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17.01.2019

Kostenanalyse komplementärmedizinischer Behandlungen

Teure Komplementärmedizin

Seit 2012 werden gewisse Leistungen der Komplementärmedizin durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung vergütet. Jetzt zeigt die Kostenanalyse: Homöopathie und Co. verursachen im Vergleich zur Schulmedizin signifikant höhere Kosten.

Traditionelle chinesische Medizin, Homöopathie, anthroposophische Medizin und Phytotherapie sind seit 2012 wieder im Leistungskatalog der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP). Seither sind bei den Komplementärmedizinern die Kosten pro Patient – im Vergleich zu denjenigen der Schulmediziner – stark angestiegen. Was die landläufige Meinung widerlegt, wonach alternative Heilmethoden im Vergleich zur Schulmedizin kostengünstiger praktiziert würden. Dass vielmehr das Gegenteil der Fall ist, zeigt eine von der santésuisse Wirtschaftlichkeitsprüfung in Auftrag gegebene Kostenanalyse durch B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung.

Vorwiegend Grundversorger

Damit ein Leistungserbringer komplementärmedizinische Leistungen über die Grundversicherung abrechnen darf, braucht dieser einen entsprechenden Fähigkeitsausweis. Bei fast 90 Prozent der komplementärmedizinisch tätigen Ärztinnen und Ärzte handelt es sich um Grundversorger der Fachrichtungen «Allgemeine Innere Medizin» oder «Praktischer Arzt». Die restlichen zehn Prozent sind vornehmlich in den Fachbereichen Gynäkologie und Geburtshilfe, Anästhesiologie sowie Kinder- und Jugendmedizin tätig.

Ausländische Diplome, hoher Frauenanteil

Es fällt auf, dass es in der Komplementärmedizin einen im Vergleich zur Schulmedizin hohen Anteil an Ärztinnen und Ärzten gibt, die ihr Diplom im Ausland erlangt haben. Bemerkenswert ist auch der hohe Frauenanteil in dieser Disziplin: Er liegt bei 36 Prozent, gegenüber 30 Prozent bei den Schulmedizinern. Der Frauenanteil überwiegt übrigens auch bei der Patientenstruktur. Er ist in der Komplementärmedizin um vier Prozentpunkte höher als bei den übrigen Ärzten. Und schliesslich sind regionale Unterschiede zu beobachten. Das Verhältnis von Komplementärmedizinern zu Schulmedizinern ist in der  Deutschschweiz wesentlich höher als in der lateinischen Schweiz. Eine Erkenntnis, die insofern wenig überrascht, als beispielsweise die Durchimpfungsrate von Masern, Mumps und Röteln in der Romandie höher ist als in der Deutschschweiz. Anders formuliert: Die Deutschschweizer Bevölkerung ist impfkritischer und «komplementärmedizingläubiger » als Westschweizer und Tessiner.

22 Prozent höhere Behandlungskosten

Im Rahmen der Analyse von B,S,S. lässt sich feststellen, dass Komplementärmediziner im Vergleich zu ihren Kolleginnen und Kollegen der Schulmedizin um 22 Prozent höhere Behandlungskosten pro Patient verursachen. Dabei sind Unterschiede in der Patientenstruktur bezüglich Alter, Geschlecht, Franchise und chronische Krankheiten bereits herausgerechnet. Berücksichtigt man die veranlassten Kosten in Apotheken, externen Labors sowie Physiotherapie, sind Komplementärmediziner elf Prozent teurer. Bei vergleichbarem Patientenkollektiv haben Komplementärmediziner im Schnitt somit deutlich höhere OKP-Kosten als Schuldmediziner, sodass diese bei der Wirtschaftlichkeitsprüfung auch häufiger als unwirtschaftlich oder statistisch auffällig erscheinen.

Komplementär und kostentreibend

Einführung der OKP-Pflicht war kostentreibend

Die rein komplementärmedizinischen Leistungen haben am Gesamtkuchen der Grundversicherung nur einen geringen Anteil. Der oft gehörte Grundsatz «komplementär = kostengünstig» wird in der statistischen Analyse allerdings klar widerlegt: Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlungskosten der Komplementärmediziner um rund acht Prozent anstiegen, als deren Leistungen im Jahr 2012 OKP-pflichtig wurden (siehe Grafik).* Das heisst: Komplementärmedizinische Tarifpositionen werden zusätzlich zu allen bisherigen schulmedizinischen Leistungen in Rechnung gestellt und wirken daher kostentreibend. Folgerichtig müsste man die Komplementärmedizin aus abrechnungstechnischer Sicht nicht als «alternativ», sondern eher als «additiv» bezeichnen.

Dr. Lukas Brunner, Leiter Wirtschaftlichkeitsprüfungen, santésuisse, Dr. Boris Kaiser, Projektleiter, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung

* Die Ergebnisse basieren auf der Difference-in-Difference-Methode und sind robust bezüglich der Modellspezifikation. Die Analyse basiert auf 4665 Grundversorgern (Allgemeine innere Medizin und praktische Ärzte) für die Jahre 2007 bis 2016.

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