Ambulanzeinsätze oder teure Notfallkonsultationen im Spital vermeiden. Die Mehrkosten eines Hausbesuchs liegen im Vergleich zum Gang in die Arztpraxis bei etwa dreissig Franken. Eine einzige Hospitalisation von einer Woche kostet rund 10000 Franken. Das ist mehr als dreihundert Mal so viel. Gelingt es, schwer kranken Menschen das Leben zu Hause zu ermöglichen und unnötige Spitaleintritte zu verhindern, sparen wir dem Gesamtsystem erheblich Kosten. Kommt hinzu, dass unsere mobilen Ärzte zwar gut ausgerüstet unterwegs sind, aber dennoch mit Limitationen, beispielsweise punkto Laboranalysen oder Röntgen. Das spart Kosten, weil sie gar nicht erst in Versuchung kommen, weiterführende, nicht zwingende Untersuchungen vorzunehmen, um salopp gesagt, teure Geräte und Infrastrukturen zu amortisieren.

Aber Sie verrechnen Ihren Patientinnen und Patienten eine Weg- und Zeitentschädigung gemäss TARMED. Das generiert höhere Behandlungskosten als in der Arztpraxis.

Hausbesuche sind effektiv höher tarifiert, hingegen entfällt der Praxiszuschlag für Hausärzte. Die Behandlungskosten wiederum werden genau gleich verrechnet wie in der Arztpraxis, das gilt auch für allfällige Notfall- oder Wochenendzuschläge. Bis wir voll ausgelastet sind, berechnen wir den Patienten zudem nur den Anfahrtsweg. Da unsere Ärzte ausschliesslich mobil unterwegs sind, sparen wir mit einer optimalen Routenplanung Fahrzeit und entsprechende Kosten. Hier sind wir gegenüber dem «stationären» Hausarzt im Vorteil, der in seiner Besuchsplanung wesentlich eingeschränkter ist. Erste Erfahrungen zeigen ausserdem, dass unser Angebot insbesondere bei Pflegeheimen ein grosses Bedürfnis abdeckt und entsprechend genutzt wird. In der Stadt Basel beispielsweise betreuen wir bereits fix drei Institutionen. Unser Arzt ist dann einige Stunden vor Ort, behandelt mehrere Patienten und verrechnet entsprechend auch kaum Anfahrtskosten.

 

«Als neuer Player im Gesundheitsmarkt müssen wir uns jetzt erst einmal beweisen.»

 

santésuisse befürchtet, dass das DocsVisit-Angebot eine Mengenausweitung zur Folge hat: Wer keine Lust hat auf das Wartezimmer des Hausarztes, fordert per Mausklick einen Hausbesuch an. Wie stellen Sie die vom Gesetz geforderte Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit Ihrer Leistungen sicher?

Achtung Missverständnis! Bei DocsVisit rufen in der Regel nicht die Patienten an, sondern die behandelnden Ärzte; oder Spitex-Mitarbeitende und Pflegeverantwortliche in Heimen, die Unterstützung brauchen. Über unsere Homepage können Pflegende die Verfügbarkeit des Arztes prüfen und einen Termin ausmachen, was die Planung erleichtert. Bei diesen «zugewiesenen» Patienten ist die Indikation bzw. Zweckmässigkeit eines Hausbesuches somit bereits gegeben. Ganz im Gegensatz zu einem Spitalnotfall oder beim Aufsuchen einer Permanence-Praxis, wo der Versicherte einfach hingehen kann, ohne dass die Zweckmässigkeit in Frage gestellt wird. Punkto Wirtschaftlichkeit stehen wir auf jeden Fall gut da. Die Ärzte, die für uns arbeiten, tun dies mit einer zweckmässigen aber minimalen und mobilen Infrastruktur. Sie haben wenig Kostendruck, weder für Praxisräume noch für teure Geräte oder Lohnkosten für medizinisches Praxispersonal.

Das heisst, der Erfolg Ihres Geschäftsmodells basiert auf der Voraussetzung, an die «richtigen» Patienten heranzukommen?

Genau. Denn nur mit dem «richtigen» Patientenstamm können wir wirtschaftlich arbeiten und den Beweis antreten, dass sich mit unserem Angebot und unserer Infrastruktur tatsächlich Kosten sparen lassen – immer mit Blick auf das Gesamtsystem. Unser «Zielpublikum» sind ganz klar ältere, multimorbide, in der Regel immobile Patienten, die auf eine medizinische Versorgung respektive Nachversorgung vor Ort angewiesen sind. Sie werden in der Regel durch einen Hausarzt betreut, der selber keine Hausbesuche machen will oder kann. Oder aber es sind Heimbewohner, die auch dann medizinische Betreuung brauchen, wenn der zuständige Heim-Arzt nicht vor Ort sein kann. Und schliesslich gibt es immer mehr auch ältere Patienten, die gar keinen Hausarzt mehr haben.

Nun sind es aber gerade die Hausärzte, die DocsVisit mit Misstrauen begegnen. Wie überzeugen Sie die lokale Ärzteschaft von Ihrem Konzept?

Sie sind, zusammen mit den Pflegeheimen und den lokalen Spitex-Diensten, unsere wichtigsten Intermediäre. Wir suchen das Gespräch mit ihnen, stellen unser Geschäftsmodell vor und bieten unsere Dienste an. Die Erfahrungen, beispielsweise hier in der Region Uster, sind sehr positiv. Denn für viele Ärzte sind Hausbesuche ein effektives Ressourcenproblem. Hier können wir übernehmen, als Ergänzung und im engen Austausch. Das gleiche gilt für die Pflegeheime. Dort ist das Bedürfnis nach rasch verfügbarer ärztlicher Unterstützung besonders akut. Ebenso im Spitexbereich. Im Endeffekt aber steht und fällt der Erfolg unserer noch sehr jungen Firma mit der Qualität unserer Arbeit. Einerseits müssen unsere Ärzte einen sehr guten Job machen und dadurch das Vertrauen von Mittlern und Patienten gewinnen. Andererseits muss DocsVisit, als Organisator und Administrator im Hintergrund, alles dafür tun, um als zuverlässiger, kompetenter Partner wahrgenommen zu werden.

Wie wollen Sie am Ende des Tages beweisen, dass DocsVisit nicht durch eine Mengenausweitung Mehrkosten generiert, sondern unser Gesundheitssystem punkto Kosten tatsächlich entlastet?

Heute und morgen werden wird das sicher noch nicht tun können. Wir sind gerade erst gestartet und müssen erst einmal Fuss fassen. Uns ist aber durchaus bewusst, dass wir in der Beweispflicht stehen. Eine sorgfältige und umfassende Daten- und Leistungserfassung wird uns dabei helfen. Zu einem späteren Zeitpunkt sicher auch eine Studie. Als neuer Player in einem gesättigten Markt sind wir uns bewusst, dass unser Tun von der Branche mit Argusaugen verfolgt wird. Wobei – wenn wir ehrlich sind – dieser kritische Blick auch bei der Eröffnung jedes neuen Spitalambulatoriums angebracht wäre.

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