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15.10.2020

Gastbeitrag Prof. Dr. Jean-Michel Gaspoz

„In der Medizin ist weniger manchmal mehr“

Der Verein „smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland“ kämpft gegen Abklärungen und Behandlungen, die keinen Mehrwert für Patienten bieten und möglicherweise mehr schaden als nützen. Gemeinsam mit den Gesellschaften verschiedener klinischer Fachdisziplinen haben wir 16 Listen mit je 5 Empfehlungen zu deren Vermeidung veröffentlicht (Top-5-Listen, siehe www.smartermedicine.ch). Die Vereinsziele verfolgen wir mit Präsentationen für Parlamentarier, aber auch mit Filmen und Flugblättern für Patientinnen und Patienten. Damit möchten wir sie ermutigen, ihre Ärzte zu bevorstehenden Tests und Behandlungen zu befragen.

In Zusammenarbeit mit dem Swiss Medical Board hat „smarter medicine“ drei Infografiken für behandelnde Ärzte ausgearbeitet, mit denen wir sie für die folgenden Themen sensibilisieren: Keine Antibiotika bei unkomplizierten Atemwegsinfekten, kein Röntgenbild bei Rückenschmerzen in den ersten sechs Wochen sowie keine PSA-Tests ohne Kenntnis von Risiken und Nutzen. Dazu wurden in der Schweizerischen Ärztezeitung Infografiken veröffentlicht, die auch unter www.smartermedicine.ch (Register „Für Fachpersonen“) sichtbar sind. Weitere Dokumente folgen.

Für 2020 plante „smarter medicine“ eine neue öffentliche Kampagne zum Thema «in der Medizin ist weniger manchmal mehr». Aufgrund der Covid-19-Epidemie musste sie nun auf 2021 verschoben werden. Während des Lockdowns nahmen Schweizer Patientinnen und Patienten deutlich weniger Behandlungen in Anspruch, denn viele verzichteten selbst bei absolut notwendigen Behandlungen auf Arztbesuche oder Spitalaufenthalte. Gemeinsam mit seinen internationalen Partnern hat „smarter medicine“ zur Sicherstellung wissenschaftlicher Genauigkeit in Bezug auf nicht erprobte Behandlungen aufgerufen.

„Smarter medicine“ ist mit grossem Engagement an der Bildung einer Arbeitsgruppe von Partnern aus dem Spitalbereich, den «smarter hospitals», damit diese ihre Ideen austauschen und die praktikabelsten Lehren daraus ziehen können. Das Ziel besteht darin, von Abklärungen und Behandlungen ohne Mehrwert für die Patienten abzukommen und Forschungspartnerschaften in diesem Bereich aufzubauen. Folgende Spitäler sind bereits Partnerspitäler von smarter medicine: Hôpitaux Universitaires de Genève, Spital Limmattal, Stadtspital Triemli Zürich, Waidspital Zürich, Kantonsspital Luzern, Kantonsspital Nidwalden, Ente Ospedaliere Cantonale del Ticino, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois und Hôpital de la Tour Genève. Weitere Spitäler haben bereits ihr Interesse bekundet.

Prof. Dr. Jean-Michel Gaspoz ist Facharzt FMH für allgemeine innere Medizin und Kardiologie, Hirslanden Clinique des Grangettes in Chêne-Bougeries sowie Präsident des Vereins „smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland“.

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