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08.10.2021

7,6 Milliarden Franken für Arzneimittel

Kosten für Medikamente auf Rekordhoch

Medikamentenkosten in der Höhe von 7,6 Milliarden Franken wurden im vergangenen Jahr über die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgerechnet. Das sind fünf Prozent mehr als im Vorjahr und ist gleichzeitig ein neuer Rekord. Ins Geld gehen insbesondere die Behandlungen von Krebs- und Autoimmun-erkrankungen. 

Die ambulanten Medikamentenkosten haben die obligatorische Kranken-pflegeversicherung (OKP) im Jahr 2020 mit 7,6 Milliarden Franken belastet. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von 361 Millionen Franken (+ 5 Prozent) und übertrifft das Kostenwachstum der beiden Vorjahre (2019:
+ 3,1 Prozent, 2018: + 4,1 Prozent) deutlich. Oder anders herum: Im vergangenen Jahr wurden 22 Prozent aller Leistungskosten, die von der Grundversicherung übernommenen wurden, für Arzneimittel ausgegeben. Ein neuer Höchstwert, der zu denken geben muss. 

Spitzenreiter Immunsuppressiva und Krebstherapeutika
Die von santésuisse jeweils jährlich vorgenommene Kostenanalyse zeigt, dass hauptsächlich zwei Medikamentengruppen seit Jahren zu einem ungebremsten Wachstum im pharmazeutischen Bereich führen. Spitzenreiter sind die Immun-suppressiva, die zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden, also beispielsweise bei rheumatoider Arthritis. Die Kosten hierfür sind seit dem Jahr 2013 um eine halbe Milliarde Franken angestiegen. Auf Platz zwei liegen die Krebsmedikamente, die stetig teurer werden. Hier beträgt das Plus für den gleichen Zeitraum 380 Millionen Franken. Dass sich dieser Trend weiter fortsetzt, belegen die aktuellen Zahlen: So ist das Kostenwachstum von 361 Millionen Franken im Jahr 2020 zu 61 Prozent auf diese beiden Medikamentengruppen zurückzuführen. Ebenfalls gewachsen sind die Kosten für Antidiabetika (+ 27 Millionen Franken) sowie Antithrombotische Medikamente (+ 26 Mio.). 

Trend zu spitalambulanten Therapien
Interessant ist auch ein Blick auf die Vertriebskanäle. 2020 stiegen die Medikamentenkosten bei den Apotheken um satte 5,2 Prozent oder 197 Millionen Franken. Die selbstdispensierenden Ärzte verbuchten 2020 ein etwas geringeres Kostenwachstum von + 2,0 Prozent (+ 43 Mio.), während die Medikamentenkosten für spitalambulante Behandlungen mit + 9,5 Prozent (+ 121 Mio.) ähnlich stark anstiegen wie in den Vorjahren. Für Patrick Walter, Projektleiter Medikamente bei santésuisse, ist insbesondere das Kostenwachstum im spitalambulanten Bereich ein durchaus nachvollziehbares Phänomen: «Viele der extrem teuren Krebstherapien werden den Patientinnen und Patienten ambulant im Spital verabreicht. Die hohe Zunahme der Medikamentenabgabe durch Spitalapotheken ist ein Spiegelbild dieser Entwicklung. Bei den Apotheken hingegen ist das Kostenwachstum hauptsächliche auf Immunsuppressiva zurückzuführen.»

Einzelne Medikamente als Kostentreiber
Bei einer vertieften Analyse entpuppen sich einige Arzneimittel als regelrechte Kostentreiber. Das umsatzstärkste Medikament Xarelto zur Thromboseprophylaxe erreichte 2020 einen Umsatz von 147 Millionen Franken, 2013 waren es noch 35 Millionen. Die Kosten haben sich in dieser Zeit somit mehr als vervierfacht. Keytruda, ein heute breit eingesetztes Krebsmedikament, das erst seit 2017 vergütet wird, generierte im Jahr 2020 bereits Kosten von 122 Millionen Franken. 

Sparpotenzial endlich realisieren
Solche Kostenschübe liessen sich durch Einsparungen bei patentabgelaufenen Produkten zum Teil kompensieren. Doch: Generika werden in der Schweiz immer noch zu selten verschrieben – und erst noch zu Preisen, die weit höher sind als im benachbarten Europa. Zudem werden teure biologisch hergestellte Medikamente nach Patentablauf nur zögerlich durch günstigere Nachahmerpräparate, sogenannte Biosimilars, ersetzt. Auch bei der Abgeltung des Gross- und Einzelhandels (Vertriebsmargen) besteht erhebliches Sparpotenzial.
Fakt ist: Bei patentabgelaufenen Produkten und auch bei Vertriebsmargen sind Kosteneinsparungen längst überfällig. Solange diese nicht realisiert werden, müssen Patientinnen und Patienten weiterhin zu tief in die Tasche greifen und viel Geld für überteuerte Medikamente bezahlen.

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