«Die schwierigste Ausgangslage überhaupt»

Mit dem neuen ambulanten Arzttarif erlebt das Gesundheitswesen einen signifikanten Systemwechsel. Für Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Gächter ist die parallele Einführung von Tardoc und Pauschalen eine ganz besondere Herausforderung. «Da ist sehr viel Resilienz von allen gefragt.»

infosantésuisse-Artikel
05.05.2026

Das Gesundheitswesen ist im Umbruch. Seit 1. Januar 2026 gilt in der Schweiz ein neuer Arzttarif für die Abrechnung von ambulanten Leistungen. Wie gross ist diese Veränderung tatsächlich? 

Thomas Gächter: Es ist ein grosser und sehr wichtiger Einschnitt für das Gesundheitswesen. Der bisherige Tarif Tarmed war veraltet und längst nicht mehr zeitgemäss. Er wies zahlreiche «Unwuchten» auf; wichtige Leistungen konnten nicht mehr adäquat abgerechnet werden. Der neue Arzttarif bietet grosse Chancen – aber auch Herausforderungen, die nicht zu unterschätzen sind. 

Welche denn? 

Mit dem Einzelleistungstarif Tardoc und den ambulanten Pauschalen wurden gleich zwei Systeme eingeführt, die nach einer völlig unterschiedlichen Logik funktionieren. Das ist die schwierigste Ausgangslage, die man sich überhaupt vorstellen kann. 

Wo sehen Sie besondere Herausforderungen?

Überall dort, wo die beiden Tarife bei Leistungsabrechnungen Berührungspunkte haben, können in der Praxis Fragen auftreten. Welche Leistungen sind mit einer Pauschale bereits abgedeckt? Wo kommt als Ergänzung der Tardoc zum Zug? Für Ärzte und Spitäler ist die Ausgangslage völlig neu. Es wird schon eine Zeit dauern, bis die beiden Systeme einwandfrei zusammen funktionieren. Da ist von den Akteuren sehr viel Resilienz gefragt.

Immerhin können Detailfragen nun partnerschaftlich geklärt werden. In der neuen Tariforganisation OAAT haben Krankenversicherer und Leistungserbringer die Aufgabe, den neuen Arzttarif kontinuierlich weiterzuentwickeln. 

Die OAAT spielt in diesem Transformationsprozess eine enorm wichtige Rolle. In Kleinarbeit muss sie zahlreiche Tarifposition prüfen und Detailfragen klären. Dabei haben die Tarifspezialisten im vergangenen Jahr bereits sehr wichtige Fortschritte erzielt. Die Klagen vieler Leistungserbringer sind zwar nicht ganz verstummt – aber sie sind doch leiser geworden. Das hat direkt mit der wertvollen Arbeit der OAAT zu tun. 

Welches System eignet sich besser für die Abrechnung von ambulanten Leistungen: Pauschalen oder Tardoc?

Da möchte ich mich nicht festlegen. Beide Systeme haben ihre Stärken und Schwächen. Für mich ist es verständlich, dass Ärzte eher zum Tardoc tendieren, weil sie damit grössere Freiheiten bei der Leistungsabrechnung haben. Die Bedürfnisse der Spitäler werden mit Pauschalen jedoch bereits gut abgedeckt. Seit der Einführung von SwissDRG im stationären Bereich haben sie damit auch einiges an Erfahrung sammeln können. Nachvollziehbar ist für mich auch, dass die Politik eher zu Pauschalen tendiert, weil damit die Kostenentwicklung besser gesteuert werden kann.   

Sollten die Gesundheitskosten weiter steigen: Ist es denkbar, dass die Politik irgendwann nur noch Pauschalen für die Abrechnung von ambulanten Leistungen zulässt?

Ich kann mir schon vorstellen, dass die heutige Situation nur eine Übergangslösung ist. Das letzte Wort ist jedenfalls noch lange nicht gesprochen. Wie gesagt, muss sich der neue Arzttarif in der Praxis erst bewähren. Hinzu kommt, dass diverse Beschwerden der Leistungserbringerverbände beim Bundesverwaltungsgericht noch hängig sind. Bis die Urteile gefällt sind, kann locker ein Jahr oder mehr vergehen. Die Situation bleibt also herausfordernd und für alle Beteiligten mit viel Arbeit verbunden.
 


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