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17.06.2019

Neues Qualitätsgesetz für mehr Patientensicherheit

«Jetzt braucht es verpflichtende Standards»

Mit der Verabschiedung des neuen Qualitätsgesetzes kommt Bewegung in ein bis dato stiefmütterlich behandeltes Kapitel unseres Gesundheitssystems. Was sich mit evidenzbasierten Behandlungspfaden erreichen lässt und was die neu zu schaffende Expertenkommission leisten muss, wollte infosantésuisse von Dr. med. Stefan Grunder wissen.

Freude herrscht bei den Krankenversicherern: Das Parlament hat in seiner Frühjahrssession – wider Erwarten – einem griffigen Qualitätsgesetz für mehr Patientensicherheit zugestimmt. Unser Gesundheitssystem bekommt damit endlich eine systematische Qualitätskontrolle, die diesen Namen auch tatsächlich verdient. Mit der Entwicklung von verbindlichen medizinischen Standards und der Definition von Behandlungspfaden wird eine vom Bundesrat eingesetzte Expertenkommission beauftragt.
Wie wird sich das neue Gesetz auf die Patientensicherheit auswirken? Welchen Herausforderungen steht die neu zu schaffende Expertenkommission gegenüber? Und wird diese in der Lage sein, sinnvolle Behandlungspfade festzulegen und diese auch durchzusetzen? infosantésuisse hat diese Fragen mit Dr. med. Stefan Grunder diskutiert, der sich aus klinischer wie unternehmerischer Sicht seit Jahren intensiv mit dem Thema Qualität im Gesundheitswesen befasst, zuletzt als medizinischer Direktor einer Privatklinikgruppe.

Dr. med. Stefan Grunder

Dr. med. Stefan Grunder befasst sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Qualität im Gesundheitswesen. Als Arzt mit langjähriger Berufserfahrung in diversen Spitälern und später als ärztlicher Direktor der Spitalnetz Bern AG sowie der Hirslanden Klinik-Gruppe, kennt er die Herausforderungen – und Stolpersteine – welche die Implementierung standardisierter Qualitätsprozesse im klinischen Alltag mit sich bringen.

infosantésuisse: Stefan Grunder, welche Erwartungen haben Sie an die Expertenkommission, die künftig die medizinischen Qualitätsstandards definieren und über sie wachen soll?

Stefan Grunder: Grundsätzlich bin ich froh, dass sich bald einmal ein Fachgremium mit der Frage der medizinischen Qualitätssicherung befassen wird. Das ist ein längst fälliger Schritt. Aber Vorsicht: Eine Expertenkommission ins Leben zu rufen ist noch keine Garantie für mehr Qualität im Gesundheitswesen. Entscheidend wird sein, welche fachlichen Kompetenzen in dieser Runde vertreten sind und welche Mittel und Möglichkeiten ihr zur Verfügung stehen. Es ist zwingend, dass hier Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit viel praktischer Erfahrung am Tisch sitzen; Fachleute, die wissen, wie sich Qualitätsstandards und eine optimale Patientenbehandlung unter einen Hut bringen lassen.

 

«Zu viel Variabilität und Individualität ist der Qualität abträglich.»

 

Und die Erwartungen an die Zusammensetzung dieser Kommission?

Dass im Gremium alle relevanten Interessengruppen vertreten sein werden, erachte ich als politisch selbstverständlich. Matchentscheidend ist zudem, dass die Kommission nicht ein politisches Forum für Partikularinteressen wird. Das wäre fatal und würde uns dem Ziel, die Qualität im Gesundheitswesen zu verbessern, keinen Schritt weiter bringen.

Griffige Qualitätsstandards für mehr Patientensicherheit gehen über Operations-Checklisten hinaus. Wo orten Sie in der medizinischen Praxis das grösste Optimierungspotenzial?

Bei evidenzbasierten, ergebniskontrollierten Behandlungspfaden. Will heissen, dass für definierte klinische Situationen «Anleitungen» bestehen, wie die diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen zu treffen und welche Kriterien dabei zu berücksichtigen sind. Das bringt Orientierung und Sicherheit für das Behandlungsteam und macht die Qualität des Vorgehens erst messbar. Dieser Ansatz mag auf den ersten Blick aufwendig und für den ärztlichen Alltag ungeeignet erscheinen. Es ist aber wissenschaftlich erwiesen, dass auch in der Medizin zu viel Variabilität respektive Individualität der Qualität abträglich ist. Anders ausgedrückt: Wenn jeder Arzt jedem Patienten die subjektiv beste Behandlung zukommen lässt, führt dies im Gesamtergebnis nicht zu einer Qualitätsverbesserung.

 

«Die Expertenkommission darf keinesfalls ein politisches Forum werden.»

 

Können Sie diese These an einem Beispiel erklären?

Auf vielen Intensivpflegestationen werden die konkreten Modalitäten der Beatmung eines Patienten durch den jeweils diensttuenden Arzt festgelegt. Die Pflegefachpersonen haben sich damit täglich auf verschiedene Vorgehensweisen einzustellen. Das reduziert die Sicherheit in der Betreuung, ist letztlich auch für den Arzt aufwendig und bindet seine Ressourcen. Praxistests im Ausland haben gezeigt, dass eine gemeinsam vereinbarte Vorgehensweise in 80 Prozent der Fälle erfolgreich umgesetzt werden kann, diese zu besseren Ergebnissen führt und der Facharzt mehr Zeit für die andern 20 Prozent der Patienten zur Verfügung hat.

Also sind vordefinierte Behandlungspfade bei der Qualitätsoptimierung das Mass aller Dinge?

Sie sind in jedem Fall zentrale Grundlage für mehr Patientensicherheit und eine optimale Behandlungsqualität. Aber sie sind nicht allein seligmachend. Schon deshalb, weil die Patientenbehandlung, gerade in einer Klinik, auf der Zusammenarbeit von Fachteams basiert. Also ist es entscheidend, wie gut diese Zusammenarbeit spielt. Und hier kommen wir zu den «feinstofflichen» Qualitätsfaktoren: Kommunikationsverhalten, Teamgeist, Fehlerkultur, Offenheit oder Hierarchiedenken. Wenn hier der Wurm drin ist, nützen Checklisten auch nichts.

Zurück zu den Behandlungspfaden: Wie kommen diese zustande? Wer definiert sie? Wer prüft sie auf ihre Tauglichkeit hin?

In der Pflicht steht einerseits die neu zu schaffende eidgenössische Expertenkommission. Sie wird den Rahmen abstecken und für sinnvolle und verpflichtende Vorgaben sorgen müssen.
Sie muss sicherstellen, dass deren Tauglichkeit und Wirksamkeit im Klinikalltag kontinuierlich überprüft und angepasst werden.
Allein schon deshalb ist es zwingend, dass in dieser Kommission qualifizierte Gesundheitsfachleute und Ökonomen sitzen, die «ihr Geschäft» verstehen und bereit sind, interdisziplinär und innovativ zu denken.
In der Pflicht sind andererseits die Leistungserbringer: Ärzte, Therapeuten, Pflegepersonal.
Sie müssen den Qualitätsprozess aktiv unterstützen, indem sie etwa die konkreten Massnahmen für eine einheitliche Vorgehensweise ausformulieren und für deren kontinuierliche Verbesserung sorgen. Hapert es mit dieser Bereitschaft, steht die Kommission auf verlorenem Posten und das neue Gesetz verkommt zum Papiertiger.

Weshalb tun sich viele Ärztinnen und Ärzte schwer, sich punkto Behandlungsqualität in die Karten schauen zu lassen?

Eine schwierige Frage. Es mag damit zusammenhängen, dass in der Wahrnehmung des Arztes jeder Patient individuell ist und nicht mit standardisierten Behandlungspfaden oder gar Checklisten «behandelt» werden kann. Solange diese Überzeugung vorherrscht, wird die institutionalisierte und systematische Qualitätskontrolle einen schweren Stand haben. Hinzu kommt die hohe Erwartungshaltung der Patientinnen und Patienten. Für sie ist ein Arzt dann kompetent, wenn er mit viel Empathie auf ihre Bedürfnisse eingeht, wobei es in der Natur der Sache liegt, dass diese gerne auch ausserhalb eines vorgegeben Behandlungspfades liegen.

Vom revidierten Qualitätsgesetz erhoffen sich die Krankenversicherer einen Kosteneinspareffekt. Teilen Sie diese Erwartung?

Ja – sofern dieses zu einer messbaren Verbesserung der Qualität führt. Allerdings wäre es falsch, deswegen im übernächsten Jahr eine Prämiensenkung zu erwarten. Bessere Qualität – und damit verbunden etwa weniger Komplikationen und saubere Indikationen – wird die Gesundheitskosten mittel- bis langfristig eindämmen.

Wir haben jetzt ausschliesslich über die Qualität einer Behandlung gesprochen. Welchen Stellenwert hat die Qualität der Diagnose in diesem Prozess?

Die Diagnosequalität ist zentral, sie steht am Anfang jedes Qualitätsprozesses. Wie sehr sie in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, zeigt sich an den verschiedenen Indikationsboards, die insbesondere für grössere Eingriffe, beispielsweise in den Bereichen Neurochirurgie, Wirbelsäulenchirurgie, Herzchirurgie und natürlich in der Onkologie geschaffen wurden. Ärztinnen und Ärzte erhalten hier qualifizierte Zweitmeinungen, die für den weiteren Behandlungsverlauf entscheidend sind und helfen, unnötige Eingriffe zu vermeiden. Es kommt denn auch nicht von Ungefähr, dass einzelne Kantone die systematische Konsultation eines Indikationsboards davon abhängig machen, ob ein Spital einen Leistungsauftrag erhält.

Welches sind Ihre persönlichen Erwartungen an die Expertenkommission, die mit der Qualitätssicherung beauftrag wird?

Abgesehen von der bereits erwähnten politischen Unabhängigkeit erwarte ich, dass hier ein hochqualifiziertes Gremium geschaffen wird, das mit der klinischen Praxis vertraut ist. Und ich hoffe sehr, dass die Kommission bei ihrer Arbeit auch den Blick ins Ausland wagt. «Best practice» muss nämlich nicht neu erfunden werden, sondern ist in hohem Masse vorhanden, zum Beispiel in England oder in den USA. Aber abholen muss man sie.

Interview: Susanne Steffen

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