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15.03.2019

Standpunkt: Ein Durchbruch für den Patienten

Standpunkt von Heinz Brand in der Südostschweiz vom 13. März 2019

Auch in Bundesbern hält sich die Zahl der Wunder in engen Grenzen. Überraschungen, wie vergangene Woche im Ständerat, gibt es aber immer wieder. Zur Verwunderung vieler hat sich der Ständerat – wenn auch erst im zweiten Anlauf – dafür entschieden, den längst fälligen Qualitätsvorgaben des Krankenversicherungsgesetzes ebenfalls zum Durchbruch zu verhelfen. Dass er dabei wenig zielführende Lösungsvorschläge der Ärzteschaft und seiner vorberatenden Kommission in den Wind geschlagen hat, war aber nachgerade beachtlich.

Obwohl seit über 20 Jahren vom Gesetzgeber gefordert, hat sich das Parlament nämlich bis heute um systematische Qualitätsmessungen und transparente -vergleiche foutiert. Genau deshalb sind heute über die Qualität von Hotels, Autoreifen, Deodorants und Handys mehr Informationen öffentlich zugänglich als über die Qualität von medizinischen Behandlungen. Leider ebenfalls noch immer nicht verfügbar für die interessierte Öffentlichkeit sind Informationen über Operationen, die ambulant vorgenommen werden. Diese Behandlungsweise nimmt laufend zu, weshalb glasklare Informationen über die Behandlungserfolge einzelner Ärzte, Permanencen und Kliniken für Interessierte besonders wichtig wären.

Vertrauen in den Arzt ist in der Medizin sehr wichtig. Blindes Vertrauen ohne objektive Qualitätskriterien kann aber für Patienten fatal sein. Die Skandale um mangelhafte Brustimplantate oder lausige künstliche Bandscheiben, die im Körper zerbröckelten, statt zur versprochenen «Revolution in der Orthopädie» zu einem Fiasko mit Höllenqualen für betroffene Patienten führten, zeigen, wie wichtig objektive Qualitätskriterien gerade bei schwerwiegenderen Eingriffen sind.

Wenn der leidenschaftliche Langläufer zur lokalen Spitze gehört, heisst das noch lange nicht, dass er im Direktvergleich mit unserem Super-Dario Schritt halten kann. Was im Sport gilt, trifft auch für die Medizin zu. Bedeutend aussagekräftiger als eine Einzelerfahrung sind deshalb bei der Qualität systematische Messungen und entsprechende Vergleiche. Sie zeigen, wie gut eine medizinische Leistung wirklich ist. Das Messen und die nachfolgende Publikation der Resultate führen dazu, dass ein Arzt allfällige Mängel früher erkennen und umgehend korrigieren kann. Zudem sollten die Patienten auch ihren Arzt- oder ihr Spital künftig vermehrt aufgrund objektiver Qualitätskriterien und nicht diffuser Empfehlungen auswählen können.

Weil nun der Ständerat nach zähem Ringen der auf hohe Transparenz bedachten Lösung des Nationalrats gefolgt ist, dürften Patienten in Zukunft vermehrt objektive Qualitätsinformationen zur Verfügung stehen. Das ist von grosser Bedeutung, denn seit Jahren zeigen alle Befragungen unserer Bevölkerung, dass sie die Qualität der medizinischen Versorgung noch höher gewichtet als die unsäglich hohen Kosten unseres Gesundheitswesens. Es ist daher inakzeptabel, dass unsere Bevölkerung nach derjenigen der USA am meisten für die Gesundheit bezahlen muss, in weiten Teilen der Medizin aber schlicht nicht weiss, wie gut die Behandlungen effektiv sind.

Primäre Aufgabe des Parlaments ist die Gesetzgebung. Das Beispiel der seit über 20 Jahren verweigerten Qualitätsnachweise bei medizinischen Leistungen im arztambulanten Bereich zeigt exemplarisch, dass wir nicht mehr, aber bessere Gesetze brauchen. Hier muss Bundesbern noch zulegen, um im Sinne der Bevölkerung zu handeln; es gibt ja nicht nur das Krankenversicherungsgesetz. In Bundesbern wartet noch viel Arbeit. 

 

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