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05.03.2021

Gemeinsam gegen die Krise

Reihenimpfung als Hoffnungsschimmer

Geschlossene Beizen, leere Sportstadien, Home-Office und Maskenpflicht: Seit Wochen ist das öffentliche Leben in der Schweiz nur noch eingeschränkt möglich. Die einschneidenden Massnahmen wurden von Bund und Kantonen erlassen – bisher bringen sie leider nur begrenzt den gewünschten Erfolg. Die Corona-Fallzahlen und auch die Reproduktionswerte sind immer noch zu hoch für eine Rückkehr zum normalen Alltag.

Immerhin: Mit der Corona-Reihenimpfung brennt seit dem Jahreswechsel ein vielversprechendes Licht am Horizont. 13 Millionen Impfdosen hat der Bund bei drei verschiedenen Herstellern reserviert. Geliefert wurde zwar erst ein kleiner Teil der Ware. Nichtsdestotrotz können sich besonders gefährdete Menschen seit Januar impfen lassen und auf diese Weise vor dem gravierenden Virus schützen. Bis im Sommer sollen auch alle anderen Schweizerinnen und Schweizer, die sich freiwillig melden, an die Reihe kommen. Diese Zielsetzung hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unlängst kommuniziert. Für die Impfungen müssen die Prämienzahler keine Kosten übernehmen. Obwohl die Finanzierung über die Obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) erfolgt, wird auch die Franchise nicht eingefordert.

santésuisse engagiert sich für Impfzentren...

Dass die nationale Impfkampagne schlank und ohne übermässige Bürokratie über die Bühne gehen kann, ist auch das Verdienst der Krankenversicherer. Vehement haben Sie sich im Dezember gegen die Pläne der Kantone gewehrt, die Impfungen vorwiegend in Hausarztpraxen und Apotheken durchführen zu lassen. Für Christof Kilchenmann, Chefökonom von santésuisse, wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.  «Ihnen fehlt schlichtweg die Infrastruktur.»

In Anbetracht der Grösse der Impfaktion mit 6-8 Millionen Personen ist die Durchführung in grösseren Zentren wesentlich effizienter möglich. Das hat sich im Jahr 2009 gezeigt, als die Schweinegrippe die Schweiz in Atem hielt. „Arztpraxen können bei solchen Aktionen allenfalls unterstützen - Allerdings höchstens punktuell“, sagt Kilchenmann. „Impfzentren haben sich in der Vergangenheit besser bewährt, sie sind deutlich effizienter als kleine Einheiten. Auch im Ausland wird deshalb so vorgegangen.“ Zudem dürften die Kriterien, wer wann geimpft wird, in einem Impfzentrum viel einfacher einzuhalten sein. Wenn ein einzelner Arzt darüber entscheiden muss, wer wann an die Reihe kommt, kann es zu ethisch schwierigen Interessenkonflikten mit Patientinnen und Patienten kommen.

...und Sammelrechnungen

Schwer getan haben sich die Parteien auch bei anderen Elementen des Tarifvertrags. Lange herrschte bei den Kantonen die Meinung vor, man könne die Impfungen einzeln über die OKP abrechnen. «Das wäre extrem aufwändig gewesen und hätte allen Parteien einen grossen Mehraufwand beschert», sagt Kilchenmann. Stattdessen machte er sich für eine unkomplizierte Abwicklung mit Sammelrechnungen analog der Impfkampagne zur Schweinegrippe stark - mit Erfolg. Konkret einigten sich Bund, Kantone und Krankenversicherer im Dezember auf folgende Lösung:

·         Die Krankenversicherer übernehmen die Kosten für die verabreichte Impfung gemäss einer vereinbarten Pauschale. Zusätzlich bezahlen sie fünf Franken pro Impfstoffdosis.

·         Der Bund trägt die Kosten der Impfstoffe, welche den Betrag von fünf Franken pro Dosis übersteigen sowie die Kosten für den Transport und die Verteilung der Impfstoffe in die Kantone. 

·         Die Kantone stemmen die Kosten für Logistik, Organisation und Infrastruktur auf ihrem Gebiet. Zudem kommen sie für den Selbstbehalt auf, den die Versicherten ansonsten selber tragen müssten.

Krankenversicherer finanziell stark belastet

Alles in allem rechnen die Krankenversicherer mit Impfkosten von gut 200 Millionen Franken. Hinzu kommen mindestens weitere 350 Millionen Franken, die ebenfalls aufgrund der Corona-Pandemie angefallen sind - für Tests, Behandlungen und Medikamente. Weitere Kosten werden bis zum Ende der Krise hinzukommen.

Reserven schützen in der Krise

Die Corona-Pandemie hinterlässt also deutliche Spuren in den Büchern der Krankenversicherer. Umso wichtiger ist es gerade in dieser schwierigen Zeit, dass sie über die nötigen Mittel für unvorhergesehene Ereignisse verfügen. Aktuell belaufen sich ihre Reserven auf rund 10 Milliarden Franken. Bei einem Volumen der OKP von rund 33 Milliarden Franken sind diese Reserven zwar solid, aber keinesfalls zu hoch. Sie entsprechen rund 3 bis 4 Monatsprämien aller Schweizerinnen und Schweizer.

Trotzdem will der Bundesrat mitten in der Krise die Mindestreserven der Krankenversicherer absenken.  «Das ist fahrlässig und unverantwortlich», sagt Verena Nold, Direktorin von santésuisse. Mit der geplanten Änderung der Krankenversicherungsaufsichtverordnung (KVAV) riskiert der Bund einen gesellschaftlich und wirtschaftlich unerwünschten Jo-Jo-Effekt. «Passen die Krankenversicherer ihre Prämien nicht rechtzeitig an die Kostenentwicklung an, müssen sie das Versäumte im Folgejahr und nötigenfalls auch unterjährig mit markanten Prämienaufschlägen kompensieren.»

Konstruktive Lösungen statt Risiken

Statt unnötige Risiken einzugehen, sollte der Bundesrat gerade jetzt beruhigende Signale an die Bevölkerung senden und den eingeschlagenen Weg der Kooperation mit den Krankenversicherern und Kantonen weitergehen - Schritt für Schritt aus der Krise. Den wichtigsten Meilenstein haben die Akteure im Januar 2021 mit dem Start der Reihenimpfung schon gesetzt. Die Chancen stehen gut, dass dieser Weg schon bald aus der Pandemie und zurück in einen normalen neuen Alltag führt.

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