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16.08.2019

Der «neue Risikoausgleich» auf dem Prüfstand

Kein Risiko beim Ausgleich

Die Anpassung des Risikoausgleichs mit «Pharmazeutischen Kostengruppen» ist eine der weitreichendsten Reformen der letzten Jahre. Sie stellt die Versicherer und die dafür verantwortliche «Gemeinsame Einrichtung KVG» punkto Datenaustausch und Berechnungsmechanismen vor etliche Herausforderungen. Und liefert neue Erkenntnisse über das Wechselverhalten der Versicherten.

Im Oktober 2016 hat der Bundesrat beschlossen, den Risikoausgleich ab dem Ausgleichsjahr 2020 weiter zu verfeinern. Neben den bisherigen Ausgleichsfaktoren Alter, Geschlecht und Aufenthalt in einem Spital oder Pflegeheim im Vorjahr, werden neu «Pharmazeutische Kostengruppen» (PCG) berücksichtigt. Dazu liefern die Krankenversicherer der «Gemeinsamen Einrichtung KVG» – das ist die Organisation, die mit der Durchführung des Risikoausgleichs beauftragt ist – Daten zum Medikamentenbezug jeder versicherten Person. Gestützt auf diese Angaben werden Risikoabgaben und Ausgleichsbeiträge unter den Krankenversicherern jährlich berechnet und festgesetzt.

Testphase mit zwei Probeläufen

Die Einführung der PCG ist die bisher bedeutendste Anpassung des Risikoausgleichs, sowohl in Bezug auf die zu erhebenden Daten (neu: Individualdaten) wie auch die Berechnung der Ausgleichszahlungen (neu: zweistufiges Regressionsverfahren). Weil die Auswirkungen des Risikoausgleichs auch die Prämienfestsetzung eines jeden Versicherers beeinflusst, ist der neue Ausgleichsmechanismus in einer Testphase auf Herz und Nieren geprüft worden.

Ein erster, erfolgreicher Probelauf erfolgte im Herbst 2018. Basis dafür bildeten die von den Versicherern zur Verfügung gestellten pseudonymisierten und verschlüsselten Individualdaten der Jahre 2016 und 2017. Getestet wurde, ob diese in der erforderlichen Qualität übermittelt werden konnten und die technischen Abläufe praxistauglich waren. Damit sollten allfällige Probleme frühzeitig erkannt werden und die Versicherer erste, für sie essenzielle Angaben über die Entwicklung ihrer Position im Risikoausgleich nach PCG erhalten.

Im Frühling 2019 erfolgte ein weiterer Probelauf: Dabei ist der verfeinerte Risikoausgleich PCG gemäss den Vorgaben für den ordentlichen Risikoausgleich nun vollständig und «prospektiv» berechnet worden. Das heisst, massgebend für die Ermittlung der Abgaben im Ausgleichsjahr waren die Medikamentenbezüge und -kosten der Vorjahre. Dies ermöglichte es den Versicherern, präzisere Angaben – weil unter realen Bedingungen berechnet – über die Entwicklung ihrer künftigen Risikoausgleichszahlungen zu erhalten; Informationen, welche für die Budgetierung und Prämienfestsetzung des Jahres 2020 ausschlaggebend sind.

93 Prozent der Versicherten sind ihrer Kasse treu geblieben

Wer wechselt die Versicherung?

Die  Gemeinsame Einrichtung KVG» hat nun die aggregierten Daten dieses zweiten Probelaufs publiziert. Nebst den Fakten bezüglich Prävalenz und  urchschnittlichen Kosten der Versicherten in einer PCG – siehe Bericht auf Seite 5 – lassen sich mit den jetzt vorliegenden Daten erstmals interessante Aussagen auch zum Wechselverhalten machen. Dies, weil die Daten der Versicherten, die ihre Kasse wechseln, von der Gemeinsamen Einrichtung für die Berechnung verknüpft werden.

Grafik 1 zeigt den Anteil der Personen je Alterskategorie, die 2018 den Versicherer gewechselt haben. Berücksichtigt worden sind dabei alle Erwachsenen ab 19 Jahren, also rund sieben Millionen Versicherte. Das Resultat spricht für sich: 93 Prozent der erfassten Personen sind ihrem Versicherertreu geblieben – und dies, obwohl die Prämien auf das Jahr 2018 um durchschnittlich vier Prozent erhöht wurden. Ein Indiz, dass die Mehrheit der Versicherten mit ihrer Krankenkasse zufrieden ist. Die restlichen sieben Prozent haben im Laufe des Jahres ihre Kasse gewechselt, wobei zwischen dem Wechselverhalten von Frauen und Männern keine nennenswerten Unterschiede feststellbar sind. Auch der Blick in die Alterskategorien zeigt keine grundlegenden Unterschiede. Am höchsten ist der Anteil der Wechsler bei Männern und Frauen in der Alterskategorie 26 bis 30 Jahren. Hier haben per 2018 über zehn Prozent der Versicherten ihre Kasse gewechselt. Und, was nicht erstaunt, je älter Mann und Frau werden, desto geringer wird der Wunsch, den Versicherer zu wechseln.

Wer ins Spital muss, wechselt weniger oft

Spitalaufenthalt und Wechselverhalten

Interessant auch die Zahlen zu den Versicherten, die im Vorjahr mindestens drei Tage in einem Spital oder Pflegeheim verbringen mussten. Bei den unter 55-Jährigen liegt deren Anteil unter fünf Prozent. Danach steigt die Spitalaufenthaltsquote stetig an. Bei den 66 bis 70-Jährigen sind es bereits zehn Prozent, den 81- bis 85-Jährigen war bereits jede vierte Person im Vorjahr im Spital. Ab dem neunzigsten Altersjahr liegt die Wahrscheinlichkeit eines Spitalaufenthalts bei über 50 Prozent. Betreffend Wechselverhalten zeigt die Analyse, dass Personen mit einem Spitalaufenthalt im Vorjahr den Versicherer eher selten wechseln, ihr Anteil liegt bei etwa drei Prozent. Deutlich höher ist dieser bei Personen ohne Spitalaufenthalt im Vorjahr. Innerhalb der Alterskategorien der 19- bis 40-Jährigen liegt ihr Anteil bei zehn Prozent. Und nimmt – auch nicht erstaunlich – mit zunehmendem Alter stetig ab.

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