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11.06.2019

Auslandpreisvergleich patentgeschützter Medikamente

Der Vergleich lohnt sich

Die Schweiz gehört weltweit zu den Ländern mit den höchsten Medikamentenpreisen. Ländervergleiche sind anspruchsvoll, bedingt durch uneinheitliche Datenquellen und Preisbestimmungen. Eine Kooperation zwischen der forschenden Pharmaindustrie und den Krankenversicherern trägt diesen Schwierigkeiten Rechnung und sorgt für Fakten.

Kommt ein neues Medikament auf den Markt, geniesst dieses in der Regel 15 Jahre Patentschutz. In dieser Zeitspanne herrscht eine Monopolsituation. Diese führt zu einem Marktversagen, was sich in zu hohen Preisen ausdrückt. Um dieses Versagen zu beheben, ist der Regulator, in diesem Falle das Bundesamt für Gesundheit (BAG), zum Eingreifen verpflichtet und die Preise für patentgeschützte Medikamente festzulegen.

BAG legt Basis

Dabei stützt sich das BAG auf zwei gesetzlich verankerte Instrumente: Erstens wird innerhalb der Schweiz ein Preisvergleich mit denjenigen Arzneimitteln durchgeführt, die grundsätzlich zur Behandlung derselben Krankheit angewandt werden. Die Behörde berechnet einen Durchschnittspreis dieser Medikamentengruppe (Therapeutischer Quervergleich TQV), wobei sie einen Innovationszuschlag von bis zu zwanzig Prozent gewähren kann, wenn sie der Ansicht ist, das neue Medikament biete gegenüber den Vergleichsprodukten einen bedeutenden therapeutischen Fortschritt. Zweitens erhebt das BAG die Preise des entsprechenden Medikaments im Ausland, um den durchschnittlichen Auslandpreis zu berechnen (Auslandpreisvergleich APV). Der Durchschnittspreis der Medikamentengruppe (TQV plus Innovationszuschlag) und der Durchschnittspreis im Ausland (APV) werden je hälftig gewichtet und bestimmen den Preis des neuen Medikamentes in der Schweiz.
Kann diese Methodik der Preisfestsetzung von kassenpflichtigen Medikamenten die Wirtschaftlichkeit der Medikamentenpreise sicherstellen? Dieser Frage soll mit dem von Interpharma und santésuisse jährlich gemeinsam durchgeführten Auslandpreisvergleich nachgegangen werden.

 

7% günstiger sind die patentgeschützten Medikamente in den neun Vergleichsländern.

 

Bewährte Zusammenarbeit

Diese Zusammenarbeit zweier Akteure, die zum Teil diametral entgegengesetzte Interessen verfolgen, hat sich bewährt. Indem die methodischen Differenzen im Vorfeld geklärt werden, können sich die Beteiligten auf die Identifizierung von Problemfeldern und mögliche Lösungsansätze konzentrieren. Profitieren sollen die Prämienzahlenden, da allfällige Preissenkungen das Haushaltsbudget entlasten.
Der gemeinsame Auslandpreisvergleich ist 2019 bereits zum zehnten Mal durchgeführt worden. Wie in den Vorjahren, wurden drei Medikamentenkategorien untersucht: Arzneimittel mit und ohne Patentschutz, wobei sich letztere aus Generika und Originalpräparaten ohne Patentschutz zusammensetzen. Interpharma berechnet die Preisdifferenzen von Medikamenten ohne Patentschutz und Generika, santésuisse untersucht die Preisunterschiede bei den patentgeschützten Medikamenten. Die Resultate werden gegenseitig ausgetauscht, kontrolliert und zum Schluss an einer gemeinsamen Medienkonferenz präsentiert.

Preisvergleich 2018 Patentgeschu?tzte Medikamente

Die patentgeschützten Medikamente sind in den neun Referenzländern im Durchschnitt sieben Prozent günstiger als in der Schweiz. Das Preisniveau in den Referenzländern variiert zum Teil beträchtlich. In Frankreich beträgt die Differenz sogar 23 Prozent. Quelle: santésuisse und Interpharma – Auslandpreisvergleich 2018.

Angewandte Methodik

Beim Auslandpreisvergleich der patentgeschützten Medikamente wird dieselbe Methodik angewandt, wie dies das BAG beim Auslandpreisvergleich zur Preisbestimmung neuer Arzneimittel und für die regelmässige Preisüberprüfung tut. Während die Aufsichtsbehörde den Fokus auf ein einzelnes Produkt legt, untersucht santésuisse die systematischen Preisdifferenzen aller patentgeschützten Arzneimittel zwischen den Ländern.
Der Vergleich basiert auf dem Fabrikabgabepreis. Dem Preis, den die Herstellungs- und die Vertriebsfirmen ab Lager in der Schweiz erhalten. Dem Prämienzahler werden dann zusätzlich noch die Vertriebsmarge sowie die «Leistungsorientierten Abgeltungen für die Apotheken» (LOA-Taxen) in Rechnung gestellt. Diese Kosten unterscheiden sich zum Teil stark zwischen den Vergleichsländern, wobei die Schweiz bei den Vertriebsmargen sehr grosszügig ist. Die beiden Preisbestandteile sind denn auch nicht Teil des Vergleichs; tatsächlich wird nur gemessen, was der Hersteller für den Verkauf seines Produktes erhält.
Die Fabrikabgabepreise der Vergleichspräparate werden aus öffentlich zugänglichen Quellen erhoben: In der Schweiz anhand der Spezialitätenliste des BAG, in den Vergleichsländern direkt vor Ort, sofern diese Information verfügbar ist. Wenn nicht, kommt ein bekannter Preis zur Anwendung – beispielsweise der Apothekenverkaufspreis oder der Publikumspreis – welcher anschliessend auf den Fabrikabgabepreis umgerechnet wird. Als Vergleichsländer dienen, wie beim Auslandpreisvergleich des BAG, neun Referenzländer: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, die Niederlande, Österreich und Schweden.
Als Stichprobe werden die 250 umsatzstärksten Medikamente untersucht; und zwar die jeweils umsatzstärkste Packung (Modalpackung) pro Medikament. Dies deckt rund 85 Prozent des Umsatzes aller patentgeschützten Medikamente ab. Das heisst aber auch, dass umsatzschwache Medikamente im Preisvergleich nicht berücksichtigt sind.
Wird in einem Referenzland nicht die identische Modalpackung gefunden, werden gewisse Abweichungen bei der Dosierung und/oder Packungsgrösse toleriert. Jede dieser Abweichung wird von den Vertragspartnern geprüft, um zu entscheiden, ob eine Preisumrechnung statthaft ist. Können nicht in mindestens drei Referenzländern vergleichbare Preispunkte erhoben werden, so scheidet das Medikament aus dem Preisvergleich aus. In der Regel bewegt sich diese Ausscheidungsquote bei unter sieben Prozent. Alle Preispunkte, welche die oben genannten Kriterien erfüllen, werden mit zwei unterschiedlichen Wechselkursen* in Schweizer Franken umgerechnet, um anschliessend die Preisdifferenz zwischen dem Schweizer Preis und dem Preis im Ausland zu kalkulieren. Mit den unterschiedlichen Wechselkursen wird deren Einfluss auf die Preisdifferenz quantifiziert.
Zum Schluss werden die Preisdifferenzen gemäss dem Umsatz des Medikaments in der Schweiz gewichtet und zu einem Gesamtindex pro Referenzland zusammengefasst. Der Indexwert zeigt pro Land die prozentuale Abweichung zum Schweizer Preisniveau.

APV als Frühwarnsystem

Beim Auslandpreisvergleich handelt es sich um eine bewährte und breit abgestimmte Methode, um im Bereich der kassenpflichtigen Medikamentenpreise Problemfelder zu identifizieren und frühzeitig darauf reagieren zu können. Dabei bildet die Zusammenarbeit zwischen Interpharma und santésuisse das Kernelement.

Patrick Walter, Projektleiter Medikamente, santésuisse

 

* Verwendete Wechselkurse

Bundesamt für Gesundheit – 3-Jahresüberprüfung der Medikamentenpreise 2018 (01.2017-12.2017):

CHF/€ 1.11, CHF/DKK 0.1494, CHF/£ 1.27, CHF/SEK 0.1153

Schweizerische Nationalbank – 12-Monats-Durchschnitt (03.2018-02.2019):

CHF/€ 1.15, CHF/DKK 0.1542, CHF/£ 1.30, CHF/SEK 0.1112

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