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27.11.2019

Steigende Gesundheitskosten

Ein milliardenteurer Wunschzettel

Aktuelle und geplante Vorhaben und Reformen könnten nach Schätzungen von santésuisse die Prämienzahlerinnen und -zahler jährlich mit erheblichen zusätzlichen Kosten belasten. Um den Kostenanstieg wirksam zu dämpfen, ist Zurückhaltung bei der Erfüllung von teuren Sonderwünschen angezeigt.

Der geringe Anstieg der Gesundheitskosten im Jahr 2018 scheint ein Strohfeuer gewesen zu sein. Offensichtlich haben – bedingt durch verschiedene Tarifanpassungen – die Abrechnungsverzögerungen bei Ärzten und Spitälern den tatsächlichen Kostenanstieg verschleiert. Die Kostendaten des laufenden Jahres von Januar bis Juli deuten jedenfalls darauf hin, dass mit einer Rückkehr in die Region des durchschnittlichen Kostenwachstums pro versicherte Person von 2,6 Prozent im Zeitraum von 2008 bis 2018 zu rechnen ist. In diesen zehn Jahren sind die Bruttoleistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) um fast zehn Milliarden Franken gestiegen. Pro versicherte Person betrug der Anstieg der jährlichen Bruttoleistungen beinahe tausend Franken. Die Kosten des gesamten Gesundheitssystems sind dabei sogar binnen vier Jahren um rund zehn Milliarden Franken gestiegen (Grafik). Aus Sicht von santésuisse wäre für die langfristige Tragbarkeit der Gesundheitskosten ein begrenzter jährlicher Anstieg der Kosten im Rahmen des Wachstums der Wirtschaftsleistung anzustreben. Mit einem Zuschlag von 0,5 Prozent für die demografisch bedingte Alterung dürfte der jährliche Kostenanstieg mit der von Konjunkturforschern längerfristig erwarteten Wachstumsrate des Bruttoinlandproduktes (BIP) von einem Prozent bei rund 1,5 Prozent liegen. Dieses Wachstumsziel geht davon aus, dass keine weiteren gesundheitspolitischen Massnahmen getroffen werden, die zu Kostenschüben führen. Weiter könnten die Kostendämpfungsmassnahmen des Bundesrates die Kostenentwicklung günstig beeinflussen. Allerdings sind bereits eine Reihe von Vorhaben bekannt, die diese Wirkung mehr als ausgleichen und bei ihrer Umsetzung zu erheblichen Kostenschüben führen würden.

Teure neue Begehrlichkeiten

Der Blick in die Zukunft ist mit Unsicherheiten behaftet. Es muss mit Annahmen gearbeitet werden, was zu einer mehr oder weniger grossen Unschärfe der Schätzung führt. Unter dieser Prämisse hat santésuisse die bekannten aktuellen und geplanten Vorhaben beurteilt und kommt auf geschätzte jährliche Mehrkosten von mehreren Milliarden Franken. Die Gründe dafür sind:

  • Neue teure Medikamente und Therapien: 1 Milliarde Franken Neue Gentherapien, beispielweise Kymriah® von Novartis, versprechen hohe Erfolgschancen bei verschiedenen seltenen Krankheiten. In den kommenden fünf Jahren erwartet santésuisse, dass rund dreissig neue derartige Therapien auf den Markt gelangen. Durchschnittlich muss mit einem Preis von 300 000 Franken und rund hundert Patienten pro Jahr gerechnet werden. Die Schätzung eines jährlichen Kostenschubs von einer Milliarde Franken dürfte eher konservativ sein, da noch zahlreiche weitere Medikamente zur Behandlung seltener Krankheiten in Entwicklung sind.
  • Anpassungen des ambulanten Arzttarifs: 2,5 Milliarden Franken Unbestritten ist die Reformbedürftigkeit der Tarifstruktur für ambulante Arztleistungen. Der von FMH und dem Krankenkassenverband curafutura beim Bundesrat – in zwei unterschiedlichen Versionen – eingereichte Entwurf für einen neuen ambulanten Tarif namens TARDOC führt allerdings nach Schätzungen von santésuisse zu einer Ausweitung des Tarifvolumens um 20 bis 25 Prozent gegenüber dem aktuell gültigen TARMED, konkret ein Plus von rund 2,5 Milliarden Franken. Basis für die Schätzung von santésuisse sind die im ambulanten Bereich vergüteten elf Milliarden Franken. Wie bereits schon der aktuell angewendete Arzttarif TARMED, krankt auch die neue Tarifstruktur TARDOC an einer grundlegenden Schwäche eines Einzelleistungstarifs: der Möglichkeit zur Mengenausweitung. Weil der TARDOC die Arztleistungen noch weiter verfeinert und aufgliedert, ergeben sich im Vergleich zum alten TARMED wieder neue Schlupflöcher, um Mengenbeschränkungen zu umgehen.
  • Besserstellung der Pflegenden: rund fünf Milliarden Franken Mehrkosten bis 2030 Die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» fordert mehr Zeit am Patienten für die Pflegenden, eine maximale Anzahl Patienten pro Pflegende sowie die selbstständige Abrechnung von Leistungen. Die Kostenfolgen dieser Forderungen werden stark vom zusätzlichen Bedarf an Pflegepersonal durch die Umsetzung dieser Anliegen bestimmt. Die Annahme eines Mehrbedarfs von 10 Prozent mehr Pflegenden erscheint plausibel. Dies entspricht rund 18 700 zusätzlichen Vollzeitstellen, was bei unveränderter Zusammensetzung der Qualifikationen zu jährlichen Kostenfolgen von 1,6 Milliarden Franken führt. Die Initiative verlangt auch eine bessere Vergütung für die Pflegenden und Anpassungen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die sukzessive Umsetzung der Anliegen führt zu einer jährlichen Erhöhung der Löhne und Nebenleistungen von jährlich 1,8 Prozent und bis 2030 von 20 Prozent. Die zusätzlichen Kosten dieser längerfristigen Anpassung belaufen sich auf rund fünf Milliarden Franken jährlich bis 2030. Diese Mehrkosten werden durch die Steuerzahler, die Prämienzahler sowie die Pflegebedürftigen zu tragen sein.

Durchschnittlicher Kostenanstieg in Prozent pro versicherte Person

  • Verschiedene Massnahmen: 500 Millionen Franken In mehreren Bereichen sind Tarifanpassungen oder die Aufnahme neuer Behandlungen in die Vergütungspflicht der Grundversicherung angekündigt, beziehungsweise möglich. Dazu gehören:
    Tarifanpassung Pflege: Gemäss Bundesrat sind Mehrkosten von 83 Millionen Franken zu erwarten.
    Einführung des Anordnungsmodells für die psychologische Psychotherapie: Gemäss Bundesrat sind Mehrkosten von mindestens hundert Millionen Franken zu erwarten.
    Erweiterung der kassenpflichtigen Zahnarztleistungen auf die Behandlung der sogenannten Kreidezähne: Die Häufigkeit bei Kindern beträgt je nach Quelle zwischen fünf und zwanzig Prozent. Die Annahme, dass fünf Prozent der Kinder jährlich 500 Franken Behandlungskosten verursachen, führt zu Mehrkosten von 40 Millionen Franken.
    Interkulturelles Dolmetschen als KVG-Leistung: Gemäss dem Verband INTERPRET wurden 2018 im Gesundheitsbereich 150 000 Einsätze getätigt. Wie auch eine frühere BASS-Studie feststellt, ist davon auszugehen, dass die Nutzung mit der Kassenpflicht steigt. Unter der Annahme, dass 400 000 Einsätze zu 180 Franken abgerechnet werden, resultieren Mehrkosten von rund 70 Millionen Franken.
    Höhere Abgeltung Kindermedizin: Die Kinderspitäler fordern eine bessere Vergütung der Kindermedizin. Ausgehend von den Angaben der Spitäler zur angeblichen Unterdeckung im stationären und ambulanten Bereich könnten jährliche Mehrkosten von 180 Millionen Franken entstehen, wovon rund die Hälfte zulasten der OKP anfallen würde (ein Teil der Mehrkosten hätte die IV zu tragen, da sie Geburtsgebrechen von Kindern übernimmt).
    Vergütung von Pflegematerialien in Pflegeheimen ausserhalb der Pflegetarife: Wenn den politischen Vorstössen Folge gegeben wird, rechnet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit Mehrkosten im Umfang von rund hundert Millionen Franken.

Mehr Zurückhaltung gegenüber Sonderwünschen

Seit der Inkraftsetzung des Krankenversicherungsgesetzes im Jahr 1996 haben sich die Gesundheitskosten zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung mehr als verdoppelt. Es herrscht eine weitgehende Einigkeit darüber, dass eine Fortschreibung dieser Entwicklung nicht akzeptabel ist. Allerdings muss befürchtet werden, dass die Kostendämpfungsmassnahmen des Bundesrates weitgehend neutralisiert werden durch neue Begehrlichkeiten und Sonderwünsche. Umso wichtiger ist deshalb, dass die Kostenfolgen der Massnahmen bereits vor der Umsetzung transparent gemacht und in die Entscheidungen einbezogen werden.

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