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13.09.2019

Analyse der künftigen Kostenentwicklung in der Grundversicherung

Wie gewonnen, so zerronnen?

Es scheint, als wäre die Atempause bei der Prämienentwicklung bereits wieder Geschichte. Zumindest führt die Schätzung von santésuisse zur  Kostenentwicklung für die kommenden Jahre zu diesem Schluss. Schade um eine verpasste Chance.

Verschnaufpause nutzen!»: So und ähnlich lauteten die Aufforderungen der Krankenversicherer im Spätsommer 2018. Grund für den Weckruf war die erfreuliche Tatsache, dass die Kosten zwischen 2017 und 2018 weniger stark gestiegen sind, als ursprünglich prognostiziert; gekoppelt mit der Befürchtung, dass diese Entwicklung nicht von Dauer sein dürfte, wenn es die verantwortlichen Akteure weiterhin verpassen, punkto nachhaltig wirkender Kostendämmungsmassnahmen endlich Nägel mit Köpfen zu machen.

Befürchtet und eingetroffen

Jetzt zeigen datenbasierte Analysen und Einschätzungen der santésuisse-Experten, dass diese Befürchtungen gerechtfertigt sind: Die Prämienzahlenden werden voraussichtlich mit einem neuerlichen Kostenschub konfrontiert. Für die Jahre 2019 und 2020 rechnet der Verband mit einem Wachstum der  Leistungskosten von rund drei Prozent, wobei das Plus einzelner Kategorien die fünf Prozent- Marke übersteigen dürfte (siehe Grafik). Sollen dann auch noch Zusatzwünsche erfüllt werden – beispielsweise das selbstständige Abrechnen durch Pflegefachpersonen zulasten der Grundversicherung – verpufft die Hoffnung auf moderate Prämienrunden endgültig.

Die Ausreisser

Sie sind über Jahre im Windschatten der stetig steigenden ambulanten Arzt- und Spitalkosten gesegelt, die Kostenblöcke Physiotherapie, Spitexpflege und Laboranalysen. Leistungssteigerungen von fünf Prozent und mehr rücken jetzt auch diese Bereiche in den Fokus:

  • Physiotherapie: santésuisse prognostiziert für die Jahre 2019 und 2020 ein kontinuierliches Kostenwachstum von sechs Prozent; bei einem  Kostenvolumen von gut einer Milliarde Franken pro Jahr. Die Gründe für diese Entwicklung: Ärztinnen und Ärzte verschreiben wesentlich mehr Behandlungen am Bewegungsapparat als noch vor einigen Jahren. Als logische Folge dieser Entwicklung gibt es immer mehr Physiotherapeuten, die zulasten der obligatorischen Grundversicherung (OKP) abrechnen. Kontinuierlich steigt auch die Anzahl der Physio- Konsultationen pro erkrankte Person; immer häufiger wird zudem die maximale Anzahl von vier Serien zu je neun Sitzungen ausgenutzt.
  • Laboranalysen: Die Labordiagnostik geht mehr und mehr ins Geld. santésuisse rechnet in den kommenden Jahren mit Kostensteigerungen von fünf Prozent auf einem derzeit geschätzten Volumen von gut 950 Millionen Franken pro Jahr. Einerseits werden aus demografischen Gründen immer mehr Laboranalysen nötig, andererseits kommen dank technischem und medizinischem Fortschritt ständig neue Leistungen auf die Analysenliste und
    werden folglich auch verordnet.
  • Spitexleistungen: Pflegebedürftige Patientinnen und Patienten vermehrt daheim zu pflegen und betreuen, ist eine sinnvolle Entwicklung, die sich allerdings auf die Kosten im Spitexbereich auswirkt. santésuisse rechnet hier mit einem Wachstum von rund sechs Prozent; bei einem Kostenvolumen, das über kurz oder lang die Milliardengrenze übersteigen wird.

Die Dauerbrenner

Sie laufen sozusagen unter der Rubrik «more of the same»: Die Rede ist von der sich munter drehenden Kostenspirale im ambulanten Bereich – insbesondere im Spital – sowie bei den Medikamenten:

  • Spital ambulant: Nachdem die Kosten im ambulanten Spitalbereich – über sechs Milliarden Franken pro Jahr – in den letzten Jahren dank des
    TARMED-Eingriffs des Bundesrats erstmals seit Jahrzehnten zurückgegangen sind, droht jetzt der Rückschritt ins alte Fahrwasser. Für das laufende und das kommende Jahr erwarten die santésuisse-Experten eine Kostensteigerung von rund fünf Prozent.
  • Arzt ambulant: Hier beträgt die erwartete Kostensteigerung ärztlicher Behandlungen für die Jahre 2019 und 2020 rund drei Prozent, basierend auf  einem Kostenvolumen von beinahe sieben Milliarden Franken.
  • Medikamente Ärzte und Apotheken: Mit einem Volumen von rund sechs Milliarden Franken der Kosten-Dauerbrenner schlechthin. Für die kommenden
    zwei Jahre erwarten die Experten in diesem Bereich ein Wachstum von rund vier Prozent bei den Ärzten sowie drei Prozent bei den Apotheken.

Die neuen Kostentreiber

Sorgen macht den Krankenversicherern ausserdem die Entwicklung in drei Bereichen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen zu künftigen Kostentreibern werden (können), so denn nicht gezielt Gegensteuer gegeben wird:

  • Ausbau der Pflege: Das selbstständige Abrechnen durch Pflegefachpersonen zulasten der OKP würde zu einer starken Mengenausweitung und damit zu einem Kostenschub führen – was sich unmittelbar auf die Prämienhöhe auswirken wird.
  • Personalisierte Medizin und Gentherapien: Die vielversprechenden und teilweise exorbitant teuren Therapien revolutionieren derzeit das  Gesundheitswesen. Hier droht in den kommenden Jahren ein Kostenschub von mehreren hundert Millionen Franken.
  • Neuer ambulanter Arzttarif: Das Thema ist nicht neu, jedoch akut. Verpassen die Tarifpartner hier einen zumindest kostenneutralen Neuanfang mit entsprechenden Kontroll- und Korrekturinstrumenten, werden weiterhin Fehlanreize für ein unkontrolliertes Kostenwachstum sorgen. Die Gefahr ist gross, dass neue Schlupflöcher für «kreatives Abrechnen» geschaffen werden.

Die Reserven werden es nicht richten!

Die Folgen dieser Kostenentwicklung sind absehbar: Die Krankenversicherungsprämien dürften erneut steigen. Denn nach wie vor gilt, dass die Prämienzahlungen der Versicherten die verursachten Leistungskosten eines Jahres decken müssen. Absehbar ist auch, dass ein neuerlicher Prämienanstieg diejenigen Politikerinnen und Politiker auf den Plan rufen wird, die wider besseren Wissens fordern, die Versicherer müssten einen Teil ihrer Reserven auflösen, um einen allfälligen Prämiensprung abzufedern. Diese Forderung ist weder durchdacht noch entspricht sie den gesetzlichen Vorgaben: Die Reserven eines Krankenversicherers sind dazu da, dessen dauerhafte Zahlungsfähigkeit sicherstellen, auch bei unerwarteten Entwicklungen wie beispielsweise einer Pandemie. Festgelegt werden die Mindestreserven durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG), auf der Basis eines jährlichen Solvenztests. Übersteigen die Reserven eines Versicherers das gesetzliche Minimum und will der Versicherer mit diesem Geld das Prämienwachstum längerfristig senken, braucht er hierfür die Bewilligung der Aufsichtsbehörde. Das macht Sinn, weil ein  Reserveabbau in der Regel schnell zum Bumerang wird, solange auf der Kostenseite keine Entspannung in Sicht ist: Die Prämien mögen dank Reserveabbau kurzfristig sinken, müssen gemäss Gesetz über kurz oder lang jedoch wieder den (hohen) Kosten folgen. Die Folge davon kann ein massiver Prämiensprung nach oben sein, um die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve wieder einhalten zu können.Über alle Krankenversicherer gesehen belaufen sich die Reserven auf rund 850 Franken pro versicherte Person, was etwa drei Monatsprämien entspricht.

Höchste Zeit für ein klares Zeichen

Die Krankenversicherer haben seit langem klare, plausible und mit Sicherheit probate Vorstellungen darüber, mit welchen Mitteln und Massnahmen sich das Kostenwachstum in der Grundversicherung eindämmen lässt. Dass diese nicht bei allen Akteuren auf Zustimmung stossen, hat den Ursprung im gezielten
Festhalten an Partikularinteressen. Dennoch, sozusagen fürs Protokoll, sei der «santésuisse-Rezeptblock» für eine bezahlbare(re) Grundversicherung an dieser Stelle noch einmal festgehalten:

  • Medikamentenpreise senken
    – Jährlicher Auslandpreisvergleich für alle Medikamente institutionalisieren
    – Kostengünstigkeitsprinzip und Referenzpreissystem einführen
    – Territorialitätsprinzip aufheben, Parallelimporte für patentgeschützte Arzneimittel zulassen
    – Vertriebsmargen senken
  • Zulassungssteuerung
    – Vorantreiben einer kantonsübergreifenden Versorgungsplanung im ambulanten wie im stationären Bereich Qualität und Effizienz der medizinischen
    Leistungen verbessern
    – Keine Gelegenheitschirurgie mehr; Mindestfallzahlen bestimmen
    – Systematische Nutzwertanalysen vorantreiben (Health Technology Assessments, HTA)
  • Kein Kurswechsel in der Pflegefinanzierung
    – Keine Erhöhung der OKP-Beitragssätze
    – Keine Experimente zulasten der Prämienzahlenden
  • Neuer Tarif im ambulanten Bereich
    – Pauschalen fördern, um Mengenwachstum einzudämmen.

Sollte dieser Forderungskatalog da und dort  ein «Déjà-vu» auslösen, steckt durchaus Absicht dahinter. Schliesslich ist es der stete Tropfen, der den Stein höhlt.

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