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04.06.2019

Referenzpreissystem für Generika

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Während sich im benachbarten Ausland das Referenzpreissystem für Generika seit Jahren bewährt, wehren sich die Hersteller in der Schweiz erfolgreich gegen die wirkstoffbasierte Vergütung für Arzneimittel ohne Patentschutz. Ein Sonderfall, der jährlich mit hunderten von Millionen Franken zu Buche schlägt, zulasten der Prämienzahlenden.

Die Schweiz ist in vielem ein Sonderfall, und in der Regel ist sie es nicht ungern: Wir sind stolz auf unsere Eigenständigkeit und Schaffenskraft, auf unser einzigartiges Mitspracherecht in politischen Sachfragen, auf den Föderalismus mit all seinen Nebenwirkungen oder die mehr oder weniger gelebte Viersprachigkeit. Und wir sind stolz auf unser gut funktionierendes Gesundheitssystem. In Anbetrach der unaufhörlich steigenden Kosten mischen sich in diesen Stolz immer mehr auch Frust und Ohnmacht: Die Prämien für die Krankenversicherung übersteigen die Möglichkeiten des durchschnittlichen Haushaltsbudgets, und die Prämienbelastung steht längst ganz oben auf dem Sorgenbarometer der Schweizer Bevölkerung.
Um das Kostenwachstum in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) zu bremsen, hat der Bundesrat 2018 ein Kostendämpfungsprogramm verabschiedet, das alle Akteure im Gesundheitswesen in die Pflicht nimmt und dafür sorgen soll, dass die Kosten nur noch in dem Umfang steigen, wie diese medizinisch begründbar sind. Zentraler Bestandteil eines ersten Massnahmenpakets ist die Einführung eines Referenzpreissystems* für patentabgelaufene Arzneimittel. Die Schweiz würde damit dem Beispiel von mehr als zwanzig europäischen Ländern folgen, in denen sich die auf dem Wirkstoff basierte Vergütung für patentabgelaufene Arzneimittel und deren Generika seit Jahren bewährt. Und sie könnte sich damit von einem Sonderfall verabschieden, der in erster Linie Zusatzkosten ohne Mehrwert generiert. In Deutschland beispielsweise belaufen sich die jährlichen Einsparungen dank Referenzpreissystem auf über sieben Milliarden Franken.

600 Millionen auf dem Silbertablett

Wie dringlich dieser Systemwechsel auch für das Schweizer Gesundheitssystem ist, zeigt der von den Verbänden Interpharma und santésuisse jährlich durchgeführte Auslandpreisvergleich für patentgeschützte Medikamente, patentabgelaufene Medikamente sowie für Generika.

Generikaanteil im internationalen Vergleich

Grafik 1: Sonderfall Schweiz: Mit einem Generika-Anteil von gerade einmal 23 Prozent ist unser Land unrühmliches Schlusslicht im europäischen Vergleich. Quelle: OECD – Health Statistics 2018, Datenstand 2016.

In keinem vergleichbaren Land werden so wenig Generika verschrieben wie in der Schweiz (Grafik 1). 2016 waren es gerade einmal 23 Prozent, vergleichen mit Deutschland (81 Prozent) oder Grossbritannien (85 Prozent). Ein Sonderfall der unrühmlichen Art, zumindest aus Sicht der Prämienzahlenden – und einfach zu beseitigen mit der Einführung wirkstoffbasierter Medikamentenpreise. Von der Grundversicherung würde nur noch der in der Spezialitätenliste für den spezifischen Wirkstoff festgelegte, wirtschaftlichste Referenzpreis vergütet (Tabelle). Verschreibt der Arzt ein teureres Medikament, gehen die zusätzlichen Kosten zulasten des Patienten. Hier liegt, gemäss einer Studie von Intergenerika, ein Einsparpotenzial von rund 200 Millionen Franken brach.

Generikapreise im Vergleiche

Grafik 2: Sonderfall Schweiz: Generika kosten in der Schweiz im Durchschnitt doppelt so viel wie im vergleichbaren Ausland. Quelle: Interpharma und santésuisse – Auslandpreisvergleich 2018.


Kommt hinzu, dass Generika in der Schweiz im Durchschnitt doppelt so viel kosten wie im vergleichbaren Ausland (Grafik 2). Durch Senken der überhöhten Generikapreise auf europäisches Niveau würden jährlich Kosten von 400 Millionen Franken eingespart. Insgesamt könnte die Grundversicherung mit dem Wechsel zum Referenzpreissystem, kombiniert mit einer Generika- Verschreibungspflicht, jährlich um 600 Millionen Franken entlastet werden, bei gleichbleibender Qualität.


Durchschaubare Opposition

Auf wenig Gegenliebe stossen die bundesrätlichen Pläne im Generikabereich bei den Ärztinnen und Ärzten, bei den Apothekern sowie der Pharmaindustrie. Für deren Exponenten ist ein Systemwechsel hin zu wirkstoffbasierten Festbeträgen eine unzulässige Einmischung in die therapeutische Freiheit, unter der die Behandlungsqualität der Patientinnen und Patienten leiden könnte. Die Rede ist vom Vormarsch der «Billigstmedizin». Dabei wird gerne ausser Acht gelassen, dass Generika punkto Qualität dem Original entsprechen und die hohen Zulassungshürden von «Swissmedic» nehmen müssen. Befürchtet werden ausserdem eine Beeinträchtigung von Therapietreue und Arzneimittelsicherheit sowie ein Innovationsstopp punkto Darreichungsform und Verpackung. Dass bei einem Einsparpotenzial von mehreren hundert Millionen Franken pro Jahr auch spürbare Umsatz- und Einkommenseinbussen zu verzeichnen wären, dürfte hingegen der Hauptgrund für die Verhinderung dieser längst fälligen Reform sein.

Gleiche Wirkung, weniger Kosten

Am Beispiel dieser drei umsatzstarken Wirkstoffe lässt sich das Sparpotenzial erahnen, das im Referenzpreissystem steckt.


Biosimilars sind Generika!

Finanzielle Interessen sind übrigens auch der Grund, weshalb Biosimilars in unserem Land noch immer einen Sonderstatus geniessen. Als Biosimilars bezeichnet man die kostengünstige(re)n Nachahmer-Präparate der modernen, biotechnologisch hergestellten Medikamente – Biologika in der Fachsprache – die insbesondere bei der Behandlung von Krebserkrankungen vermehrt zum Einsatz kommen. Die Umsätze in diesem Bereich sind stark steigend.
Geht es nach dem Bundesrat – und den Krankenversicherern – sollen die Biosimilars mit dem angestrebten Systemwechsel im Generikabereich ihren heutigen Sonderfall-Status punkto Abstandsregelung*, Preisfestsetzung und Selbstbehalt verlieren und künftig als Generika gelten. Aus gutem Grund: Bei mehreren führenden Biologika ist der Patentschutz in Europa ausgelaufen; gleichzeitig ist die Pipeline mit kostengünstigeren Biosimilars gut gefüllt. Um Fehlanreize zu verhindern und den günstigeren Nachahmer-Medikamenten den Weg zu ebnen, ist diese neue Regelung deshalb zentral.

Sonderfall ohne Berechtigung

2017 vergüteten die Schweizer Krankenversicherer pro Jahr im ambulanten Sektor rund 6,8 Milliarden Franken für kassenpflichtige Medikamente. Das heisst, gut 20 Prozent der Ausgaben in der Grundversicherung werden für Arzneimittel aufgewendet. Ob dieser Dimension muss die Frage erlaubt sein, ob sich die Schweiz in diesem Milliardengeschäft noch Sonderfälle leisten kann. Der gesunde Menschenverstand sagt Nein. Mit der Einführung des Referenzpreissystems für patentabgelaufene Medikamente und deren Generika sowie der Gleichstellung von Biosimilars mit Generika liessen sich auf einen Schlag hunderte Millionen Franken einsparen. Ohne dass dies unsere hervorragende Versorgungsqualität gefährden würde. (SST)

 

*Referenzpreissystem und Abstandsregelung

Beim Referenzpreissystem werden alle patentabgelaufenen Medikamente und Generika mit demselben Wirkstoff oder derselben Wirkstoffkombination in eine Gruppe eingeteilt. Pro Gruppe legen die zuständigen Behörden einen Preis fest – den Referenzpreis – der durch die Krankenversicherer zu vergüten ist. Dieser orientiert sich in der Regel an den günstigsten Generika und wird mindestens zweimal pro Jahr den Marktgegebenheiten angepasst. Die Spezialitätenliste (SL) wird mit den Festbeträgen ergänzt. Entscheidet sich der Patient für ein teureres Arzneimittel, muss er die Differenz zum Referenzpreis aus der eigenen Tasche bezahlen. Ist aus medizinischen Gründen die Abgabe eines Originalmedikamentes erforderlich, wird dieses durch die Grundversicherung vergütet, wenn der Arzt das Rezept mit dem Vermerk «aus medizinischen Gründen» ergänzt.

Die Abstandsregelung bestimmt, dass die Generika-Preise in der Schweiz nicht über einen Auslandpreisvergleich bestimmt werden, sondern abhängig vom Umsatz des wirkstoffgleichen Originals mindestens 20 bis 70 Prozent günstiger sein müssen. Eine Regelung, die den Preiswettbewerb negativ beeinflusst, da viele Hersteller diesen Mindestabstand als implizite Preisempfehlung wahrnehmen.

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