Gesundheitsökonom Stefan Felder über Chancen und Risiken der OKP

Die Kosten steigen, immer mehr Versicherte können die Prämien nicht mehr bezahlen. In der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) besteht Handlungsbedarf. Einige Reformen sind aufgegleist, andere bleiben weiterhin blockiert. Gesundheitsökonom Prof. Dr. Stefan Felder über Chancen und Risiken für das Gesundheitswesen von morgen.

infosantésuisse-Artikel
12.03.2026

Die Diskussion rund um die obligatorische Krankenpflegeversicherung ist wichtiger denn je. Steigende Prämien, wachsende Ansprüche der Bevölkerung und ein zunehmend komplexes System stellen Politik, Leistungserbringer und Versicherte gleichermassen vor schwierige Fragen. Gesundheitsökonom Stefan Felder skizziert die zentralen Risiken und Baustellen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) und zeigt auf, wo aus seiner Sicht dringend gehandelt werden muss.

Kostenentwicklung

«Der Kostenanstieg in der OKP ist ein zentrales Thema. Denn: Mit den Kosten steigen auch die Prämien, die wir alle bezahlen müssen. Eine wichtige Kostendämpfungsmassnahme ist die Erhöhung der Mindestfranchise von heute 300 Franken. Doch nicht nur die Patientinnen und Patienten sollten in die Pflicht genommen werden, sondern auch die Leistungserbringer. Im internationalen Vergleich profitieren sie in der Schweiz von paradiesischen Zuständen. In Deutschland gibt es Praxisbudgets und Capitation-Modelle, bei denen Ärzte eine Pauschale pro Patienten und Quartal erhalten. Da kann nicht jede Spritze einzeln abgerechnet werden. Die Einführung von ambulanten Behandlungspauschalen in der Schweiz ist deshalb ein wichtiger erster Schritt, morbiditätsorientierte Kopfpauschalen sollten folgen.

Ausbau des Leistungsangebots

«Die Ansprüche der Patientinnen und Patienten nehmen zu, immer mehr Leistungen werden in die Grundversicherung gepackt. Seit Einführung der OKP im Jahr 1996 wächst der Umfang stetig. Heute sind fast hundert Prozent der medizinisch-technisch möglichen Leistungen Teil des Grundangebots. Das führt zu einer Verdrängung der Zusatzversicherungen und wird langfristig nicht gut gehen.

Es ist nicht Aufgabe des Staates, jedem Patienten jede Behandlung zu ermöglichen. In unserer Verfassung wird, in Ergänzung zu den Sozialzielen,  explizit auch die persönliche Verantwortung betont. Für die Zukunft wünsche ich mir deshalb eine bessere Kontrolle des Leistungskatalogs. Es dürfen nur Leistungen vergütet werden, welche den WZW-Kriterien (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) entsprechen. Mit dem Health Technology Assessment (HTA) verfügt der Bund längst über ein Verfahren zur Leistungsprüfung. Trotzdem wird kaum eine Leistung aus dem OKP-Katalog gestrichen, auch wenn sie die WZW-Kriterien nicht mehr erfüllt. Das ist ernüchternd.»

Versorgungsplanung

In der Schweiz sollten 40 Prozent der Spitäler geschlossen werden. Dies wäre Aufgabe der Kantone – doch sie nehmen sie nicht wahr, wohl auch, weil sie in vielen Fällen selbst Betreiber oder Eigentümer sind. Die Politiker schielen auf Wählerstimmen und die Gunst der Ärzteschaft.

Es muss die Zeit der Versicherer kommen. Mit ihren Managed-Care-Modellen können sie sich zwar bereits heute vom Kontrahierungszwang lösen und mehr Druck auf die Leistungserbringer erzeugen. Aber es wäre mehr möglich, indem unwirtschaftliches und qualitativ mangelhaftes Arbeiten sanktioniert würde. Und: Wir brauchen mehr ambulante und weniger stationäre Versorgung. Die Einführung der Einheitlichen Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen (EFAS) ist da ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.»

Medikamentenpreise

«In der Schweiz sind patentgeschützte Medikamente etwa zehn Prozent teurer als in europäischen Vergleichsländern. Der Unterschied ist also gar nicht mal so gross. Ganz im Gegensatz zu den Preisen, die wir für Generika und Biosimilars zahlen. Hier spielt der Wettbewerb zu wenig. Der Anteil an den Verschreibungen ist noch zu gering – obwohl der Wirkstoff gleich wie beim Original ist und die Patienten damit keine Nachteile haben.»

Digitalisierung

«Im Bereich Digitalisierung sehe ich sehr viel Potenzial. Es ist Aufgabe des Bundes, endlich alle Akteure auf Linie zu bringen. Und es muss schnell gehen, denn die Einführung des Elektronischen Gesundheitsdossiers (EG-D) dauert schon viel zu lange.

In Zukunft müssen alle Patienten und Leistungserbringer zwingend an das EG-D angeschlossen sein. Ein wichtiger Punkt ist die Interoperabilität der Systeme. Es braucht eine Plattform, in der alle Daten zusammenkommen und für Ärzte sowie Prämienzahler zugänglich sind. Davon würde auch die Wissenschaft profitieren. Und wir würden Kosten sparen, weil u.a. Mehrfachuntersuchungen verhindert werden könnten.»

Demografie

«Die Demografie hat nur einen geringen Einfluss auf den Kostenanstieg. Die Menschen werden älter, altern aber gesünder als früher, so dass die Kosten übers ganze Leben betrachtet nicht zunehmen. Die Demografie wird von den Politikern oft als Ausrede missbraucht, denn gegen das steigende Alter der Bevölkerung kann man ja nichts tun…»

Fachkräftemangel

«Das medizinische Angebot ist, je nach Region, sehr unterschiedlich. Alles in allem gibt es aber gewiss nicht zu wenig Ärztinnen und Ärzte. Und auch in der Pflege sind wir im Vergleich zum Ausland viel besser aufgestellt. Ich stelle immer wieder fest, dass die Ansprüche an die Grundversicherung in unserem Land einfach enorm sind.»

Reformstau

«Spitäler und Leistungserbringer haben eine sehr starke Lobby, die sich bei wichtigen Vorlagen im Parlament oft durchsetzen kann. Damit stellen sie sich erfolgreich gegen wichtige Reformen und lähmen das System. Hinzu kommt der politische Diskurs zur Einheitskasse. Er lenkt von den wirklich wichtigen Themen ab, die wir angehen müssten. Da braucht es dringend ein Umdenken, sonst kommen wir nicht weiter.»


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